Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

Liebe Leser,
kennen Sie die Skikrankheit? Halt, bleiben Sie am Ball, auch falls Sie nicht Ski fahren – es ist trotzdem interessant. Außerdem habe ich ein weiteres Leiden meiner selbst entlarvt.

Es gibt Tage, da fährt man im Sonnenschein von der Auricher Höhe hinab in die Nebelsuppe der Kernstadt – an anderen Tagen ist es gerade umgekehrt. Manchmal sitzen nur vereinzelte, aber eklige Nebelschwaden im Lembergerland. Und neulich war sichttechnisch ein sonniges Desaster auf der Enzweihinger Steige im Gange. Am späten Vormittag fuhren mein Autochen und ich aus Enzweihingen hinaus die Steige hinauf. Dichter Nebel hatte sich dort auf die Landschaft gelegt. Als wäre das nicht schlimm genug, schien frontal von vorne die Sonne durch diese Suppe hindurch, auf eine nasse Fahrbahn, welche den ganzen Spuk ins Fahrerauge spiegelte. Kurz und gut: Es war fast nichts mehr zu sehen. Zum Glück besserten sich die Verhältnisse kurze Zeit später. Ganz wichtig vor allem bei tiefstehender Sonne wie im Winter sind innen und außen gut geputzte Autoscheiben und eine griffbereite Sonnenbrille. Empflindlichen Fahrern könnte eine sogenannte Anglerbrille helfen, rät mein-autolexikon.de. Deren Polarisationsfilter helfe bei Blendung.

Vor wenigen Jahren allerdings hätte dieser Trick vermutlich auch nicht geholfen. Damals hat ein – ja, das gab es schon – Schneetreiben dem Autofahrer in Vaihingen die Sicht fast völlig genommen. Ich fuhr darin herum und hatte kurzzeitig das Gefühl, mein Hirn dreht durch. Und vermutlich weiß ich jetzt auch warum: Mich hatte vielleicht der Anflug der Skikrankheit erwischt. Diese befällt gerne Skifahrer, die sich ihrem Sport in den schneebedeckten Regionen hingeben. Die Skikrankheit hat dabei nichts mit der Höhenkrankheit zu tun. Betroffen sind vielleicht nicht nur Ski-, sondern auch andere Fahrer, wage ich meine Laieneinschätzung hier kundzutun.

Die Entdeckung dieser Krankheit wird dem Schweizer Hals-Nasen-Ohren-Arzt Prof. Dr. Rudolf Häusler aus Bern zugeschrieben, der 1995 bei einer Skiausfahrt mit Freunden war, bei der die Sichtverhältnisse durch Nebel schlecht waren. Häusler stand laut Medienangaben am Rand der Piste und wartete auf die Gruppe, als er plötzlich meinte, rückwärts zu fahren. Er wollte dagegenhalten – und fiel um. Gleich darauf merkte er, dass er sich in Wirklichkeit gar nicht bewegt hatte. Er diagnostizierte bei sich eine Art Seekrankheit auf dem Berg, welche schließlich Skikrankheit getauft wurde.

Inzwischen geht man davon aus, dass diese auftritt, wenn in einer Landschaft, in der Konturen durch Schnee oder/und Nebel verwischen, das Gleichgewichtssystem unterschiedliche Informationen ins Gehirn entsendet. Schwindel und Übelkeit können so die Folge sein. Besonders betroffen sind Menschen mit Augenproblemen wie Kurzsichtigkeit.

Das Phänomen der Skikrankheit wird zur Reise-, oder auch Bewegungskrankheit, in der Fachsprache Kinetose genannt, gezählt. Symptome können Blässe, Lethargie, Kopfschmerz, Übelkeit und Erbrechen sein. Die gute Nachricht ist, dass der Spuk in der Regel nach einiger Zeit von alleine wieder vorüber geht, ohne dass eine Behandlung notwendig wird.

Dass man sich nicht zwangsläufig bewegen muss, um eine Bewegungskrankheit zu entwickeln, können Nutzer moderner Spiele am Bildschirm mit Brillen erfahren, die einem eine scheinbare Wirklichkeit vorgaukeln. Wer einmal eine solche Virtual-Reality-Brille getragen hat und damit beispielsweise scheinbar mühelos durch Häuserschluchten hindurchgeflogen ist, kann vielleicht nachvollziehen, dass einem davon auch im Stehen oder Sitzen speiübel werden kann.

Laut einem Artikel zu See- und Reisekrankheiten von A. Koch et al. im „Deutschen Ärzteblatt“ 2018 sind sensorische Konflikte die gängigste Erklärung für Kinetosen. Solche Konflikte entstünden, wenn Informationen verschiedener Sinneseingänge widersprüchlich sind oder nicht mit den Erwartungen übereinstimmen.

Normalerweise ergänzen drei Sinneskanäle, also die Informationen von den Augen, vom Innenohr und den Rezeptoren aus der Muskulatur, einander ohne Widerspruch. „Solche Konflikte entstehen, wenn Informationen verschiedener Sinneseingänge widersprüchlich sind oder nicht mit den Erwartungen übereinstimmen“, so das „Ärzteblatt“. Als Beispiel werden Konflikte zwischen visuellen und vestibulären Informationen genannt, also Eindrücken von Auge und Innenohr.

Wenn beide Sinnessysteme Bewegungen melden, die aber zeitlich-räumlich nicht übereinstimmen, handle es sich um einen sogenannten Typ-A1-Konflikt, wie er beispielsweise beim Betrachten der Wogen vom Deck eines schlingernden Schiffes aus entstehen kann, schreiben die Autoren.

Bei einem Typ-A2-Konflikt melde das visuelle System Bewegungen, das vestibuläre System hingegen nicht. Zum vestibulären System zählen die drei Bogengänge, welche im rechten Winkel zueinander stehen und die Otolithenorgane im Innenohr. Die Bogengänge sind mit Lymphflüssigkeit gefüllt und bei Änderung der Drehgeschwindigkeit reizt diese die empfindlichen Tast- und Sinneshaare, welche den Impuls über den Hör- und Gleichgewichtsnerv an das Gleichgewichtszentrum und das Kleinhirn weiterleiten. In den Otolithenorganen liegende „Steinchen“ reagieren dagegen auf eine Änderung der geradlinigen Beschleunigung. Da bei einem Typ-A2-Konflikt keine tatsächliche Körperbewegung stattfinde, werde in solchen Fällen auch von Pseudokinetosen gesprochen. Wie bei erwähnter „simulator sickness“, zum Beispiel bei Szenen einer Kurvenfahrt in einem unbewegten Fahrsimulator. Beim Typ-A3-Konflikt meldet hingegen das vestibuläre System Bewegungen, das visuelle hingegen nicht. Beispiele sind das Lesen unter Deck in einem schaukelnden Schiff oder als Mitfahrer auf dem Rücksitz während einer unruhigen Autofahrt.

Uahhh, da wird mir schon beim drüber Nachdenken schlecht.

„Am häufigsten ist der Bewegungsschwindel zwischen dem zweiten und zwölften Lebensjahr. Nach dem 50. Geburtstag wird der Bewegungsschwindel dagegen eher selten. Während fünf bis zehn Prozent aller Menschen sehr sensibel reagieren, sind fünf bis 15 Prozent unempfindlich gegenüber Bewegungsschwindel“, heißt es bei den „Neurologen und Psychiatern im Netz“.

Nun gibt es Mittelchen, die den passionierten Skifahrer auch bei schlechterer Sicht wieder mit Spaß auf die Piste bringen können. Die drastischste Maßnahme lautet: nur noch bei schönem Wetter fahren. Auch kann man sich durch Gewöhnung, sogenannte Habituation, abhärten, aber wer kann schon rund um die Uhr tagelang durch eine weiße Suppe fahren?

Wer trotz Skikrankheit auf die Piste möchte, dem könnten Tipps für Seekranke helfen. Histaminhaltiges wie Rotwein, Emmentaler und Salami sollen demnach gemieden werden. Histamin gilt als einer der möglichen Auslöser von Erbrechen bei der Seekrankheit. Hilfreich kann es sein, mit den Augen noch einigermaßen sichtbare Punkte zu fixieren. Ingwer sowie Vitamin C wird bei Seekranken eine Reduktion der Symptome zugesprochen. Medikamente gegen Reisekrankheit sind mit Vorsicht zu nehmen, sie können die Fahrtüchtigkeit auch auf der Piste einschränken. Beim Recherchieren zum Thema habe ich etwas entdeckt, das meine ziemlich schlechte Sicht bei schlechter Sicht vielleicht auch erklärt: das Visual-Snow-Syndrom. Hierbei herrscht im Sichtfeld ein ständiges Geflimmere. Dieses Gewusel wird extrem nervig, sobald man ins Helle, sprich auch in Schneetreiben oder Nebel, guckt. Bislang ist dieses Syndrom wohl nicht behandelbar. Zurück zum Skifahrer. Hier gibt es jetzt den ultimativen Anti-Skikrankheits-Tipp: Bei entsprechender Wetterlage im Hotel bleiben und ein paar Jagertee trinken. Dann weiß man wenigstens, wovon einem schlecht wird.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

Datenschutz-Einstellungen