Liebe Leser,
Corona dominiert das Leben und die Berichterstattung. Heute mal ein bisschen ein anderer Blick auf das oder den Virus.
Das Coronavirus sorgt nicht nur für Ausnahmezustände, die man sich bis vor Kurzem in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Es sorgt schon allein durch seinen Namen für zweifache Verwirrung. Der oder das Virus – zu diesem Thema hat sogar der Duden dem Erreger einen kleinen Text gewidmet. Als Fachbegriff habe besagter Krankheitserreger zunächst als das Virus Eingang in die deutsche Sprache gefunden. Das sei typisch für bildungssprachliche Entlehnungen: Sie behalten zunächst ihr ursprüngliches Geschlecht bei. Mediziner und Seuchenspezialisten verwendeten Virus also als Substantiv sächlichen Geschlechts und blieben damit sehr nahe am lateinischen Ursprung: Mit dem sächlichen Hauptwort virus bezeichneten die alten Römer Schleim, Saft oder Gift, erklärt der Duden.
Doch wie ein Virus passe sich auch eine bildungssprachliche Entlehnung allmählich an ihre neue Umgebung an. Je häufiger sie in der Alltagssprache verwendet werde, desto eher wird ihr Geschlecht dem angepasst, was gewohnt und üblich klingt. Da Substantive auf -us meist männlich sind, wurde das Virus allmählich zu der Virus. Heute existieren in der Alltagssprache beide Formen nebeneinander und beide gelten als korrekt.
Damit nicht genug. Der Name dieses winzigen Feindes der Menschheit lautet wie? Also zum einen zählt er zur Familie der Coronaviren, die so heißt, weil ihre Vertreter ein „charakteristisches, kranzförmiges Aussehen“ haben, Lateinisch corona für Kranz oder Krone, erklärt das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung, kurz DZIF. Coronaviren sind unter anderem auch die Verursacher des Schweren Akuten Atemwegssyndroms (Sars), das in den Jahren 2002 und 2003 Todesopfer forderte. Experten zufolge soll es sich um Varianten ein und derselben Virusart handeln, ist im „Ärzteblatt“ zu lesen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO lautet der offizielle Name des Virus Sars-Cov-2, der Name der Erkrankung, welche durch den Erreger verursacht wird, ist Covid-19.
In Zeiten wie diesen erinnert sich vielleicht der eine oder andere daran, was er einstmals über Viren gelernt hat. Sie gehören per Definition nicht zu den Lebewesen. Wer lebt, sollte nämlich zumindest einige Kriterien erfüllen. Doch der Zahn wird einem auch gleich gezogen: „Leben ist Definitionssache“, schreibt hierzu die Max-Planck-Gesellschaft für Synthetische Biologie. „Eine eindeutige, allgemein akzeptierte Definition des Lebens gibt es nicht“, ist dort auf der Homepage zu lesen. Bereits viele Wissenschaftler hätten sich an einer Definition des Lebens versucht, Experten der Nasa hätten Mitte der 90er Jahre diesen Satz geprägt: „Leben ist ein sich selbst erhaltendes chemisches System, welches die Fähigkeit zur Darwinschen Evolution besitzt.“ Nun, da bietet schon die Formulierung „selbst erhaltend“ Punkte zum Einhaken. Ein Virus erhält sich zwar mit Hilfe einer Zelle selbst, dafür brauchen lebendige Zellen aber Nahrung von außen, um sich zu erhalten.
Weitergehende Forderungen an das Leben sind beispielsweise, dass ein Lebewesen Wachstum, Entwicklung, Bewegung, Reizbarkeit, Fortpflanzung und Stoffwechsel zeigt – und zwar alle diese Kriterien, zumindest auf zellulärer Ebene. Aber was ist zum Beispiel mit dem Tönnchenstadium des Bärtierchens, das in diesem Zustand eher tot als lebendig ist, zehntägige Ausflüge ins Weltall und Extremtemperaturen übersteht. Ist der winzige Achtbeiner dann eher tot oder lebendig? Ist der Pflanzensamen, der Jahrtausende ruhend überdauert, aber noch keimfähig ist, tot oder lebendig?
Wie steht es in dieser Frage um die Viren? Zu ihrem Ursprung gibt es sowohl die Theorie, dass es sich um zurückentwickelte Bakterien handelt, weshalb man sie auch in den Stammbaum des Lebens einordnen könnte. Oder aber sie waren eine noch tote Vorstufe zum Leben, weshalb sie in diesem Stammbaum keinen Platz bekommen sollten.
Heutzutage stellen sich Viren als verpacktes Erbgut dar, das sich ohne die Hilfe einer richtig „lebendigen“ Zelle nicht vermehren kann. Das spricht schon mal gegen ihre Lebendigkeit, wie auch die Tatsache, dass sie keinen eigenen Stoffwechsel haben. Zur Mutation und somit zur Evolution – ebenfalls ein Merkmal des Lebendigen – sind aber auch Viren durchaus in der Lage.
Letztlich bleibe es Ansichtssache, ob Viren den Lebewesen zuordnet oder nicht, ist auf wissenschaft.de vom 20. März unter der Überschrift „Sind Viren lebendig?“ zu erfahren. „Klar ist allerdings, dass Viren die Entwicklungsgeschichte des Lebens enorm geprägt haben – und auch die Menschheitsgeschichte“, heißt es dort weiter. Und zwar überraschenderweise nicht nur negativ.
Rund acht Prozent unseres Erbguts sind im Laufe der Entwicklungsgeschichte aus ursprünglicher Viren-DNA entstanden. „Die teils uralten DNA-Schnipsel waren an der Entwicklung des Immunsystems beteiligt – und helfen kurioserweise bei der Abwehr von Viren“, berichtete beispielsweise die „Deutsche Apothekerzeitschrift“ im Jahr 2016 über die Erkenntnisse von Forschern um Edward Chuong von der University of Utha.
Es gibt aber auch Viren, bei denen sich bei einer Infektion fatale Krankheitsverläufe entwickeln können – wie beim Virus Sars-Cov-2. Es wird vermutet, dass das Virus sich in Fledermäusen entwickelt haben könnte und über einen Zwischenwirt auf den Menschen übergesprungen sei. Während zunächst angenommen wurde, dass das Virus sich erst tief in der Lunge in unseren Zellen vermehrt, geht man inzwischen davon aus, dass es sich schon im menschlichen Rachen vervielfacht. Hierzu muss es Zellen entern und derart umprogrammieren, dass diese Viren produzieren. Beim Untergang der Zellen werde diese freigegeben und können die nächsten Zellen befallen. Mit einem speziellen sogenannten Spike-Protein auf seiner Außenseite dockt das Virus hierbei an einer Zelle an.
Im Gegensatz zu Bakterien hat das Virus keinen Stoffwechsel, bei dem für den Körper giftige Substanzen entstehen können. Bakterien, die sich im menschlichen Körper vermehren, können beispielsweise durch verschiedenste Toxine fatal für den Kranken wirken. Der Erreger des Wundstarrkrampfs beispielsweise bildet unter anderem ein Nervengift, das in schweren Fällen zur Lähmung der Atemmuskulatur und zum Tod führen kann. Es zählt nach dem Botulismustoxin zum zweitstärksten bekannten Bakterientoxin.
Viren können dagegen beispielsweise durch die Zerstörung unserer Körperzellen krank machen. Bei schweren Verläufen von Covid-19 nehmen Experten an, dass es sich dabei auch um eine Überreaktion des Immunsystems, einen sogenannten Zytokinsturm handeln könnte, wodurch auch Lungenzellen zerstört werden können, wird Virologin Stephanie Pfänder in einem Interview des Deutschlandfunks zitiert.
Zytokine sind Proteine, die unter anderem als Alarmsysteme für das Immunsystem dienen: Sie ordern Abwehrzellen an die entsprechenden Infektionsherde, heißt es in einem Beitrag von „Nationalgeographic“. Im Grunde sei das menschliche Immunsystem darauf ausgelegt, Krankheitserreger zielgenau zu bekämpfen. Aber im Falle einer großflächigen Coronavirus-Infektion sammeln sich in der Lunge immer mehr Zytokine, sodass die Abwehrreaktion völlig aus dem Ruder läuft, wird die Virologin Angela Rasmussen in dem Beitrag zitiert. Dieses Geschehen könne im gesamten Körper zu fatalen Schäden führen.
Es gibt jedoch hin und wieder auch Nachrichten, die die Menschheit etwas hoffen lassen könnten. Wer auf den Stopp von Tierversuchen hofft, der sollte jetzt nicht unbedingt weiterlesen. Bei einem Tierversuch chinesischer Forscher gab es bei Rhesusaffen nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung nach erneuter Exposition keine weitere Infektion durch Sars-Cov-2. „Die Autoren schlussfolgern aus ihren Ergebnissen, dass eine erste Sars-Cov-2-Infektion vor weiteren Infektionen schützen könnte“, heißt es im „Ärzteblatt“ vom 18. März.
Und die Zukunft?m Völlig vage. Ob der Vaihinger Maientag in gewohnter Weise stattfinden kann? Ich glaub nicht dran. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler wurde am Mittwoch mit den Worten „Wir haben gerade erst begonnen, Corona zu bekämpfen“ im „Handelsblatt“ zitiert. Der Traditionsgruß „En scheena Maiadag“ scheint schon heute ersetzt durch „Bleibet gsond!“.
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