Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Die Staubbeutel einer Roggenpflanze in Vaihingen tanzen im Wind.  Fotos: Rücker

    Die Staubbeutel einer Roggenpflanze in Vaihingen tanzen im Wind. Fotos: Rücker

Liebe Leser,
Süßgräser gelten mitunter als schnödes Beiwerk einer Wiese oder lästige Auslöser von Heuschnupfen. Sie sind folglich völlig unterschätzt und obendrein noch richtig schön.

Vielleicht sollten die Süßgräser, um die es heute geht, eher unter Mauerblümchen firmieren. Denn mit dieser Bezeichnung wurden ursprünglich Blumen bedacht, die man leicht übersieht. Laut Duden sei Mauerblume die Bezeichnung für den häufig an Gartenmauern entlang gepflanzten Goldlack gewesen. Der Goldlack, ja, der sieht wenigstens aus wie eine Blume, aber Gräser?

Auf Wiesen und am Wegesrand winken sie meist mit hochgewachsenen Halmen, die ganz unterschiedlichen Vertreter der Pflanzenfamilie Poaceae, der Süßgräser. Oben verzweigt sich das Gebilde mehr oder weniger, lässt aber nicht auf Anhieb erkennen, um was es sich bei dem Wirrwarr an Strukturen handelt. Es ist der Blütenstand, der den Betrachter grüßt. Wenn man sich etwas Zeit nimmt, erschließt sich auch die Schönheit unserer rund 200 heimischen Süßgrasarten. Dazu muss man sie nicht einmal näher kennen, nur mal genauer hinschauen. Laut einem Beitrag der Universität Regensburg zu einem Kalender zu heimischen Gräsern handelt es sich bei den Süßgräsern um die viertgrößte Familie der Blütenpflanzen, getoppt nur von Korbblütlern, Orchideen und Schmetterlingsblütlern. Als Vertreter der Gruppe der Blütenpflanzen entsprechen sie nicht dem, was man bei diesem Namen so erwartet. Blütenpflanzen, da schwebt einem eher etwas wie eine Tulpe, Rose oder auch ein Gänseblümchen vor, aber doch nicht ein Grashalm.

Der Wind macht hier den Unterschied, ihn lässt das Gras die Bestäubung übernehmen und für ihn muss sich die Pflanze nicht mit bunten Blütenblättern und Schnickschnack aufbrezeln. Anemophilie wird diese Windbestäubung genannt. Die wilden Süßgräser sparen sich einen aufwendigen, wenn auch fürs menschliche Auge hübschen, Schauapparat wie ihn Tulpe, Rose und Co pflegen. Es muss nicht um die Gunst eines Insekts gebuhlt werden. Vielmehr lassen die Süßgräser ihre Staubbeutel mit den männlichen Pollen an den Staubfäden in der Luft herumbaumeln und auch die weiblichen Blütenteile hängen, als federartige Narben, im Wind herum, um die Pollenkörnchen abzufischen. Das lässt sich beispielsweise an manchen Getreidearten beobachten, wie unten das Foto mit der Roggenähre und den flatternden Staubbeuteln zeigt. Manche Getreide, wie Weizen und Gerste, sind jedoch vornehmlich Selbstbestäuber. Was sieht man nun überhaupt, wenn man so ein blühendes Gras anschaut? Am Blütenstand, also einer Ähre (zum Beispiel beim Weizen) oder Rispe (wie beim Hafer), sitzen bei den Süßgräsern die sogenannten Ährchen. Diese stellen kleine Blütenstände dar, welche aus einer bis wenigen Blüten bestehen. Und just in diesem Moment fällt mir auch wieder ein, wieso sich mein Herz nie so richtig für die Gräserbestimmung erwärmen konnte. Um herauszubekommen, welche Art sich vor einem im Wind wiegt oder auch unter der Stereolupe liegt, muss bisweilen mit filigranem Werkzeug dieses Ährchen auseinandergepfriemelt werden. „Die verschiedenen Arten der Süßgräser gelten als schwierig zu bestimmen“, schreiben dann auch die Professoren Widmar Tanner und Andreas Bresinsky von der Uni Regensburg. Trotzdem ließen sich viele der bei uns heimischen Arten relativ einfach am Habitus, also an ihrer Gestalt, erkennen, wozu die Kalender der Uni über diese Gräser beizutragen versuchen. Die Bilder der Kalender können auch auf der Hompage der Uni Regensburg eingesehen werden. Ebenfalls schön: Der Bochumer Botanische Verein stellt auf seiner Homepage Süßgräser vor und im Botanischen Garten des Karlsruher Instituts für Technologie gibt es viele Kulturgräser zu sehen – vorausgesetzt er ist Corona-bedingt nicht geschlossen. Selbiges gilt für den Lehrgarten der Uni Hohenheim.

20 Prozent der terrestrischen Vegetation wird in Savannen, Steppen und Wiesen von Gräsern dominiert, ist im „Strasburger, Lehrbuch der Botanik“ zu erfahren. Die Ausdehnung der Graslandschaften sei sehr eng mit der Evolution großer Herbivoren wie der Paarhufer und Pferde verbunden. Für den Menschen habe erst der Getreideanbau die Entstehung städtischer Hochkulturen seit etwa 10 000 Jahren ermöglicht. Die Früchte von Weizen, Mais, Reis und Co liefern laut Medienangaben 50 Prozent der Welternährungsenergie. Auch Hirse, Zuckerrohr und Bambus zählen zu den Süßgräsern.

Auf den heimischen Feldern können diverse Getreidearten der Süßgräser bewundert werden. Hafer ist mit seiner locker-flockig daherkommenden Rispe noch recht leicht zu erkennen. Auch die Gerste macht es dem Betrachter nicht allzu schwer, bei ihr sitzen ziemlich lange Grannen an den Ähren. Der Roggen besitzt ebensolche, die jedoch nicht so lange wie bei der Gerste sind. Die Gerste kommt vor der Reife im saftigen Grün daher, der Roggen eher in einem zarten Blaugrün. Weizen ist bei uns in der Regel unbegrannt, die alten Weizensorten wie Einkorn und Emmer aber nicht. Weizen ist eine der ältesten und wichtigsten Kulturpflanzen mit dem wissenschaftlichen Gattungsnamen Triticum und 27 Arten, ist unter wissen.de zu erfahren. Es gebe mehrere Einteilungskriterien, fest von ledrigen Spelzen umschlossene Körner habe beispielsweise Spelz (Dinkel, Schwabenkorn, Triticum spelta), „dessen unreife Früchte in Süddeutschland als Grünkern geschätzt sind; Einkorn (Schwabenreis, Triticum monococcum), Ährchen mit nur einem Korn; Emmer (Amelkorn, Triticum dicoccum), Ährchen mit zwei Körnern“.

Nacktweizen sei durch eine zähe Ährenspindel und Körner, die sich reif beim Dreschen aus den Spelzen lösen, gekennzeichnet. Hierhin gehört der wichtigste Weizen überhaupt, der Saatweizen (Triticum aestivum), vorherrschend in Mitteleuropa, angebaut als Winter- oder Sommerweizen. In Südeuropa, Russland und Nordamerika werde der Hartweizen (Glasweizen, Triticum durum) mit kurzer Ähre und fast glasharten Körnern bevorzugt.

Weizen ist an trockene und warme Sommer angepasst. Eine moderne Kreuzung, genannt Triticale, aus Weizen und Roggen, erlaubt den Anbau in kühleren Klimazonen, Triticale kombiniert dabei die hohen Erträge des Weizens mit der Anspruchslosigkeit des Roggens.

Der Roggen, wissenschaftlich Secale cereale, hat allerdings für manche Menschen eine dunkle Seite, nämlich dann, wenn seine Pollen fliegen. Auch bei meinem Sohn zeigten sich Heuschnupfensymptome just zu der Zeit, in welcher diese Pollen flogen. Triefenden Augen, tropfende Nase, juckende Haut sowie Unlust und Müdigkeit können ein solches Geschehen anzeigen. Die Pollen des Roggens gehören generell zu den bedeutendsten Allergenen, schreibt wetteronline.de. Ihre allergene Potenz sei etwa fünfmal so hoch wie die von anderen Süßgräserpollen. Das liege daran, dass Roggen in sehr großen Mengen Blütenstaub produziert, der über weite Strecken durch die Luft transportiert wird. Eine einzige Roggenpflanze könne bis zu vier Millionen Pollenkörner ausstoßen, die kilometerweit mit dem Wind verbreitet werden. Eine einzelne Blüte bildet bis zu 57 000 Pollenkörner. Es werden also regelrechte Wolken an Pollen vom Wind in die Luft geblasen. Bereits zehn bis 15 Pollen pro Kubikmeter Luft reichen aus, um allergische Symptome auszulösen.

Für Frühsommer 2021, wenn wir die Corona-Krise vielleicht hinter uns gelassen haben, wäre es nicht schlecht, noch ein paar Masken aufzuheben. Diese sollen den Pollenkontakt deutlich reduzieren helfen. Falls aber wieder ein Lockdown kommt, kaufe ich mir sofort ein Gräser-Bestimmungsbuch – könnte ja doch Spaß machen ...

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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