Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Auf der Blütendolde des Lauchs nascht die Große Lehmwespe.  Foto: Rücker

    Auf der Blütendolde des Lauchs nascht die Große Lehmwespe. Foto: Rücker

Liebe Leser,
dieses Wesen bedurfte einiger Blicke, bis klar war, was dort eigentlich auf den Blüten herumkrabbelte. Es kann sich nur um die Große Lehmwespe handeln, die den Inbegriff der Wespentaille mit sich herumträgt.

Die Wespentaille war vor einigen Hundert Jahren – und ist für manche vielleicht heute noch – der Inbegriff der Schönheit bei Frauen. Diese schnürten sich in diversen Epochen mithilfe von Korsetts die Leibesmitte so dünn, dass auch Ohnmachtsfälle und die Schädigung innerer Organe die Folge davon sein konnten. Selbst heute noch ist die Wespentaille hier und da so hoch im Kurs, dass sich manche die Rippen dafür entfernen lassen. „Wespentaille aus dem OP“, titelte der „Focus“ vor wenigen Jahren. Das namengebende Original der Wespentaille sitzt aber am Körper der Taillenwespen. Das klingt fast wie ein Schüttelreim von Eugen Roth, nur natürlich nicht so schön: „Du sollst ein krankes Nierenbecken, nicht mit zu kalten Bieren necken. Auch sollte man bei Magenleiden, den Wein aus sauren Lagen meiden (...)“. Sensationell. Jetzt muss ich dauernd versuchen, mir Schüttelreime auszudenken ...

Jedenfalls ist die Große Lehmwespe, wissenschaftlich Delta unguiculata, mit bis zu zweieinhalb Zentimetern Körperlänge und einer Flügelspannweite von rund fünf Zentimetern die größte Solitäre Faltenwespe Mitteleuropas. Sie liebt es warm und wanderte von Südeuropa aus über die Burgundische Pforte in den Oberrhein-Graben in Richtung Norden ein. Da man bekanntlich nie auslernt, schaue ich mal nach, was die Burgundische Pforte ist. Es handelt sich laut wissen.de um „eine bis 28 Kilometer breite und hügelige Senke zwischen den Vogesen im Norden und dem Jura im Süden“ wo sich wohl vor mehr als 200 Millionen Jahren eine Meeresstraße befand, die den damaligen Meeresgürtel Thetys mit dem Germanischen Becken verband. Jetzt widerstehe ich wacker der Versuchung, das Germanische Becken zu googeln, sondern beschränke mich auf den Fakt, dass durch diese Burgundische Pforte mediterrane Luft aus dem Rhonetal fließen kann, weshalb mit diesem Wärmestrom zahlreiche Tier- und Pflanzenarten gen Norden wandern. So erreichte wohl auch die Große Lehmwespe unsere Gefilde, in denen sie sich besonders in besiedeltem Gebiet wohlfühlt, dort, wo Wärme an Mauern der Häuser gespeichert wird.

Auf diese Weise flog sie vermutlich auch unter dem Radar etlicher Insektenforscher hindurch. „Wegen ihrer fast ausschließlichen Nistweise an Gebäudewänden in Dörfern und Städten und ihrer vermutlich weitgehenden Beschränkung auf innerörtliche Gärten, Parks, Wiesen, Ruderalflächen und Brachgrundstücke zum Sammeln von Lehm, Raupen und Nektar, wurde Delta unguiculatum möglicherweise in etlichen der bisherigen entomofaunistischen Bestandsaufnahmen nicht erfaßt“, schreibt Detlef Mader in seinem Beitrag zur Tagung der Hautflügler-Experten im Jahr 2000 in Stuttgart. Üblicherweise lägen die Fangplätze für Untersuchungen der Insektenforscher außerhalb der Ortschaften. Außerdem falle die Große Lehmwespe, im Gegensatz zu anderen Wildbienen und Wespen, nicht durch markantes Summen, Kreisen, Schwärmen oder sogar Attackieren in der Nähe des Nestes auf. Diese große Solitärwespe sammelt zudem alles, was sie so braucht, wie Lehm zum Bauen, Nektar als Nahrung und Raupen als Vorrat für die Brut, in einiger Entfernung des Nistplatzes.

Aufgrund dieses diskreten Verhaltens würden die Bewohner die Nestbautätigkeit des großen Insekts oft gar nicht bemerken, so Detlef Mader und weiter: „Weil Delta unguiculatum zwar in unmittelbarer Nähe des Menschen nistet, jedoch den Kontakt mit dem Menschen vermeidet, sich von den Tätigkeiten des Menschen nicht anziehen oder ablenken läßt und sich in der engeren Umgebung des Menschen bestrebt unauffällig verhält, lebt sie in direkter Nachbarschaft des Menschen, ohne dabei von vielen Menschen bemerkt zu werden.“ Der Spezialist geht in seinem Bericht aus dem Jahr 2000 auch davon aus, dass die Große Lehmwespe schon mehr als 100 Jahren durch die Burgundische Pforte gekommen sei und sich bereits vor mehr als 70 Jahren entlang der Flusstäler ausgebreitet und etabliert hat, aber eben nicht aufgefallen ist.

Wenn das Lehmnest allerdings doch auffällt, dann besteht durchaus die Gefahr, dass es als unschöner Lehmklumpen empfunden und entfernt wird. Im Brettener Umland wurden laut „Kraichgau News“ schon Lausbuben verdächtigt, kinderfaustgroße Lehmbollen ans Haus geworfen zu haben. Doch es war die Große Lehmwespe, die sich meist an der Ostseite der Gebäude zum Nestbau einfindet.

Das Weibchen legt hierzu bis zu sieben Zellen an, an deren Decke sie je ein Ei heftet. Obwohl das große Insekt als sehr friedlich gilt, kommt nun das Grausliche – zumindest aus Sicht einer arglosen Raupe. Während die geflügelten Lehmwespen sich vegetarisch von Blütennektar ernährt, wird das Weibchen für das Gedeihen ihrer Jungen doch etwas brachial. Es betäubt die Raupen mit einem Stich und trägt sie in die Zellen zu dem Ei ein. Dort werden die Raupen quasi lebendig begraben und einfach eingemauert. Das Gesamtwerk überzieht das Weibchen dann nochmals mit einer Schicht aus Lehm, was der Optik nicht guttut, aber den Nachwuchs schützt.

„Schon nach zwölf Tagen ist der Nahrungsvorrat aufgezehrt und die Larven spinnen einen Kokon, worin sie dann gut geschützt den Winter überstehen. Von den Beutetieren bleiben die ausgesaugten Raupenhäute übrig“, ist auf hornissenschutz.de zu lesen. In der Regel ab Juni im kommenden Jahr schlüpfen dann zunächst die Männchen, dann die Weibchen. Stechen können die Weibchen, wie bei den Stechimmen, zu denen die Große Lehmwespe zählt, so üblich. Aber sie gilt als „sehr friedfertig und völlig harmlos, offenbar stechen sie nicht einmal, wenn man sie in die Hand nimmt“, steht zur Orientalischen Mörtel- und der Großen Lehm- die auch große Töpferwespe heißt, im Bulletin 1/2012 der Schweizer Akademie für Wissenschaften.

Zu guter Letzt noch ein wenig zoologische Systematik zu den Verwandtschaftsverhältnissen. Die Taillenwespen machen den Großteil der zoologischen Ordnung der Hautflügler, wissenschaftlich Hymenoptera, aus. Legimmen und die Stechimmen zählen zu diesen taillierten Insekten, sie sind eben gekennzeichnet durch den typischen Hinterleibseinschnitt, der manchmal als Wespentaille am Insektenkörper zutage tritt. Aber nicht immer, denn auch die pummelig-bepelzte Hummel zählt zu den Taillenwespen. Diese kann auch stechen, weshalb sie innerhalb der Taillenwespen zu den Stechimmen damit eine gar nicht so ferne Verwandte von unserem gar nicht so possierlichen Tierchen auf der Blütendolde des Lauchs ist.

Auch die Große Lehmwespe zählt zu den Stechimmen und darin wiederum zur Familie der Faltenwespen, genauer gesagt zur Unterfamilie der Solitären Faltenwespen. Die Faltenwespe sieht man dem Wesen, das auf dem Foto an Lauchblütchen nascht, an, denn typisch für diese Familie ist, dass sie ihre Flügel in Ruhe längs faltetet. Während die Echten Wespen dies ebenso handhaben, unterscheiden sich die beiden Unterfamilien jedoch darin, dass die einen zu mehreren bis richtig vielen im Sozialstaat auftreten, die Solitären Faltenwespen aber eben alleine, solitär, durchs Leben schwirren. Die Solitären Faltenwespen werden im Gegensatz zu den Echten Wespen und Feldwespen, deren Nest aus papierähnlichem Baumaterial besteht, nicht als Papier- sondern als Lehmwespen bezeichnet. Die Große Lehmwespe darf gerne weiter im Garten naschen und auch an der Hauswand bauen. Ich lass ihr auch wieder einen Porree-Stengel im Gemüsegärtchen stehen, denn die Blütendolden sehen ja auch noch toll aus. Und merke: Nicht jeder Lehmbollen am Haus, ist ein Gruß von Nachbar Klaus.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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