Phänomene der Natur
Phänomene der Natur
Liebe Leser,
es wird von einer „monstermäßig großen Hummel“ berichtet und dies noch per Bildnachweis belegt. Wer sitzt dort an der Pfefferminzblüte?
Hummeln sind immer klasse. Man muss sie einfach mögen: Sie verströmen selbst in emsigen Phasen eine Aura der Gemütlichkeit und sind einfach knuffig anzusehen. Dabei sind Hummeln laut Pareys Buch der Insekten auch nur „relativ große, stark behaarte staatenbildende Bienen der Gattung Bombus“. Sie sind also Wildbienen und zählen als solche zu den Stechimmen, was bedeutet, dass ihr Stachel zum Stechen da ist und sie das auch können – zumindest die weiblichen Tiere.
Rund 250 Arten tummeln sich laut dem Wälzer „Die Wildbienen Deutschlands“ des Biologen Dr. Paul Westrich in der Gattung Bombus, bei uns seien 32 nestbauende und neun schmarotzende Arten heimisch.
Welche davon wurde wohl von der Leserin neulich abgelichtet? „Wir haben gestern in unserem Garten in Aurich eine monstermäßig große Hummel auf der Pfefferminze entdeckt (dort wimmelt es sowieso immer vor lauter Bienen und Hummeln – aber das war wirklich mit Abstand die bisher größte). Ich vermute mal, dass das eine Erdhummel-Königin war ... aber da gibt es ja auch unterschiedliche – die genaue Art konnte ich leider auch nicht rausfinden“, schreibt Anke Schmidt zu ihrem Foto.
Wie gut, dass ich die ausgewiesene Hummelspezialistin bin – nicht, haha. Aber ich tippe mal ebenfalls auf eine Jungkönigin der Erdhummel, und zwar der Dunklen Erdhummel, wissenschaftlich Bombus terrestris. Es gibt hierbei wohl vier sehr ähnliche Erdhummelarten. Ein Unterscheidungsmerkmal ist, wo die helle Binde am Thorax, also am Brustsegment, endet. Bei der Großen Erdhummel ist dies nach dem Flügelansatz der Fall, bei unserem Exemplar endet die Binde deutlich vor dem Flügelansatz, das spricht schon mal gegen die Große Erdhummel. Zudem sind die hellen Binden von einem dunklen Gelb, eher schon Orange, das spricht gegen die Helle und für die Dunkle Erdhummel.
Wobei auch der Wildbienenspezialist des Naturkundemuseums Stuttgart, Andreas Haselböck, auf seiner Homepage „Naturspaziergang“ einräumt, dass die Erdhummelarten anhand von Fotos nicht sicher unterschieden werden können. Wir gehen jetzt ganz forsch trotzdem von der Dunklen Erdhummel aus. Sie ist eine der häufigsten Hummelarten bei uns und wohl vielen bekannt. Die Königin dieser Hummelart kann knappe drei Zenitmeter groß werden, das will schon was heißen. Damit kann sie es in Sachen Körpergröße mit Hornissen und der Blauen Holzbiene aufnehmen. Wer sich bei der Dunklen Erdhummel auf der Seite von Haselböck tummelt, dem wird der Zahn mit dem friedliebenden dicken Brummer auch gleich gezogen. „Im Gegensatz zu den gemeinhin sehr friedlichen meisten anderen Hummelarten, kann die Dunkle Erdhummel bei Störungen am Nest sehr ungemütlich werden“, schreibt der Insektenkundler. „Im Nestbereich leicht reizbar“, lässt auch Experte Westrich wissen.
Fühlt sich das possierliche Insekt bedroht, hebt es ein, zwei Beinchen und zeigt seinen Stachel. Dann sollte man eher den Rückzug antreten. Fühlt sich ein ganzes Hummelvolk bedroht, beginnt es mit den Flügeln zu vibrieren und zu brummen.
Die Erdhummel-Königin ist auch sonst nicht von Pappe, ist sie doch eine der ersten ihrer Zunft, die sich schon ab Februar in die Lüfte schwingt. Da hat sie den Winter in der Erde oder unter der Laubstreu überstanden und sucht ein schönes Plätzchen für ihren Nachwuchs. Auch hier langt diese Hummelart richtig zu, denn mit bis zu 600 Individuen ist ihr Volk eines der größten innerhalb der Hummelverwandtschaft.
Zunächst ist sie jedoch auf Stärkung durch Nektar und auch Blütenpollen für die Entwicklung ihrer Eierstöcke angewiesen. Hier sind Frühblüher willkommen, Krokusse und Winterlinge oder auch Weiden und die Kornelkirsche zum Beispiel. Sodann wird im Orientierungsflug ein Neststandort im oder am Boden ausgespäht. Dabei wählt die junge Majestät gerne Erdlöcher von Mäusen oder Maulwürfen. Eine Nestkugel aus Moos, Tierhaaren oder ähnlichen Materialien wird gefertigt. Die Königin baut eine Art Tönnchen, in dem der erste Nektarvorrat gelagert wird. Auf gesammelten Pollen, der in der Nestkugel gesammelt wird, werden die ersten Eier gebettet und mit einer Wachsschicht bedeckt. Das Wachs wird von der Hummel ausgeschwitzt und dann werden mit den Mundwerkzeugen die Töpfchen geformt. Pollentöpfe, Nektargefäße und Brutzellen reihen sich im Nest mit der Zeit aneinander, die Nester sollen im Vergleich zum ordentlichen Staat der Honigbienen einen recht chaotischen Eindruck machen. Die kurzrüsslige Erdhummel ist aber um Recycling bemüht, sie lagert in den leeren Kokons, aus denen die Arbeiterinnen geschlüpft sind, Pollen. Nach den befruchteten Eiern, aus denen Arbeiterinnen und, durch besonders gutes Futter und Hormonimpulse, Königinnen entstehen, legt die Mutter Königin unbefruchtete Eier, die zu männlichen Tieren, den Drohnen werden. Deren Aufgabe besteht darin, die Jungköniginnen zu begatten, kurz danach sterben sie und später das gesamte Volk – bis auf die Jungköniginnen, welche die kalte Jahreszeit im Boden oder in der Laubstreu überdauern. Viele von ihnen überleben diese Phase jedoch nicht.
Erdhummeln zählen zu den wichtigsten Bestäuberinsekten, sind nicht sehr wählerisch und nutzen für ihre Ernährung eine große Vielzahl von Blüten, schreibt der Nabu. Bei den Tomaten sitzen die Pollenkörner ziemlich fest in Kapseln. Da passt es gut, dass sich die Erdhummeln an der Blüte festbeißen und ihre Muskeln so stark vibrieren, dass sie die Pollen herausschütteln (Vibrationsbestäubung). Dunkle Erdhummeln werden weltweit als Bestäuber im Gemüseanbau eingesetzt. Dafür werden in Gewächshäusern vollständige Hummelnester ausgesetzt, die von Unternehmen extra dafür gezüchtet werden. Dabei sei es nahezu unvermeidlich, dass Hummeln aus Treibhäusern entkommen, sich draußen mit wilden Hummeln paaren und somit den Artenbestand in einem Gebiet nachhaltig verändern, was als Faunenverfälschung bezeichnet wird, so der Naturschutzbund weiter.
Wer Hummeln helfen möchte, sollte auf einen Naturgarten mit abwechslungsreicher Vegetation setzen: Hummeln brauchen viel Energie, sie benötigen deshalb von Frühjahr bis zum Herbst ein ununterbrochenes Nahrungsangebot. Schon drei bis fünf Tage Hunger können für einen Hummelstaat das Ende bedeuten. Um den eigenen Garten oder Balkon hummelfreundlich zu bepflanzen, komme eine Vielzahl von Pflanzen infrage: unter anderem Krokusse, Kapuzinerkresse, Pfefferminze, Sonnenblumen, Malvenarten, Dost, Rotklee, Klatschmohn und Herbstzeitlose. Außerdem sind Obstbäume, Holunder, Weißdorn und Wildrosen beliebt, so der Nabu weiter. Entkräftete Hummeln kann man mit einen halben Teelöffel Zucker in etwas lauwarmem Wasser aufgelöst wieder aufpäppeln. Gereicht wird das Ganze per Löffel. Innerhalb einiger Minuten kann sich die Hummel mit ihrem Saugrüssel mit bis zu einem Drittel Teelöffel Energie betanken, berichten die Naturschützer.
Gefahr droht dem schönen Insekt nicht nur durch Nahrungsmangel und Fressfeinde, sondern auch durch Parasiten wie Schmarotzer- oder Kuckuckshummeln. Bei der Dunklen Erdhummel ist es zum Beispiel die Keusche Kuckuckshummel (Bombus vestalis), die ihren eigenen Nachwuchs der anderen Hummelart unterjubelt. Die Kuckuckshummel erkennt anhand von Duftspuren, wie groß das Nest ist, denn ein Angriff sollte sich lohnen, aber nicht das eigene Leben kosten. Sie verspeist die Erdhummel-Eier, legt ihre Eier wie ein Kuckuck in das Nest und lässt die anderen für die Brut sorgen. Im Obst- und Gemüseanbau werden die pelzigen Brummer hoch geschätzt, schreibt die Bayerische Landesanstalt für Wein- und Gartenbau. Dank ihres dichten Pelzes und eigener „Heizung“ – Hummeln können ihre Brust- und Flugmuskulatur zur Wärmeerzeugung nutzen – fliegen sie bereits ab sechs Grad Celsius, heißt es weiter. Herrscht während der Obstbaumblüte eine kalte Witterung, verhindern Hummeln einen völligen Ernteausfall. Danke, ihr Süßen, und macht weiter so. Ich guck euch gerne, mit gebührendem Abstand, bei der Arbeit zu. Aber merke: Siehst du ganz nah den Hummels Mats, stehst du wohl auf nem Fußballplatz.
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de


