Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Die Gamma-Eule zeigt den sogenannten Makel: Ein helles Gamma auf dem Flügel.  sr

    Die Gamma-Eule zeigt den sogenannten Makel: Ein helles Gamma auf dem Flügel. sr

Liebe Leser,
kaum zu glauben, aber nach der Durchforstung meiner stümperhaften Excel-Datei mit allen Phänomene-Themen komme ich zu dem Schluss: Die Gamma-Eule war noch nicht darunter. Dabei war sie schon mal Star im Stadion.

„Heimliche Stars der Euro 2016 – Großes Finale für die Gammaeule“, titelte der SWR zur damaligen Europameisterschaft. Nachtfalter – umgangssprachlich auch Motten genannt – hätten demnach das Finale der Fußball-Europameisterschaft zur großen Bühne umfunktioniert. Hunderte Falter schwirrten an jenem Sonntagabend über dem Spielfeld und den Tribünen des Stade de France in Paris. „Als Portugals Fußballstar Christiano Ronaldo nach dem harten Einsteigen von Dimitri Payet verletzt auf dem Rasen saß, setzte sich eine Gamma-Eule sogar auf dessen Nase. Dieses Bild ging um die ganze Welt“, berichtet auch der Nabu. Angelockt von der gewaltigen Leuchtkraft des Stadions, hatten sich vor Spielbeginn unzählige Falter auf dem Rasen niedergelassen, umschwirrten Spieler und Schiedsrichter. Allgemein sind Nachtfalterarten nicht einfach auseinanderzuhalten, doch die Fernsehbilder hätten deutlich gezeigt, dass die „Motten“ Gamma-Eulen waren, so der Nabu.

Und nun saß sie neulich, völlig unspektakulär, bei mir in Aurich an der Hauswand. Auch für Menschen, die keine ausgewählten Schmetterlingsexperten sind, ist sie an ihrem hellen Zeichen, das aussieht wie der griechische Buchstabe Gamma oder ein Y, leicht zu erkennen. Nun soll es allerdings einige ähnliche Arten geben, aber netterweise ist der konsultierte Insektenexperte des Stuttgarter Naturkundemuseums, Andreas Haselböck, auch der Meinung, sie ist es, Autographa gamma.

So ist ihr wissenschaftlicher Name. Sie kann beim Schwirrflug vor einer Blüte stehend wohl noch mit dem niedlichen Taubenschwänzchen verwechselt werden. Dieses kann ja wiederum mit einem Kolibri verwechselt werden. Beim Taubenschwänzchen handelt es sich um den putzigen Falter, der rund 90-mal in der Sekunde mit den Flügeln schlagen und vor der Blüte in der Luft stehen kann, weshalb er auch Kolibrifalter genannt wird.

Die Gamma-Eule schwirrt aber nicht so stabil, sie hält sich im Gegensatz zum Taubenschwänzchen auch mit den Vorderbeinen fest. Sie ist mit ihren rund vier Zentimetern Flügelspannweite auch kleiner als das Taubenschwänzchen. Vermutlich haben einige von uns schon mal eine Gamma-Eule im Schwirrflug gesehen und sich gewundert, was für ein struppiges Taubenschwänzchen dort wohl fliegt. Durch die Aktivität bei Tag und auch bei Nacht und durch die Tatsache, dass sie eine der häufigsten heimischen Nachtfalterarten ist, soll die Gamma-Eule sehr bekannt sein. Nur ich kannte sie bislang noch nicht. Grüß Gott, Gamma-Eule.

Die Falterart birgt überraschenderweise noch Rätsel, denn bis heute scheint ungeklärt, wie stabil die hiesige Population ist und wie viele der Falter eigentlich wirklich hier als Raupe oder auch als geflügeltes Tier überwintert haben. Denn die Flattermänner im Südwesten werden regelmäßig in unbekanntem Umfang von Einwanderern aus dem Mittelmeergebiet zahlenmäßig unterstützt. Es kann zu regelrechten Einwanderungswellen über die Alpen kommen. Doch darüber, wie auch über das Ausmaß der Rückwanderung, scheint bislang wenig bekannt.

Die Gamma-Eule gilt als nicht gefährdet, was an und für sich schon erstaunlich ist. Gelten doch laut BUND zwei Drittel der Tagfalter und etwa die Hälfte der Nachtfalterarten in Deutschland als gefährdet. Ein aus Faltersicht besonders glücklicher Umstand für den Bestand ihrer Art ist, dass sie als Generalist überhaupt nicht wählerisch ist. Weder, was die Futterpflanzen der Raupen, noch die der Adulten, also Falter, angeht. Sie gilt als polyphag, sie kann also an einem breiten Nahrungsspektrum schlemmen. Das bedeutet, der Falter besucht Blüten aller Art, von denen er auch langkelchige mit seinem langen Saugrüssel als Nektarquelle nutzen kann.

Ebenso kann die Raupe allerhand annagen, darunter Löwenzahn und Brennnessel. Aber auch Kulturpflanzen sind begehrt, was bisweilen, wie zum Beispiel bei der Zuckerrübe, zum Skelettierfraß führen kann, schreibt Südzucker. „Gerne nutzt die Gamma-Eule das reiche Nahrungsangebot auf Salat-, Spinat- oder Kohl-Äckern“, heißt es beim Naturschutzbund Nabu. Feucht-warme Witterung kommt dem Nachwuchs zugute. Bei Massenvermehrung kann es zu ernsthaften Fraßschäden durch die etwa vier Zentimeter langen grünen Raupen kommen.

Was allerdings Landwirte und Hobby-Gärtner ärgere, freue unsere Fledermäuse: „Bei ihnen stehen die Nachtfalter auf dem Speisezettel ganz oben. Je mehr Gamma-Eulen es gibt, desto mehr Nachwuchs können die Fledermäuse großziehen“, berichtet der Nabu weiter.

Bis zu 400 Eier legt das Eulenweibchen an alle mögliche Pflanzen, selbst an niedrigen Gehölzen ab. Die Raupe hat nur zwei Bauchbeinpaare und ein hinteres Beinpaar. Ihre Fortbewegung wird deshalb als spannerraupenartig bezeichnet, eine Art Kriechen mit „Katzenbuckel“.

Gamma-Eulen fliegen bei uns von Februar bis Anfang Dezember, was dank mehrerer Generationen möglich ist. Überwiegend ist sie von Mai und bis Oktober zu sehen. Den Winter überdauert die Art als Raupe oder zum Teil wohl auch als Falter. Je nach Witterung und Nahrungssituation dauert es von der Eiablage über die Raupenzeit bis zum Schlüpfen des Falters vier bis acht Wochen, sodass im Sommerhalbjahr vier bis fünf Generationen entstehen.

Die Gamma-Eule gehört der größten Familie unter den Schmetterlingen an, den Eulen, auch Noctuidae, die mit rund 50 000 Arten weltweit vertreten sind. In Mitteleuropa schwirren rund 650 Arten. Ihren Namen verdanken sie dem eulenartigen Kopf und den reflektierenden Augen. Die Winzlinge unter ihnen messen nur fünf Millimeter im Durchmesser. Der größte Vertreter, der zugleich auch der größte Schmetterling der Welt ist, ist die Weiße Hexe aus Mittel- und Südamerika mit bis zu 310 Millimeter Flügelspannweite. Also ganz ehrlich, bei aller Liebe, aber wenn mich ein Schmetterling dieser Größe umflöge, wäre das doch zu viel für mein Nervenkostüm. Ebenso wenig möchte ich ein anderes Familienmitglied der Eulenfalter kennenlernen: Es ist die tropische Calyptra eustrigata, die sogar Säugerblut saugt. Ja, echt! Ein Schmetterling, der mit seinem Rüssel Haut durchstechen kann.

Okay, dass Schmetterlinge gerne auch mal auf Exkrementen, Aas oder auf einer schwitzenden Hand sitzen und saugen, um mit der Flüssigkeit ihren Mineralstoffhaushalt wieder in Schwung zu bringen, kann man noch verkraften. Aber derartige Blutsauger unter den putzigen Flattermännern – jetzt sind die Süßen endgültig entzaubert.

Unsere Gamma-Eule tut derlei nicht. Weshalb man sich in der Regel freuen kann, sie zu sehen. Sie wurde auch beim Insektensommer des Nabu in diesem Jahr gemeldet, zum Beispiel aus einem Garten in Steinheim an der Murr. Stand August führt jedoch die Ackerhummel die Rangliste der Sechsbeiner mit mehr als 2500 der rund 47 500 Meldungen bundesweit an.

Wer sich derzeit vielleicht Corona-bedingt etwas langweilt, kann sich mal durch die Ergebnisse des Insektensommers 2020 klicken.

Oder einfach mal paar Gamma-Eulen nach Athen tragen, da ist man auch ne Weile beschäftigt.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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