Liebe Leser,
es ist Zeit, mal was über das „d“ zu schreiben. Den Anstoß gab eine Anzeige in der die Stadt Vaihingen im Wochenblatt einen Flüchtlingsbeauftragten (w/m/d) sucht. „D“ steht hier für das sogenannte dritte Geschlecht.
Es gibt Frauen und Männer. Stimmt, aber nicht nur. Nehmen wir Vanja, Ende letzten Jahres war diese Person 27 Jahre alt. Wer Vanja begegnet ist, beschreibe sie so, ist auf tagesschau.de zu lesen: „eine schmale Person, mit dem schwarzen Bart eines Mannes und schlanker Stirn einer jungen Frau“. Vanjas Geschlecht wurde nach ihrer Geburt als weiblich festgelegt. Später seien Zweifel gekommen, ein Gen-Test zeigte: Vanja hat nicht, wie die meisten Menschen, zwei Geschlechtschromosomen, sondern nur eins. XX tragen die Frauen in sich, XY die Männer. Vanja hat als Geschlechtschromosom ein X in ihren Zellen. Was ist dieser Mensch nun? Eine Frau, der ein X-Chromosom fehlt, oder ein Mann, dem ein Y-Chromosom fehlt? Die Chromosomenvariante ist als Turner-Syndrom oder Monosomie X bekannt. Das äußere Erscheinungsbild dieser Menschen ist weiblich. Die Turner-Syndrom-Vereinigung Deutschland spricht von betroffenen Mädchen und Frauen. „Östrogene sollten ab der Pubertät eingenommen werden“, schreibt der Verein.
Vanja dagegen „fühlt sich dauerhaft weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig“, ist auf der Seite des Bundesverfassungsgerichts zu lesen. Sie kämpfte deshalb für die positive Eintragung der Geschlechtsangabe „inter/divers“, in das Geburtenregister und bekam im Oktober vom Verfassungsgericht recht (wir haben berichtet).
Schon 1984 stellte Herbert Grönemeyer singend die Frage „Wann ist der Mann ein Mann?“ Wenn er Muskeln hat, dünnes Haar oder außen hart und innen ganz weich ist? Auf jeden Fall ist ein Mann ein Mann, wenn die Geschlechtschromosomen XY vorliegen – könnte man meinen. Doch auch das ist nicht immer so. Die Variationen der Natur in Sachen Geschlecht sind zahlreich, bis zu 60 verschiedene Ausprägungen sollen bekannt sein. Intersexualität steht für „biologische Besonderheiten bei der Geschlechtsdifferenzierung. Intersexuelle Körper weisen deshalb Merkmale vom weiblichen und vom männlichen Geschlecht auf“ ist auf der Homepage des Bundesverbands Intersexuelle Menschen zu lesen. Es handle sich also um Menschen, deren geschlechtliches Erscheinungsbild von Geburt an hinsichtlich der Chromosomen, der Keimdrüsen, der Hormonproduktion und der Körperform nicht nur männlich oder nur weiblich ausgeprägt ist, sondern scheinbar eine Mischung darstellt.
„Intersexuelle Menschen sind in erster Linie Menschen“, heißt es dort weiter. Sie würden von der Medizin jedoch zu „Syndromen“ erklärt. „Wir sehen intergeschlechtliche Menschen in erster Linie als natürliche Varianten menschlichen Lebens an“, so der Verband weiter. Von diesen sei die überwiegende Mehrzahl nicht per se krank oder behandlungsbedürftig.
Schon in der sechsten Woche seiner Entwicklung im Mutterleib beginnt beim männlichen Embryo die Mannwerdung. Auf dem Y-Chromosom liegt die sogenannten Sexbestimmende Region, kurz SRY-Gen, die ein Eiweiß codiert, welches wiederum als Hoden-determinierender Faktor bezeichnet wird. Durch dessen Produktion wird eine Entwicklungskaskade angestoßen, bei der sich die Hoden entwickeln und erstmals Testosteron produziert wird. Heutzutage gehen die Wissenschaftler von noch weitaus komplexeren Mechanismen bei der Entstehung des Geschlechts aus – und es können sich in vielen Phasen Varianten ausprägen.
„Bei circa 0,3 Prozent aller Neugeborenen tritt eine Fehlverteilung der Geschlechts-Chromosomen auf. Das Muster der Geschlechtschromosomen weicht dann vom normalen XX für ‚weiblich‘ und XY für ‚männlich‘ ab“, heißt auf den Internetseiten der ARD-Sendung planet-wissen.de. Neben dem schon erwähnten Turner-Syndrom gibt es beispielsweise auch das Triple-X-Syndrom. Hier kommt das X-Chromosom dreimal vor. XXX-Frauen seien in der Regel körperlich unauffällig und fruchtbar.
Beim Klinefelter-Syndrom liegen die Geschlechtschromosomen XXY in den Zellen vor. Betroffene besitzen die körperlichen Merkmale eines Mannes, können aber meist keine Spermien produzieren.
Auch das Y-Chromosom kann zweifach vorliegen, heißt es bei „planet-wissen.de“ weiter. Diplo-Y-Männer seien überdurchschnittlich groß, ansonsten aber körperlich unauffällig. Es gibt auch XY-Frauen, die ja rein von den Geschlechtschromosomen her Männer sind. Bei diesen Menschen sind die primären Geschlechtsmerkmale einer Frau ausgeprägt, allerdings werden keine Eierstöcke gebildet. Bis zur Pubertät entwickelt sich das XY-Mädchen, wie man es von einem Mädchen erwarten würde, dann kommt es zu einer mehr oder minder ausgeprägten Vermännlichung. Die genetische Ursache wird in 30 Prozent der Fälle im defekten oder fehlenden SRY-Gen gesehen. Genauso kann es aber sein, dass die Hormonproduktion funktioniert, es aber an den Rezeptoren für die männlichen Hormone hapert.
Früher wurden Kinder, die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kamen, meist einer „genitalangleichenden“ Operation unterzogen, gefolgt von hormonellen Behandlungen. Ein eindrückliches Beispiel ist die Geschichte von Maxi Bauermeister, die im „Zeit-Magazin“ unter dem Titel „Hallo, ich bin die dritte Option“ erschienen ist. Das Baby mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen wurde zum Mädchen zwangsoperiert, die Hoden entfernt. Bis ins Erwachsenenalter wusste Bauermeister nicht genau, was eigentlich los war. In der WDR-Wissenssendung „Quarks“ erzählt unter anderem Lynn D. aus Berlin ihre Geschichte. Mit Hoden, Eierstöcken und Gebärmutter sei bei der Geburt „das volle Programm“ vorhanden gewesen, erzählt Lynn. Da XX-Chromosomen vorlagen, wurde sie als Mädchen angesehen. Hoden und Eierstöcke seien aufgrund von einer gewissen Krebsgefahr entfernt worden, der Penis wurde amputiert. „Genitalverstümmelung de luxe“, urteilt Lynn heute in dem sehenswerten Beitrag. Wie viele Menschen in Deutschland als intersexuell bezeichnet werden können, ist nicht bekannt. Der Deutsche Ethikrat geht davon aus, dass es rund 80 000 Intersexuelle in Deutschland gibt, schreibt die „Ärzte Zeitung“.
Intersexuelle Menschen können sehr unterschiedliche Lebensplanungen haben und leben in sehr unterschiedlichen Geschlechterrollen, können „weiblich“ sein, „männlich“ oder „intersexuell“. Wie sich ein intersexueller Mensch sieht, wird durch viele verschiedene Faktoren geprägt und ist das Ergebnis einer langen Differenzierungsphase. Die deutsche Vertretung der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen präferiert übrigens den Begriff Inter* statt drittes Geschlecht. Inter* sei kein „drittes Geschlecht“. Die körperlichen Realitäten von Menschen mit angeborenen Variationen der Geschlechtsmerkmale seien so vielfältig, dass sie nicht einfach in eine dritte Kategorie subsumiert werden können.
„Wir möchten Sie einladen, gelassen zu reagieren, wenn Sie erfahren, dass Sie ein Kind erwarten oder bekommen haben, dessen Geschlechtsmerkmale nicht den traditionellen Vorstellungen entsprechen“, heißt es im Flyer des Bundesministeriums für Familie. Das Kind habe ein Geschlecht, sein eigenes. Dieser Satz sei wichtig, weil Worte wie „uneindeutiges Geschlecht“ oder auch „wir wissen es noch nicht“ fallen könnten. Auch medizinisches Personal könne durch die Geburt eines intergeschlechtlichen Babys verunsichert und überrascht sein. „Rechnen Sie damit, dass Ihnen in der Folge viele Untersuchungen vorgeschlagen werden und dass diese viel Zeit in Anspruch nehmen. Ihr Kind braucht jedoch aufgrund seines Geschlechtes keine Behandlung per se“, wird den jungen Eltern geraten.
Es bietet sich an, zum Schluss nochmal Herbert Grönemeyer zu zitieren: „Und der Mensch heißt Mensch“, singt er in einem Lied. Ich habe immer verstanden: „Und der Mensch bleibt Mensch“, egal, was sich wie und wo an Geschlechtsmerkmalen ausbilden mag, oder, wie der Bundesverband es formulierte: Intersexuelle Menschen sind in erster Linie Menschen.
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