Liebe Leser,
die Ananas wächst in den Tropen – und in Illingen. Wie das zusammenpasst und wieso sie bei diversen Zipperlein helfen kann, wird heute beleuchtet. Es gibt sogar jemanden, der in einer Ananas ganz tief im Meer wohnt.
„Die Anzucht einer neuen Ananas-Pflanze aus dem Blattschopf der Frucht ist kinderleicht“, heißt es in der Zeitschrift „Mein schöner Garten“. Wenn mich nicht alles trügt, dann sind bei uns daheim mehrere Versuche kläglich gescheitert. Aber Gisela Wolf aus Illingen konnte sich kürzlich über die Ernte einer eigenen Ananans freuen. Allerdings sei die Frucht ungenießbar gewesen. „Sie schmeckt nach Ananas, ist aber zu hart gewesen“, berichtet die Illingerin.
Auf den Weg gebracht hat den Ernteerfolg ihr inzwischen verstorbener Gatte Siegfried, der den Blattschopf einer gekauften Frucht erst zwei Tage ins Wasser gestellt und dann eingepflanzt hatte. Vier oder fünf Jahre sei das her und nun hatte sich Anfang Oktober die erste Frucht gebildet. Der Trick für eine erfolgreiche Ananaszucht besteht laut Gartenzeitschrift unter anderem darin, die Schnittstelle erst einmal wenige Tage gut an der Heizung trocknen zu lassen. Wer denkt denn auch so was?
Verwandte der Ananas aus der Familie der Bromeliengewächse wachsen in ihrer Heimat gerne als Aufsitzer auf Bäumen und zieren bei uns die Fensterbänke. Diese Sippe kann auch der botanische Laie ganz gut an ihren Blatttrichtern erkennen. Diese dienen in den Baumkronen zum Auffangen des Wassers und können sich in luftiger Höhe zur ökologischen Nische entwickeln. In den von Blättern umrahmten Kleinstgewässern fühlen sich etliche Organismen wohl, darunter auch Baumfrösche.
Die Ananas, die wissenschaftlich Ananas comosus heißt, ist dagegen eine der Bromelienarten, die in der Erde wurzeln. In meinen Kindheitserinnerungen (Jahrgang 65) taucht sie als Scheibe auf Toast-Hawaii, auf Pizza und in Dosen auf. Ich glaube, auch die Ananas-Bowle stand damals hoch im Kurs. Wie lange es gedauert hat, bis sich mal eine ganze echte Frucht in mein Blickfeld schob, vermag ich nicht mehr zu sagen. Wobei Frucht schon mal botanisch nicht ganz korrekt ist. Bei dem Gebilde handelt es sich um einen Beerenfruchtverband, bei dem sowohl die Beeren und die Fruchtstandsachse sowie der Blattschopf hinzuzählen. Die Pflanze wird beim Anbau durch Schösslinge vermehrt. Innerhalb der Familie der Bromeliaceae umfasst die Gattung namens Ananas fünf Arten, deren ursprüngliche Heimat in Brasilien, Paraguay und Guayana zu finden ist. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie im Boden wurzeln und zunächst aus scharf gesägten, bis zu mehr als einen Meter langen Laubblättern, eine Rosette bilden. Nach einigen Jahren erscheint in der Mitte dieser Rosette ein Schaft mit einem zapfenförmigen Blütenstand.
Im Fall der Ananas, die bei uns unterm Messer landet, verwandelt sich der Blütenstand in der Regel parthenokarp, das bedeutet ohne Befruchtung, in den schmackhaften Beerenfruchtstand. Deshalb stören beim Beißen auch keine Samen den Genuss. Bei der Erschaffung neuer Züchtungen werden die Pflanzen bestäubt, dann wimmelt es in der „Frucht“ von vielen harten Samen. Die genaue Herkunft der Kulturananas scheint unklar, aber der Tag, an dem ein Europäer zum ersten Mal mit der Ananas in Berührung kam, gilt als gesichert. Es soll so ziemlich exakt vor 525 Jahren geschehen sein. Am 4. November 1493 landete Christoph Columbus auf der Insel Guadeloupe, wo ihm Indios Ananas überreichten. Die Seefahrer sollen von dem vorzüglichen Aroma erstaunt und höchst begeistert gewesen sein.
Man geht davon aus, dass die Ureinwohner die Ananas seit mehreren Tausend Jahren nutzen, und zwar als Nahrungs- und Heilmittel und zur Weinherstellung. Aus den Fasern der Blätter wurde Kleidung gefertigt und Sehnen für die Bogen hergestellt.
Besonders die Portugiesen sorgten für eine Verbreitung der Pflanzenart, auch auf dem afrikanischen Kontinent. Gut Hundert Jahre nach ihrer „Entdeckung“ war die Ananas auch in Indien eine gängige Kulturpflanze. Noch vor Ende des 16. Jahrhunderts wurden Ananaspflanzen in den meisten tropischen Gebieten der Welt angebaut.
Da es eine Schwierigkeit darstellte, die Ananasfrucht in genießbarem Zustand über eine längere Zeit zu transportieren, galt die Ananas als kostbar und als Statussymbol. In aristokratischen Kreisen wurde viel Aufwand betrieben, damit eigene Früchte aus Gewächshäusern geerntet werden konnten. Im 18. Jahrhundert sollen derartige Gewächshäuser in Europa zur Standardausstattung aristokratischer Gärten und Parks gehört haben. „Mitte des 19. Jahrhunderts war Potsdam mit ein wichtiges Zentrum für den Ananas-Anbau in Preußen. Die Frucht wurde hier gezüchtet und vertrieben. Doch kaum einer konnte sie sich leisten“, berichten die „Potsdamer Neuesten Nachrichten“.
Gebrauchsgegenstände in Ananasform waren in Mode, in der Barockstadt Fulda zeugt noch heute eine goldene Ananas auf den fürstlichen Dächern davon, dass dort der Adel wohnte und in Schottland wurde ein Sommerhaus, Dunmore Pineapple, in Ananasform erbaut.
Mit dem 20. Jahrhundert wurde die Ananas auch für Otto-Normalverbraucher langsam erschwinglich. Hawaii wurde bald zum Hauptanbauland mit gleichzeitiger Verarbeitung und dem Einlegen in Dosen. Einige Jahrzehnte hielt Hawaii diesen Status, wodurch sich zum Beispiel die Bezeichnung Toast-Hawaii erklären lässt. Inzwischen sind Costa Rica, Brasilien und die Philippinen die Hauptanbauländer.
Wie leider so oft bringt die Anbauleistung in Monokultur Probleme mit sich, die zum Beispiel in der Dokumentation „Der Preis der süßen Früchte“ im ZDF vor gut einem Jahr am Beispiel von Costa Rica beleuchtet wurden. „Gerade in dem Land, das viele als Ökoparadies bewundern, klagen Plantagenarbeiter über fehlende Arbeitnehmerrechte, über Hautausschläge und Kopfschmerzen, ausgelöst von Pestiziden und Herbiziden“, heißt es zu der Doku. Im Zentrum des Ananas-Anbaus, nordöstlich der Hauptstadt San José, würden Tanklaster Dörfer regelmäßig mit sauberem Trinkwasser versorgen, weil das Grundwasser dort mit giftigem Bromacil verseucht ist, einem in der EU längst verbotenem Unkrautvernichter. Im Norden des Landes bedrohen demnach riesige Ananas-Plantagen traditionelle Kleinbauern in ihrer Existenz, und auch im Südwesten breiten sich konventionelle Bananenfelder immer weiter aus. Die Biosparte wachse zwar kontinuierlich in Costa Rica. „Doch Bio-Ananas und Bio-Bananen benötigen ebenfalls riesige Flächen, Monokulturen mit allen bekannten Folgen für das Ökosystem“, heißt es in der Doku. Manche Bio-Anbauer setzen jedoch auch auf verträglichere Mischkulturen. Insgesamt wird die Ökobilanz der Ananas auch aufgrund der langen Reisewege nicht sonderlich gut ausfallen.
Aber verzichten möchten Fans nur ungern: Ananas schmeckt nicht nur gut, sie ist auch gesund. Frische Ananas enthält Vitamine und Spurenelementen. „Was die Frucht so außergewöhnlich macht, ist ihr Eiweiß spaltendes Enzym Bromelain“, lautete das Fazit von Stiftung Warentest. Es hemme Entzündungen, fördere die Durchblutung und rege die Verdauung an. Das Enzym wirkt so stark, dass eine Marinade aus Ananasstücken zähes Fleisch zart macht und die Gelatine auf der Torte nicht steif wird. Bei Ananas aus der Dose ist das Enzym dagegen zerstört.
Und wer lebt nun in der Ananas ganz tief im Meer? Saugstark und gelb und porös und zwar sehr? Na? Na klar, Spongebob Schwammkopf, der Zeichentrickschwamm. Das Beispiel des lustigen Burschen zeigt: Gesünder wohnen kann man fast nicht. Die Mehrzahl von Ananas ist übrigens Ananasse oder Ananas. Und wer es mit dem Eigenanbau versuchen möchte, sollte Geduld mitbringen. Bis zur Blütenbildung vergehen Jahre und auch die Frucht braucht mehrere Monate bis zur Erntereife.
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