Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

Liebe Leser,
es ist an der Zeit, wieder einmal Vögelchen zu würdigen. Mit der Haubenmeise und der Mönchsgrasmücke werden zwei Exemplare vorgestellt, die mit schicker Frisur und ausgedehntem Redeschwall auffallen.

In gewisser Weise ist die Auricherin Inge Daub an diesen Phänomenen mitverantwortlich. Sie hat schon Mitte Mai gemeldet, dass sich die Haubenmeise bei ihr im Garten eingenistet hat. „Ich finde sie süß“, schreibt Inge Daub. Ich auch.

Der hohe Niedlichkeitsfaktor ist bestimmt auch der lustigen Federhaube geschuldet, welche das Vögelchen mit dem wissenschaftlichen Namen Parus cristatus auf dem Kopf trägt. Bei Erregung jeglicher Art klappen die Vögel die Federchen nach oben. Bei der Haubenmeise sieht das besonders neckisch aus. „Wozu die Haube nützt, ist in Vogelkundlerkreisen noch unklar“, schreibt der Landesbund für Vogelschutz Bayerns (LBV) hierzu. Die bis zu zwölf Zentimeter lange Vogelart gehört in der zoologischen Systematik in der Ordnung der Singvögel zur Familie der Meisen, wissenschaftlich Paridae. Die Systematik scheint in Bewegung, denn die große Gattung Parus wird neuerdings aufgeteilt.

Das dürfte das in Baden-Württemberg regelmäßig brütende Vögelchen nicht belasten. Sie fühlt sich besonders in den Wipfeln von Nadelbäumen wohl, die dann wohl auch im oder am Garten von Inge Daub stehen müssten.

Eigentlich ist sie ein Vogel des dichten Nadelwalds, wo sie sich durch typische Gürr-Laute verrät. „Gutes tut man der Haubenmeise, wenn man einen großen Nadelbaum im Garten stehen hat“, schreibt der LBV. Ich persönlich bin ja kein Freund der Fichte, sie steht aber doch bei einigen Tierarten ziemlich hoch im Kurs, was sie durchaus sympathisch macht.

Die Haubenmeise bleibt ihrem Revier das ganze Jahr und das ganze Leben lang treu. Wenn alles supergut läuft, soll der Winzling sogar bis zu neun Jahre alt werden können. Die Männchen dieser Vogelart sehen zwar nicht schillernder aus als die Weibchen, sie legen sich aber zur Brutzeit im April bis Juni trotzdem ins Zeug, um die Angebetete zu überzeugen. Mit Flatterflügen wird die Liebste dann umworben, die Haube und ein schwarzer Kehllatz präsentiert und zu guter Letzt gibt es noch ein Hochzeitsgeschenk: Ein schmackhafter Gliederfüßer soll die Hochzeitslaune der Begehrten in Fahrt bringen. Im Winter fressen die Haubenmeisen dagegen Sämereien. Ganz nach Familientradition sind Haubenmeisen Höhlenbrüter und gelten glücklicherweise noch nicht als gefährdet.

Ein anderer Vogel, bei dem Inge Daub Bestimmungshilfe leistete, ist die Mönchsgrasmücke. Die Auricherin, die hin und wieder im Kassenhäusle des Enztalbades arbeitet, konnte meine verzweifelte Nachfrage neulich bestätigen: Direkt am Eingang zum Bad trällerte eine Mönchsgrasmücke ihr beeindruckendes Lied.

Dabei haut es dem Zuhörer fast das Trommelfell raus. Mit einer gewissen Hysterie in der Stimme posaunt der bis zu 15 Zentimeter lange Vogel eine anscheinend unglaublich wichtige Nachricht in die Welt hinaus. Der Schwabe würde Sylvia atricapilla, so ihr wissenschaftlicher Name, möglicherweise als Schwatzbas oder Schlabbergosch bezeichnen. Der Naturschutzbund (Nabu) beschreibt die Sangesleistung allerdings wesentlich liebevoller: „Auffallend ist auch ihr wohltönender Gesang: Nach einem zwitschernden Vorgesang ertönt ein laut flötender ‚Überschlag‘, der aus nahezu reinen Tönen besteht.“ Wie der Gesang der Mönchsgrasmücke mit dem der verwandten Gartengrasmücke unterschieden werden kann, beantwortet ein gewisser Guenther Woess in einem Internetforum derart neckisch: „Gartengrasmücke: Stell Dir eine singende Mönchsgrasmücke auf Speed vor, die sich den orgelnden Sound einer Amsel angeeignet hat.“

Während meine Wenigkeit die Allerweltsvogelarten einigermaßen erkennt, hört die Expertise bei Schnäppern, Grasmücken, Piepern und ähnlichen Burschen schon auf. Da war Inge Daub, die die Mönchsgrasmücke auch aus ihrem Garten kennt, schon eine große Hilfe. Später konnte sogar ein Blick auf den zwar nicht bunten, aber dennoch hübschen spatzengroßen aber schlankeren Vogel erhascht werden. Er scheint in diesem Jahr am Enztalbad die Nachtigall abgelöst zu haben, die sonst beim Schwimmen zu hören war.

Die Mönchsgrasmücke verdankt ihren Namen unter anderem der Mönchskappe auf dem Kopf, die bei den Männchen schwarz, bei Weibchen und Jungvögeln braun ist. Grasmücke soll aus dem Althochdeutschen von so was wie Graw-smiegan, also Grauschlüpfer kommen. Aus ihrem ursprünglichen Lebensraum, den Laub- und Mischwäldern, ist sie dem Menschen bis in die Großstädte gefolgt, wo sie sich in Parks und größeren Baumbeständen niederlässt. Sie baut ihr Nest auch gerne mal im Fassadengrün, wo dann in Knie- bis Kopfhöhe in der Regel ein bis zwei Bruten großgezogen werden.

Besonders niedlich beschreibt Ethnologe Dr. Anton Vogel von der Initiative Gebäudebrüter die Entdeckung solchen Jungvolks: „Einmal hatte ich im Tölzer Kurpark Gelegenheit, den Bettelrufen – die ich zuerst für die ähnlich klingenden Laute des Grauschnäppers hielt – zu einem Nest zu folgen. Hinter den fein geäderten, gezackten Schuppen der Efeublätter quollen drei fast flügge Grasmücklein förmlich aus ihrem zu klein gewordenen Nest. Sie blickten unter ihren blass-roten Käppchen, die bis zur Mauser noch keine Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen erkennen ließen, aus großen, schmelzend schwarzen Augen in die Welt und sperrten ihre Schnäbel mit den faltigen gelben Mundwinkelhäutchen auf. Dazwischen enthüllte sich ein leuchtend himbeerfarbener Rachen.“ Für Vogelfreunde lohnt es sich sicherlich, im Internet unter www.gebaeudebrueter.de einmal zu stöbern.

Fünf der weltweit rund 400 Grasmückenarten brüten in Deutschland: die Mönchs-, Garten-, Klapper-, Sperber- und Dorngrasmücke. Die Vogelart gilt den Forschern als Modellorganismus für Physiologie und Vererbung von Zugverhalten. Es wurde festgestellt, dass seit Beginn der 60er Jahre immer mehr Individuen aus Mitteleuropa in England und Irland überwintern. Durch die eifrig fütternden Vogelfreunde der Inseln haben sich sowohl Verhalten als auch Körperform dieser Gruppe verändert, fand eine Forschergruppe der Uni Freiburg heraus. Die Flügel sind kürzer und runder und der Schnabel länger und schmäler. Diese könnte der Beginn einer Aufspaltung in zwei Arten sein. Diese Verkürzung der Reisewege und die damit einhergehende sinkende Wintersterblichkeit sorgen für eine positive Entwicklung des Bestands. Im Winter soll die Vogelart sich an den Früchten von bis zu 60 Gehölzen laben können. „Diese Flexibilität hat sicher dazu beigetragen, dass ihre Bestände erfreulich stabil sind, ja gebietsweise sogar zugenommen haben. Immer öfter kann man einzelne von ihnen auch im Winter bei uns entdecken“, schreibt der Nabu. Auf dem Landesbildungsserver Baden-Württembergs ist zu erfahren, dass der Gesang amselähnlich volltönend, aber schneller „schwätzend“ ist. Den abschließenden, meist mehrfachen Überschlag finde man vor allem bei Populationen in Süddeutschland. Klar, bei den schwäbischen Exemplaren heißt der Überschlag am Schluss bestimmt „gell“, bei den bayerischen vermutlich „host mi“..

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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