Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

Liebe Leser,
heute geht es in der Heimatzeitung um die Heimat. Man meint, das Wort könne ganz einfach erklärt werden, was sich aber als schwierig bis unmöglich erweist. Eine Annäherung an einen gefühlsbeladenen Begriff.

„Und wenn er 40, 50 ist, dann fängt er an zu bauen. Doch wenn er endlich fertig ist, schnappt ihm das Arschloch zu. Oh Schwabenland, gelobtes Land, wie wunderbar bist Du.“ So lautet die letzte Strophe des Lieds der Schwaben, das eine etwas derbe Ode an die Heimat ist. Doch was ist das überhaupt, Heimat? Ist Heimat dort, wo man aufgewachsen ist? Oder dort, wo man jetzt wohnt? Oder gibt es gar mehrere Heimaten?

So manchem dürfte es ähnlich gehen wie mir: Ich wohne in Aurich, bin dort aber nicht aufgewachsen. Die Kindheit und Jugend verbrachte ich in Zuffenhausen. Meine „Auslandserfahrung“ außerhalb vom Ländle beschränkt sich auf drei Jahre Nordhessen.

Aber, was soll ich sagen, schon das Leben im Nachbarbundesland war damals eine Art Kulturschock, vermutlich für beide Seiten. Hier die Jungstudentin aus der schwäbischen Landeshauptstadt, die mit einem lieblichen „Grüß Gott“ auf den Lippen durchs nordhessische Dorf wandelte. Dort die Ureinwohner hessisch Sibiriens, die mit einem knappen „Tach!“ zurückgrüßten.

Diverse Sticheleien blieben nicht aus. Beim Kauf von Pansen für die Hunde wurde mir unterstellt, daraus Kutteln kochen zu wollen. Dabei war der Pansen ungereinigt und stank wie die Pest. Ein anderes Mal lauschte eine Professorin meinen schwäbisch angehauchten Worten, um am Ende meiner Ausführungen mit deutlicher Arroganz in der Stimme zu fragen: „Sprechen Sie Deutsch?“ Hallo! ’Tschuldigung! Der Schwabe kann bekanntlich bei größter Anstrengung kaum Hochdeutsch sprechen. Das war wohl eine klare Ausgrenzung aufgrund meiner ethnischen Herkunft.

Nun ja, das alles war nicht schlimm, aber es blieb in Erinnerung. Ebenso wie natürlich auch zahlreiche lustige Begebenheiten, die sich aufgrund von Sprach- und Mentalitätsunterschieden ergaben. An der Kasse des Einkaufsmarktes sorgten beispielsweise die gewünschten Bombola für Verwirrung – Bonbons heißen dort Bollchen. Dank beiderseitigem Bemühen klappte – meiner Ansicht nach – die Integration und mir wuchsen Landschaft und Menschen ans Herz, sodass auch dieses kleine Dorf in Nordhessen Heimat war, vielleicht sogar noch tief im Herzen ein Stück weit immer noch ist.

Höre ich heute den Namen Zuffenhausen, kommen zwar heimatliche Gefühle auf – fahre ich hindurch, jedoch eigentlich kaum mehr. Heimat, das ist Familie, das sind Freunde und für mich auch die Natur vor Ort, zum Beispiel im schönen Aurich.

In einer Publikation der Konrad-Adenauer-Stiftung wird das Begriffs-Dilemma schön dargelegt: Wenn gefragt werde, was Heimat sei, ergehe es uns ja wie dem Heiligen Augustinus bei der Frage nach der Zeit: „Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es, will ich es aber jemandem erklären, weiß ich es nicht.”

Zur Heimat gehören insbesondere Gerüche, da diese eine ganz urtümliche, gefühlsbetonte Saite in uns zum Klingen bringen. Wie roch die Gutslesbäckerei an Weihnachten? Wie roch es einst im Kindergarten? Fährt einem ein solcher Duft in die Nase, werden in besonderem Maße Gefühle aktiviert und erinnert, denn es besteht ein direkter Draht vom Riechzentrum zum limbischen System, einer alten Hirnregion mit Sitz der Gefühlswelt. Margot Honecker, einstmals DDR-Ministerin für Volksbildung, soll gegen Lebensende im fernen Chile gesagt haben, dass Heimat für sie der Geruch von Wald und Pilzen sei.

Lange Jahre war der Begriff Heimat irgendwie als staubig, hinterwäldlerisch oder gar als Heimattümelei verpönt. Besonders in unsteten Zeiten wie diesen ist die Heimat aber wieder omnipräsent, ein Sehnsuchtsort bisweilen, der Ort, an dem Lebensmittel aus der Region entstehen und wo das Wohlgefühl zu Hause ist. Zeitschriften mit der Landliebe schossen wie Pilze aus dem Boden – noch einige Jahre zuvor nahezu undenkbar. Selbst Stricken und Häkeln erfahren eine Rennaisance. Wer ist wo und wann daheim? Heimat gräbt sich im besten Fall schon in der Kindheit mit immer wiederkehrenden, positiven Erfahrungen in die Hirnbahnen, was das Abrufen der Erinnerung vereinfacht. Bei Demenzkranken können diese Datenautobahnen der Erinnerung zerfallen, was zu einem Gefühl der Heimatlosigkeit führen kann.

„Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl“, das schrieb die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG) als „eine der vielen Annäherungen an einen ambivalenten Begriff“, zu ihrer Jahrestagung unter dem Titel „heimatlos“ im vergangenen Jahr in Stuttgart. Das Leben selbst könne als „unausweichliche Migration“ verstanden werden, beispielsweise aus der Perspektive ständiger Trennungen, die schon mit der Geburt beginnen. So sei in einem Vortrag mit der überspitzten These „Jugendliche sind Flüchtlinge“ – nämlich aus der eigenen Familie – aufgezeigt worden, wie Jugendkulturen die „Fähigkeit des Menschen, neue Heimaten zu schaffen“ verdeutlichen, indem dort mit neuen Identitäten experimentiert werde, so die DPG.

Manchmal wird Heimat auch auf unterschiedliche Weise geschützt: „In Sachsen lädt der Landesverein Heimatschutz seine Mitglieder zum Wandern ein, veranstaltet Fotoausstellungen und Baumpflanzaktionen. Die Initiative Heimatschutz hingegen demonstriert gegen die sogenannte Überfremdung durch Flüchtlinge“, war im „Zeit-Magazin“ im vergangenen Jahr zu lesen. „Überfremdung“ – schon im Jahr 1993 schaffte es der Begriff, zum Unwort des Jahres gekürt zu werden. Die Jury schreibt, dass das Wort erst ein betriebswirtschaftlicher Begriff war – zu viel fremdes Geld in einem Unternehmen. 1941 musste der Duden die Interpretation als „Eindringen Fremdrassiger“ aufnehmen. „Ausschlaggebend für die Kritik an diesem auf den ersten Blick harmlos erscheinenden Wort war die Feststellung, dass Überfremdung nach wie vor im Sinne einer rassistischen Uminterpretation verwendet wird“, so die Unwort-des-Jahres-Jury. Für ein Gefühl der „Überfremdung“ genügen offensichtlich auch Schwaben, die nach Berlin ziehen. Der Begriff Schwabenhass schwappte vor einigen Jahren durch die Medien. Die schwäbelnden Menschen aus dem Südwesten gelten manchem in der Hauptstadt als pedantisch und ihnen fehle der Sinn für die Berliner Kultur. Slogans wie: „Wir sind ein Volk. Und ihr seid ein anderes“ seien zu lesen gewesen.

Der Begriff Heimat wirft viele Fragen auf und birgt keine einfachen Antworten. Oder doch? Eine genauso simple, wie herzlos klingende Definition von Heimat kursiert wohl – als Witz? – bei der jüngeren Generation: „Heimat ist, wo sich mein Handy automatisch mit dem WLAN verbindet.“ Ebenso nichts- wie vielsagend die Schwabenweisheit: Drhoim isch halt drhoim.

Wie aus christlicher Perspektive der Begriff Heimat zu verstehen ist, erklärt Vaihingens Dekan Reiner Zeyher: „Für das christliche Selbstverständnis ist es konstitutiv, dass der Mensch ein Gast auf Erden ist. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir, heißt es in der Bibel.“ Der Dekan betont dabei: „Das bedeutet aber nicht, dass wir heimatlos sind und als Christenmenschen keine Heimat hätten hier auf Erden. Als Menschen leben wir in dieser Welt und wir brauchen auch eine Heimat. Aber diese gehört mir nicht. Ich kann darüber nicht verfügen, als wäre sie mein Besitz. Sie ist Geschenk von Gott her. Und das gilt für alle Menschen. Ausnahmslos.“ Und er fügt hinzu: „Deshalb ist für mich Heimat nicht an einen Ort oder an ein Land gebunden, so wichtig diese Verortung für uns Menschen ist, sondern Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle. Wo es Menschen gibt, die in mir einen Mitmenschen sehen, einen Bruder oder eine Schwester.“ Darin sehe er auch die Bedeutung und unbedingte Geltung von Artikel 1 des Grundgesetzes, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Zeyher: „Oder wie es in der Bibel heißt: Da ist weder Grieche, noch Jude, wir sind alle eins in Christus.“

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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