Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Beim Blick durch die Stereolupe sind die hellen Schilde der Deckelschildlaus-Männchen zu sehen und die bräunlichen Weibchen.

    Beim Blick durch die Stereolupe sind die hellen Schilde der Deckelschildlaus-Männchen zu sehen und die bräunlichen Weibchen.

Liebe Leser,
neulich drang der verzweifelte Ruf einer Nachbarin an mein Ohr. Ihr banger Blick galt einer immergrünen Pflanze im Vorgarten. Diese zeigte sich bei näherer Betrachtung übersät mit kleinen, weißen Tierchen, was nichts Gutes bedeuten konnte.

Mir schwante schon, dass ich bestimmt nicht weiterhelfen konnte. Denn mein Biologenwissen schwindet so vor sich hin und schließt im Allgemeinen Zierpflanzen und deren Schädlinge aus. Aber natürlich muss man erst mal gucken und siehe da, eine erste Diagnose drängte sich auf: bei den länglichen, weißen Dingern könnte es sich um Thripse, im Volksmund Gewittertierchen genannt, handeln. Um es gleich zu sagen – dies erwies sich als falsch.

Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um einen in Deutschland recht neuen Zierpflanzenschädling, mit dem sperrigen Namen Spindelstrauch-Deckelschildlaus, wissenschaftlich Unaspis euonymi.

Auch das Kleingehölz war mir namentlich nicht bekannt. Die Klage der Nachbarin, dass doch daraus immer so schöne Weihnachtsgestecke entstanden seien, legte nahe, dass es sich um ein immergrünes Gewächs handelt. Nach weiterer Suche wird der Busch als Japanischer Pfeifenstrauch mit panaschierten Blättern identifiziert. Wissenschaftlich heißt das Ziergehölz Euonymus japonicus, was aufgrund des Gattungsnamens Euonymus die Verwandtschaft zu unserem heimischen Pfaffenhütchen, Euonymus europaeus, verrät.

Jedenfalls war es wirklich ein Anblick des Jammers, denn von den Blättern und Zweiglein des Strauches aus Japan war teils gar nicht mehr viel zu sehen, so üppig hockte die weiße Plage darauf herum.

Tatsächlich handelt es sich bei den kleinen, weißen, stiftförmigen Dingern um die Männchen eben jener Spindelstrauch-Deckelschildlaus, beziehungsweise um deren Schilde. Das Spindelstrauch-Deckelschildlaus-Weibchen – was für eine Wortgruppe! – ist dem Männchen zahlenmäßig extrem unterlegen, was ein Grund dafür ist, dass man es zunächst gar nicht wahrnimmt. Besonders ansehnlich sind die Weibchen, die in Form eines bräunlichen Haufens daherkommen, eher nicht. Wenn man es gut meint, könnte man ihr Aussehen austernförmig nennen. Aber egal, wie unschön die Tierchen auch aussehen mögen, sie sind offensichtlich erfolgreich. Nachbars Busch litt stellenweise sichtbar an den Saftsaugern, so lange, bis Frau Nachbarin sich für Tabula rasa entschied und dem Großteil der Äste großzügig mit Gartengerät zu Leibe rückte.

Die Vertreter der zoologischen Familie der Deckelschildläuse zeigen gerne, wie hier in unserem Fall, einen deutlichen Sexualdimorphismus. Die Männchen sind sehr klein und eher zierlich, die Weibchen bedecken ihren größeren unförmigen Körper mit einem Schild. Deckelschildläuse besiedeln neue Lebensräume in der Regel in ihrer Jugendphase, später hat zumindest das Weibchen unter anderem keine Beine mehr und steckt mit ihrem Saugrüssel dauerhaft an der Pflanze fest. Junge Deckelschildläuse lassen sich allerdings auch gerne vom Wind verdriften oder von größeren Tieren mit zu neuen Ufern nehmen. Bei den Männchen verkümmern alsbald die Mundwerkzeuge, dafür besitzen sie Flügel. Zudem können sich manche Arten parthenogenetisch, also durch Jungfernzeugung und ohne Männchen, fortpflanzen. Bei den Deckelschildläusen soll sich der Schild von den Weibchen mit etwas Feingefühl abheben lassen, bei den verwandten Napfschildläusen ist dieser mit der Laus verwachsen.

Nun aber zurück zur armen Nachbarin mit ihren Spindelstrauch-Deckelschildläusen. Am Samstag begab ich mich nochmal auf die Pirsch in ihrem Vorgarten und konnte ein befallenes Zweiglein ergattern (mit Erlaubnis, versteht sich).

Wie gut, wenn man eine Stereolupe daheim hat. Bei der Vergrößerung lässt sich das Geschlechtersammelsurium auf dem Blatt recht gut erkennen. Unter einem meist bräunlichen Schild aus Drüsensekret und Exkrementen sitzt das Weibchen; unter dem länglichenweißen Schild das geflügelte, orangegelbe Männchen. Die Eier – bis zu 50 pro Weibchen – werden von den überwinterten Müttern vor allem gegen Ende Mai und im Juni unter dem Schutz gebenden Schild abgelegt.

Prof. Dr. Heinrich Schmutterer schreibt im Nachrichtenblatt Deutscher Pflanzenschutzdienste, dass er dieses Insekt 1996 erstmalig in Deutschland und zwar in Frankfurt am Main festgestellt habe.

Das Landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg (LTZ) berichtet von 29 Deckelschildlausarten, die in Deutschland bekannt sind. Von diesen 29 Arten wurden Stand 2018 in Baden-Württemberg 15 Arten im Obst- und Gartenbau gefunden, die auch eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung haben. Die auch kurz Spindeldeckelschildlaus genannte Laus trägt bei uns das Prädikat „von geringerer wirtschaftlicher Bedeutung“.

Eine Bemerkung des LTZ lässt hoffen: „guter Wirt für die Schlupfwespe Encasia citrina“. Allerdings heißt es auch, dass die Spindeldeckelschildlaus sehr schädlich werden kann. Bei einem entsprechenden Massenauftreten könne der Strauch auch absterben. Heinrich Schmutter berichtet, dass aufgrund des starken Befalls in manchen Gebieten in Nordamerika schon bestimmte Japanische Spindelbäume von Baumschulen aus dem Sortiment genommen wurden.

Eine weitere unschöne Nachricht für alle, die um ihren Spindelstrauch bangen: „Die Bekämpfung von Schildläusen ist schwierig, da sie durch ihren Schild gut geschützt sind.“ Dies meldet der Pflanzenschutzdienst Giessen. Aber in diesem Zusammenhang fällt mir der Artikel zur Bekämpfung eines Wespennests im Rollladenkasten ein. Diatomeenerde, auch als Kieselgur bekannt, hieß da das Zauberwort. Fossile einzellige Kieselalgen sind dabei der Inhaltsstoff. Die Hauptsubstanz ihrer Schalen ist Siliziumdioxid, das zum einen den Chitinpanzer ankratzen soll und stark wasser- und fettbindend wirkt und Insekten so austrocknen kann. Kieselgur ist nicht gifitg, kann bei der Anwendung jedoch durch das feine Zerstäuben einiges an Schmutz erzeugen. Bei Orchideen, die ebenfalls gerne von Deckelschildläusen befallen werden, soll die Bekämpfung mit Diatomeenerde funktionieren. Es gibt natürlich noch weitere Biozide, um der Lage eventuell Herr zu werden, unter anderem wohl auch Öle, die aber mitunter die Pflanze schädigt.

Nicht traurig sein, liebe Nachbarin, vielleicht überlebt das gute Stück ja doch irgendwie und sei es durch einen radikalen Schnitt im Frühjahr. Genau genommen können wir dankbar sein, dass sich nicht die wohlklingende San-José-Schildlaus in der Nachbarschaft eingebürgert hat. Sie hat in Obstplantagen schon für große Schäden gesorgt und ist meldepflichtig.

Vielleicht sollte ich meiner lieben Nachbarin, falls der Spindelbaum nicht mehr zu retten ist, ein Buchsbäumchen schenken. Da weiß man wenigstens gleich, dass das vom Buchsbaumzünsler dahingerafft wird. Oder, viel besser, eine Weißtanne – als Weihnachtsbaum in spe fürs ganze Sträßle.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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