Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

Liebe Leser,
Versteinerung live erleben, das ist seit ein paar Jahren im urbanen und dörflichen Umfeld möglich. Im weltgeschichtlichen Zeitraffer greift die Verschotterung der Vorgärten um sich: Grau ist das neue Grün.

Am Donnerstag schaltete ich just in dem Moment kurz zufällig zur Bambi-Verleihung, als Arnold Schwarzenegger über den Bildschirm flimmerte und eine flammende Rede für den Klimaschutz hielt. Gefolgt von einer Apnoe-Taucherin die das güldene Tier erhielt, weil sie gegen die Vermüllung der Meere einsteht. Umwelt-, Klima- und Naturschutz spielen global, regional und allerorten eine große Rolle. Deshalb, so könnte man meinen, müssten insektenfreundliche Gärten mit heimischem Grün hoch im Kurs stehen. Aber seit einigen Jahren rollt eine Steinlawine übers Land, die speziell in Vorgärten zu beträchtlichen Schotterablagerungen führt.

Natürlich ist die Gartengestaltung Geschmacksache. Und natürlich ist das Wühlen in der Erde, die Pflege von Blumen- und Gemüsebeeten nicht jedermanns Ding. Manch einer fühlt sich mit zunehmenden Gebrechen dazu womöglich nicht mehr imstande, ein anderer findet die lebensfeindlichen Steinwüsten vielleicht einfach toll. Würde es sich um einzelne Gärten handeln, wäre die derartige Versiegelung eher zu verschmerzen. Leider ist aber zu beobachten, dass die Versteinerung wie eine Epidemie um sich greift und Straßenzüge erfasst. Auch junge Familien „pflanzen“ sich mit Gabionen, Schotter, Rollrasen – gerne per Mähroboter gepflegt – und Stelen vors Haus. Gärten, in denen noch Blumen mit Nektar und Pollen wachsen dürfen, werden so zu Inseln im lebensfeindlichen Umfeld.

Der Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (kurz BGL) hat in diesem Frühjahr die Initiative „Rettet die Vorgärten“ gestartet. In diesem Zusammenhang wurde im Auftrag des BGL eine Umfrage gemacht, für die repräsentativ 2046 Männer und Frauen ab 14 Jahren befragt wurden. Dabei gaben fast drei Viertel (71 Prozent) der Befragten an, begrünte Vorgärten den versteinerten Varianten vorzuziehen – selbst Schottergartenbesitzer seien darunter gewesen.

Der Vorgarten sei ein halböffentlicher Raum, den Nachbarn und Passanten als „Visitenkarte des Hauses“ wahrnehmen, lässt der Verband in einer Pressemitteilung wissen. Um den Zusammenhang von drinnen und draußen besser zu verstehen, insbesondere aber den Wert des Vorgartens aus psychologischer Sicht zu beleuchten, hat der Bundesverband den Austausch mit dem Münchner Wohnpsychologen Uwe Linke gesucht. August Forster, Präsident des BGL, kennt die Sensibilität von Vorgärten aus der Beratungspraxis: „Je nachdem, wie die Fläche vor dem Haus gestaltet ist, vor allem, wie gepflegt sie ist, lässt Rückschlüsse auf die Einstellung und das Verhalten der Hausbewohner zu … und genau das macht den Vorgarten so pikant.“

„Nichts triggert Menschen mehr als die Anerkennung anderer“, sagt Wohnpsychologe Linke. Schönheit in Form von „Design“ sei im vergangenen Jahrzehnt zum Wirtschaftsfaktor geworden. So hätten die ersten Flachbildschirme zwar eine deutlich schlechtere Bildqualität gezeigt als die damals üblichen Röhrengeräte, doch sie galten als schick und wurden zu jedem Preis gekauft. Vom Verstand her müsste eine kreative Vorgartengestaltung, die attraktiv, umwelt- und bienenfreundlich ist sowie Beschattung im Sommer bietet und die Gebäudehülle schützt, ganz nebenbei einen Prestigegewinn mit sich bringen, so die Annahme der Fachleute.

Forster: „Interessant fanden wir vor allem, dass auch Kiesgartenbesitzer mit Pflanzen gestaltete Vorgärten als schöner bewerten.“ Die zunehmende Versteinerung von Vorgärten geschehe in diesem Licht offensichtlich gegen besseres Wissen. Linke: „Im Falle des Vorgartens haben wir stellvertretend für alles, was der einzelne beitragen kann, um Lebensraum für Pflanzen und Insekten zu schaffen oder Regenwasserversickerungsflächen zu erhalten, kein Bewusstsein. Dazu kommt, dass wir die Natur nur dann akzeptieren, wenn sie nahezu perfekt ist und viele die Arbeit scheuen, die ein Garten nun mal mit sich bringt.“

Dabei stecke genau in der Beschäftigung mit dem Vorgarten die doppelte Chance, das individuelle Belohnungszentrum im Gehirn zu aktivieren und sich in der Nachbarschaft als weltoffen zu beweisen. „Es hält uns davon ab, depressiv zu werden. Im Vorgarten fängt Freundschaft an!“, ist Linke überzeugt.

Ein weiteres starkes Argument für grün-bunte Gärten liefert der Verband gleich nach. In Zeiten des Klimawandels mit immer mehr Extremwetterlagen können Pflanzen am Haus als ökologisch bessere Alternative zu Vollwärmeschutz mit Styroporverkleidung wirksam werden. Der Hausbaum als Schattenspender, Dach- und Fassadenbegrünung, jeder Quadratmeter Grün trage bei zur Minderung der Hitzebelastung im Wohnumfeld.

Bepflanzte Gartenbereiche können im Gegensatz zu versiegelten Flächen Regenwasser aufnehmen und durch Verdunstung regulierend auf das Klima einwirken. Forster: „Die Summe vieler auch kleiner Vorgärten ist eine große Fläche und kann als individueller Beitrag der Bürger das Stadtklima positiv beeinflussen.“

Nicht zu unterschätzen sei auch der Wert des Vorgartens für die Hausbewohner selbst. Linke: „Wir sind nicht immer im Garten oder haben oft keine Zeit für den Garten, aber nahezu jeder geht einmal am Tag aus dem Haus und zurück. Eine abwechslungsreiche Bepflanzung, blühende Pflanzen sich entwickeln zu sehen, aber auch die Herbstfärbung oder der Raureif am Wintermorgen – ein lebendiger Garten ist einfach beglückend.“

Wohnpsychologe Linke: „Für mich geht es nicht nur um den Vorgarten, sondern darum, dass Menschen den Wert der Natur vor ihrer Haustüre sehen und sich der Möglichkeit bewusst werden, dieses kleine Stück aktiv gestalten zu können.“

Genau: steinreich, ja bitte – aber nur auf dem Konto. Oder als Schotterrasen in der pflegeleichten Öko-Variante ohne Versiegelung durch Folie und Unkraut-Vlies. Hier werden Wildblumen für magere Standorte gesät, daran können sich dann Mensch und Tier erfreuen.

Infos zu naturnahen und bei Bedarf pflegeleichten Gärten gibt es bei Fachleuten oder im Internet genügend. Vor allem Kinder sollten lieber Blümchen pflücken, als Steinen beim Liegen zuschauen.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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