Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

Liebe Leser,
zuerst einmal ein gutes neues Jahr. Gut ist unser Stichwort für heute. Denn das Gute auf der Welt stirbt aus, befürchten einige Mit-Vaihinger. Dem ist nicht so – oder doch?

Sie habe, sagte mir neulich eine Freundin aus Vaihingen, kürzlich mit jemandem telefoniert und man sei übereingekommen, dass das Böse in der Welt die Oberhand gewinnt. Das Böse siegt? Alles wird herzloser, die Menschlichkeit geht flöten? Auch mich überfällt allzu oft diese Wahrnehmung. Aber heute versuche ich mal, dagegen anzuschreiben.

Das Gespräch über Gut und Böse war vergangene Woche. Auf Dienstag datiert mein persönlicher Beweis dafür, dass es noch Gutes gibt und Menschen mitunter gerne helfen. An diesem Tag hatte ich frei. Was tut man ab einem gewissen Alter an seinem freien Tag? Man geht zum Arzt und ins Sanitätshaus, Einlagen für die Spreizfüße abholen. Innerhalb dieser rund zwei Stunden konnte ich zwei fremden Menschen helfen. Eines war eine havarierte Autofahrerin, bei der auch gleich noch ein weiterer Autofahrer seine Hilfe antrug. Nebenbei bemerkt: Wieso hat der Knopf für den Warnblinker eigentlich kein haptisches Erkennungsmerkmal? Das andere war ein Herr, dessen Rollator ich mit meinem winzigen Großraumfahrzeug transportieren half. Keine Angst, diese Selbstbeweihräucherung meinerseits wird Sie nicht lange belasten, denn Sie werden diese Zeilen gleich wieder vergessen.

Hätte ich dagegen von einem skandalösen Verhalten berichtet (sehen Sie, Sie werden gleich viel munterer), würde Ihnen das im Gedächtnis bleiben. Denn wir gewichten schlechte Taten stärker als gute, das haben Evolutionsbiologen der Uni Bern herausgefunden. Skandalösem Klatsch, der den Ruf einer Person beschädigt, schenken wir demnach mehr Aufmerksamkeit als jenen Schlagzeilen, die diese in ein gutes Licht stellen. Denn für die Kooperation in der Gruppe ist es wichtig, welchen Ruf jemandem hat.

Dass Sie meine guten Taten nun schon wieder vergessen haben – ich kann Sie ja noch paarmal dran erinnern – ist nicht weiter schlimm, denn diese zwei Aktionen am Dienstag waren rundum gut – und zwar für mich. Weil helfen gesund ist. „Wenn wir anderen helfen, helfen wir uns selbst“, wird Studienautorin Emily Ansell beim Gesundheitsportal der Apotheker zitiert. Je häufiger sich Studienteilnehmer um andere Personen kümmerten, zum Beispiel, indem sie eine Tür aufhielten, bei Hausaufgaben halfen oder allgemein ihre Hilfe anboten, desto höher schätzten sie an diesem Tag ihre positiven Gefühle und ihre seelische Gesundheit ein. Siehste!

Um die Welt und die eigene Gesundheit ein wenig besser zu machen, können Sie anderen Ihre Unterstützung angedeihen lassen. Obendrein ist helfen auch noch ansteckend, sagen die Berner Evolutionsforscher. Positive Erfahrungen mit Fremden freuen uns und erhöhen die eigene Hilfsbereitschaft gegenüber anderen unbekannten Personen. Umgekehrt verstärken negative Erfahrungen die Abneigung. Wer Gutes tut, tut folglich dreifach Gutes: demjenigen, dem geholfen wurde, sich selbst und als Auslöser einer kleineren Hilfskaskade. Überhaupt liegt das Helfen in unserer Natur. „Wir sind ultrakooperative, moralische Primaten“, wird der Verhaltensforscher Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut in Leipzig im „Geo“-Magazin zitiert. Der Mensch sei von Natur aus gut, dieser Meinung seien inzwischen viele Wissenschaftler. Auch wenn es so scheint: Mord und Totschlag sind die Ausnahme. Im Vergleich von der Anzahl der Menschen auf der Erde (7,5 Milliarden) zur Anzahl der jährlichen Morde (400 000) zeige sich, dass mehr als 99,99 Prozent der Menschen niemanden planvoll umbringe, schreibt hierzu das „Geo“.

Wieso sich trotzdem der Eindruck aufdrängt, dass die Welt schlecht ist, dürfte unter anderem folgende Gründe haben: Zum einen neigt der Mensch aus evolutionärer Sicht dazu, sich eher an negative Dinge zu erinnern. Schlechte Erfahrungen sind in der Regel mit viel Emotion belegt und werden schon deshalb gut erinnert. Obendrein sollen vermeintliche Fehler nicht ein weiteres Mal begangen werden. Zum anderen ist es Medienalltag, dass beispielsweise Polizeimeldungen quasi von selbst in die Redaktion einlaufen. Und bei dieser Art von Nachrichten, die von den Polizeipräsidien gesendet werden, geht es nun mal leider selten um schöne Geschichten. Gibt es auch Gutes in der Zeitung? Das hängt teilweise wohl von der Sichtweise ab. Im Lokalteil der VKZ finden sich immer wieder Artikel zu Spendenübergaben. Das ist toll, weil hier Menschen etwas Gutes tun. Man könnte nun aber argumentieren, das ist schlecht, weil es überhaupt nötig ist. Zum Beispiel die VKZ vom Mittwoch. Titelbild: Oberriexingens Stadtmauer droht einzustürzen – schlecht. Das Technische Hilfswerk ist vor Ort – toll. Denn auch das THW rekrutiert vor allem Ehrenamtliche für seine Arbeit. Schlecht: Es gibt die Mafia. Gut: Es gab eine erfolgreiche Razzia.

Yin und Yang eben. Ich bin jetzt nicht der große Asienkenner, aber ohne Böses gibt es kein Gutes und umgekehrt. Früher war alles besser? Vielleicht verleitet das eigene fortgeschrittene Alter dazu, so zu empfinden. Verblasst sind selbst die jüngeren Katastrophen – Schlagworte: Cap Anamur, Biafra, Waldsterben, saurer Regen, et cetera, et cetera.

Man mag es kaum glauben, aber in vielerlei Hinsicht soll die Welt heute besser sein als früher. Ökonom Max Roser von der Universität Oxford befasst sich mit Daten dieser Erde und kommt zu einem erstaunlichen Schluss: Er sei bislang ein Pessimist gewesen, aber die Daten zeigten, dass die Welt sich verbessere. So habe die Bildung im Lauf der Jahrzehnte weltweit zugenommen. Die Zahl der verübten Morde und Totschlagsdelikte sei niedriger denn je. Der Höchststand liegt bei seiner Grafik bei 73 gewaltsam getöteten Menschen in Italien Mitte des 15. Jahrhunderts. Im Jahr 2010 liegt die Zahl bei 1 in den sieben betrachteten westlichen Ländern. Wer die Entwicklung der Welt anhand von Zahlen und Grafiken verfolgen möchte, kann auf Rosers Seite www.ourworldindata.org im Internet stöbern.

Es gibt sie also doch noch, die Moral, das ethische Verhalten der Menschen, auch wenn man manchmal daran zweifeln mag. In heutiger Zeit tut sich da die Frage auf, wie und ob Maschinen moralisch agieren können. Wie sieht es damit beim autonomen Fahren aus? Neuroinformatiker der Uni Osnabrück sind der Meinung, sie können der Maschine Moral einprogrammieren. Wieso? Weil sie in einer Studie herausfanden, dass die menschliche Moral, also das ethischen Verhalten eines Autofahrers, einer einfachen Wert-des-Lebens-Skala folge. Bei ihren Untersuchungen ließen sie Probanden ein virtuelles Auto steuern, bei dessen Fahrt es zu Kollisionen mit Gegenständen, Tieren oder Menschen zu kommen droht. Bei den unausweichlichen Dilemma-Situationen seien zum Beispiel eher Erwachsene als Kinder geschädigt und der Hund unter den tierischen Hindernissen am ehesten verschont worden. Nun fütterten die Wissenschaftler einen Computer mit vielen der erhaltenen Ergebnisse – aber nicht mit allen. Es zeigte sich, dass die künstliche Intelligenz bei Situationen, die ihr nicht bekannt waren, ähnlich wie die menschlichen Fahrer agierte. Schöne neue Welt: Es kommt zur Entschleunigung hinterm Steuer, wenn der Mensch ein Nickerchen machen kann, während das autonom gesteuerte Fahrzeug im Stau steht.

Also, Kopf hoch, die Welt ist nicht so schlecht, wie sie scheint. Außerdem zwitschern von den paar Vögeln, die es noch gibt, manche schon ihr erstes Liebeslied, Schneeglöckchen blühen in Vorgärten, die noch steinfrei sind. Es wird bald Frühling, die Welt ist schön – wenn man Kriege, Artensterben, Naturzerstörung und, und, und ausblendet. Falls das Ausblenden mal so gar nicht funktioniert, verrate ich meinen ganz persönlichen Trostgedanken: Wenn sich die Menschheit letztendlich von dieser Welt katapultiert hat, wird trotzdem noch Leben auf dem Planeten sein. Die Natur wird in irgendeiner Form bleiben, sich wieder entfalten und uns womöglich noch ein „Ätsch“ hinterherrufen.

Anregungen zur Serie – im heutigen Fall gerne selbst erlebte Mutmach-Geschichten – per E-Mail an s.ruecker@vkz.de

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