Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

Liebe Leser,
Weihnachten naht und Familien kuscheln friedlich unter der Nordmanntanne. Stellt sich die Frage, stimmt das und was ist überhaupt eine Familie?

Welch eine Freude, endlich mal wieder ein schönes Thema! Die Familie an Weihnachten. Ein Hort der Glückseligkeit, der Wärme und der Harmonie. Kindlein spielen brav unterm Weihnachtsbaum. Familienchöre stimmen besinnliche Weisen an. Mutter und Vater werkeln harmonisch in der Küche, die Verwandtschaft packt mit an, und alles ist schön. Wollte man einen ausnahmslos netten Text über Familien schreiben, wäre die Geschichte mit dieser illusorischen Idylle hier zu Ende. Denn so harmonisch geht es in Familien leider nur im Märchen zu – und nicht mal da. Schon ein Blick in die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm zeigt das.

Bei „Hänsel und Gretel“ kommt die Mutter (!) auf die Idee, die Kinder in kargen Zeiten doch einfach mal auszusetzen. Oder wir blicken auf Aschenputtel, dem die Stiefmutter und Stiefschwestern das Leben schwermachen. Allüberall in den Märchen scheint die Stieffamilie, die neuerdings Patchworkfamilie heißt, präsent. Wie auch bei „Frau Holle“, die ihre hässliche, faule Tochter mag, nicht aber die schöne und fleißige Stieftochter.

Bis ins 19. Jahrhundert starben viele Frauen am Kindbettfieber. Ab Ende des 18. Jahrhunderts brachten auch die ahnungslosen Ärzte in den neu gegründeten Geburtsstationen den Tod in Form von Bakterien vom Seziertisch zu den Wöchnerinnen. Der Mediziner Ignaz Semmelweis kam der Ursache des Sterbens auf die Schliche, er erkannte am Wiener Krankenhaus den Zusammenhang und pochte auf Desinfektion der Hände. Doch die Anerkennung zu Lebzeiten bleibt ihm verwehrt. So kam es, dass die Mütter im Kindbett allzu häufig wegstarben und sich die frischgebackenen Väter eine neue Frau nahmen. Die sogenannte Kernfamilie aus Mutter, Vater und leiblichen Kindern erfuhr eine Veränderung zur Stieffamilie.

Aber wer oder was ist überhaupt eine Familie? Der Duden bietet folgende Definition: „Aus einem Elternpaar oder einem Elternteil und mindestens einem Kind bestehende [Lebens]gemeinschaft; Gruppe aller miteinander [bluts]verwandten Personen; Sippe.“ Das Wort Familie wurde im Laufe der Geschichte mit allerhand unterschiedlichem Inhalt gefüllt. In seinem Vortrag über „Ehe und Familie im Mittelalter“ sagt Professor Dr. Klaus van Eickels von der Universität Bamberg: „Man heiratete in der Vormoderne nicht aus Liebe, sondern aus sozialer Notwendigkeit.“ Die Ehen waren eher weniger lang als im 20. Jahrhundert, heißt es weiter. Infektionskrankheiten rafften die Bevölkerung dahin, bei Arbeitsunfällen oder im Krieg starben die Männer und Frauen kamen im Wochenbett zu Tode. „Die soziale Realität der Vormoderne war die Patchwork-Familie (Kinder aus mehreren Ehen bilden zusammen eine Familie) und die Fremdbetreuung (Ammen, andere Familien/Haushalte, geistliche Institutionen)“, heißt es bei Eickels weiter.

Ideologisch verklärt wurde die Familie im Nationalsozialismus. Die Deutschen sollten früh heiraten und „rassenreine“ Nachkommen zeugen. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels wird folgender Satz zugeschrieben: „Den ersten, besten und ihr gemäßesten Platz hat die Frau in der Familie und die wunderbarste Aufgabe, die sie erfüllen kann, ist die, ihrem Volk Kinder zu schenken.“ Doch auch eine Aufhebung der Familienstrukturen war bei den Nazis akzeptabel, wenn es darum ging, den arischen Nachwuchs zu sichern. Heinrich Himmler, Reichsführer der Schutzstaffel (SS), gründete 1935 den Verein „Lebensborn“, der „erbbiologisch wertvolle“ ledige Schwangere aufnahm, unter anderem wurden auch verschleppte Kinder dorthin gebracht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Väter und Söhne der Familien oft gefallen, vermisst, verwundet und die Frauen mussten mit dem Wiederaufbau und dem Durchbringen der Kinder nahezu Übermenschliches leisten. In den 50er-Jahren dagegen hatte sich die Lage stabilisiert und die Frauen sollten aus dem Arbeits- ins Familienleben gedrängt werden. Mutter, Vater, Kinder, Häuschen – und vor allem eine Mutter, die die Kinder und das Haus hütete. Das war jetzt das Ideal. Es ist ein Leitbild, das lange nachklingt.

Wie sieht es inzwischen aus? Im Familienreport 2017 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend steht: „Im familienpolitischen Verständnis ist Familie dort, wo Menschen verschiedener Generationen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, füreinander einstehen und gegenseitige Fürsorge leisten. Das schließt verheiratete und unverheiratete Paare mit Kindern ebenso ein wie Alleinerziehende, getrennt Erziehende, Stief- und Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien sowie Familien, die sich um pflege– und hilfsbedürftige Angehörige kümmern. Ehe für alle ist mittlerweile eine Selbstverständlichkeit geworden.“ Auch in der Bevölkerung sei ein breites Familienverständnis verankert. Familie ist für die Mehrheit dort, wo auch Kinder sind – unabhängig von der Lebensform. So ist für 97 Prozent der Bevölkerung auch ein unverheiratetes heterosexuelles Paar mit Kindern eine Familie, für 88 Prozent ein homosexuelles Paar mit Kindern, für 85 Prozent eine Mutter, die mit einem neuen Partner unverheiratet zusammenlebt, und für 82 Prozent eine alleinerziehende Mutter.

Falls es Ihnen an Weihnachten langweilig werden sollte, können Sie den 116 Seiten starken Familienreport ja genauer unter die Lupe nehmen. Dort finden sich noch viele interessante Details.

„Die Antwort auf die Frage, was Familie ist, ist gesellschaftspolitisch sehr relevant, weil damit bestimmt wird, welche Lebensformen gesellschaftlich legitimiert sind und als besonders schutz- und förderwürdig gelten sollen“, schrieb die Bundeszentrale politische Bildung schon 2012. Für sozialwissenschaftliche Analysen sei der Begriff Familie wegen seiner historischen Wandelbarkeit und ideologischen Befrachtung nur sehr eingeschränkt brauchbar. „Die Familie gibt es nicht“, so die Bundeszentrale. Vielmehr sei von einer Vielfalt unterschiedlicher (familialer) Lebensformen auszugehen, die, jede für sich, eine gewisse soziale Legitimität beanspruchen könne.

Ein kleiner Exkurs zeigt exemplarisch die Vielfalt der Definitionsmöglichkeiten von Familie in der Politik. Im Grundsatzprogramm der AfD steht: „In der Familie sorgen Mutter und Vater in dauerhafter gemeinsamer Verantwortung für die Kinder.“ Für die CDU ist laut cdu.de „Familie überall dort, wo Eltern für Kinder und Kinder für Eltern dauerhaft Verantwortung tragen.“ Die Grünen im Bundestag melden, „Familien sind so vielfältig wie das Leben selbst“ und Die Linke schreibt zum Internationalen Tag der Familien: „Familie ist dort, wo Nähe ist“.

Blicken wir nun einige Tage voraus oder weit zurück, je nachdem. Schon zu biblischen Zeiten sei Familie mehr gewesen als „Vater, Mutter, Kind“, schreibt Theologe Uwe Birnstein auf dem Portal evangelisch.de der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ganz so harmonisch wie in den Weihnachtskrippen dargestellt, sei es wohl nicht gewesen in Jesu Familie.

„Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, war fromm, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen“, sei zum Beispiel im Matthäusevangelium zu lesen. Josef blieb. Jesus habe sich als Erwachsener seiner Herkunftsfamilie offensichtlich nicht sonderlich verbunden gefühlt. Seine wahre Familie seien die Menschen, die sich um ihn geschart hatten und seiner Botschaft des nahen Gottesreiches vertrauten: „Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!“, zitiert der Theologe weiter.

Wem demnächst der Sinn nach Märchenhaftem und weißer Pracht steht, der kann im Geo-Naturpark Frau-Holle-Land in Nordhessen mal nachschauen, ob dort die weißen Flocken fliegen. Auf dem Hohen Meißner kann Frau Holle als Statue an ihrem Teich bewundert werden – egal, ob das dann die Familie oder die familiale Lebensform miteinander erlebt – Hauptsache vereint in Liebe und in Harmonie.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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