VaihingenPhänomene der Natur

Phänomene der Natur

Liebe Leser,
alle Jahre wieder bieten Universitäten Weihnachtsvorlesungen an. Als Begründer dieser Tradition gilt Naturforscher Michael Faraday. Tipp: Wie wär’s 2019 mal mit einer Weihnachtsvorlesungs-Tour quer durch die Republik?

Unser Gehirn tut zwar nicht immer, was es soll, das aber ganz hervorragend. Neulich hatte ich einen Satz mit Freiberg und der dort ansässigen Bergakademie überflogen. Ein Teil meines Gehirns hat sich das so hingebogen, dass es passt. Es machte aus Freiberg Freiburg im Breisgau, denn dort ist ja auch das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau ansässig. Passt irgendwie. Zum Glück hatten anderen Hirnwindungen doch Zweifel und nach nochmaliger Konsultation des Internets stand fest: Die Rede war von Freiberg in Sachsen und von der dortigen Technischen Universität Bergakademie Freiberg. An dieser TU ist Prof. Dr.-Ing. Matthias Kröger Leiter des Instituts für Maschinenelemente, Konstruktion und Fertigung. Und er hält alle Jahre wieder eine Weihnachtsvorlesung zum Thema Nussknacker, so war das auch am 12. Dezember. Bei dieser Gelegenheit konnte er den frisch patentierten Prototyp einer ganz besonderen Maschine vorstellen.

Ehrlich gesagt wusste ich bislang nicht, wie viele verschiedene Nussknackerarten es schon gibt. Insgesamt könnte man hierzu eine größere physikalische Abhandlung schreiben, denn die Sache ist nicht ganz einfach. Unter anderem soll die Bedienbarkeit einfach sein, die Kraftaufwendung sowie die Versprengung der Schalenteile sollte überschaubar bleiben und das Teil der Begierde, das Innere der Nuss, unbeschadet aus der Prozedur hervorgehen. Außerdem ist es für den Verkaufserfolg nicht schlecht, wenn ein Nussknacker auch noch schick aussieht. So gibt es mittlerweile die altbekannten Hebelknacker, dazu noch Gewindeknacker, Knacker mit einer fallenden Metallkugel und solche, mit der die Nuss durch eine Art Luftballon beschleunigt und erledigt wird. Wer sich der Sache naturwissenschaftlich nähern will, dem sei der Artikel „Physik zum Knacken“ zweier Physiker der Uni Münster ans Herz gelegt. Wohl eine ganz neue Methode für eine ganz besonders schwer zu knackende Nuss hat nun der Freiberger Forscher Kröger ausgetüftelt und patentieren lassen. Er kann die Macadamianuss maschinell knacken es mit seiner Erfindung ins Fernsehen geschafft. „Die Kunst war, eine einfache Lösung zu finden“, wird Kröger beim MDR Sachsen zitiert. Zudem sollte ein gewisser Durchsatz möglich sein. Gemeinsam mit Studenten habe er eine Vorrichtung entwickelt, welche die Nüsse mit Schneidkeilen spalten. Ein in Kenia ansässiges Unternehmen habe schon Interesse angemeldet. In der Mediathek von Rundfunk Berlin-Brandenburg kann in die Weihnachtsvorführung mit der neuen Maschine reingeschaut werden. Viel Spaß. Das nächste Projekt hat der Ingenieur vermutlich schon am Laufen: eine extrem harte Nuss aus Sambia. „Zu der Nuss gibt’s noch keine Lösung“, lässt der Professor dazu wissen.

Weihnachtsvorlesungen an Universitäten sind ja überhaupt ein Thema für sich und schon das Lesen einiger diesjähriger Themen macht Lust auf den Hörsaal. Die Uni Ulm hat ihrem „Regisseur des Physik-Feuerwerks“ im Internetauftritt viele Zeilen gewidmet. Hier kann die Vorlesung vom Vorjahr angeschaut werden. An der Hochschule für Technik Stuttgart lief die Weihnachtsvorlesung des Studiengangs Bauphysik am 15. Dezember vor 300 Kindern. Die Veranstaltung sei innerhalb weniger Stunden ausgebucht gewesen. Zu erleben gab es ein „spannendes physikalischen Programm rund ums Essen“ und an der TU München widmeten sich Studenten dem Zeitschlittenparadoxon. An der Weihnachtsvorlesung der Universität zu Köln laden alle Jahre wieder zwei Professoren zu einem Zwiegespräch über den Sinn und Zweck von Weihnachtsgeschenken ein.

Ihre Geburtsstunde hatten die Weihnachtsvorlesungen im 19. Jahrhundert in der Royal Institution in London. Besonders Kinder und Jugendliche sollten mit den gerne spektakulären Auftritten begeistert werden. Als Begründer gilt Naturforscher Michael Faraday, der allein 19-mal vor Weihnachten referierte, sechsmal davon über die Naturgeschichte einer Kerze. 1861 erschien diese Weihnachtsvorlesung in Buchform und soll eines der erfolgreichsten populärwissenschaftlichen Bücher sein. Wer sich beim Weihnachtsfest etwas zurückziehen oder durch fundiertes Wissen glänzen will, der kann sich auf der Homepage der Royal Institution unter rigb.org die Weihnachtsvorlesungen vergangener Jahre zu Gemüte führen.

Darunter werden so tiefschürfende Themen wie „Was ist Zeit?“ und „Die Wahrheit über die Nahrung“ angeboten und eine vielsagende Folge mit dem Titel „Meet your brain“, also treffe Dein Gehirn. Da hab ich mal kurz reingeklickt und bei der ersten Vorlesung, „Was ist in Deinem Kopf?“, gleich wieder weggeklickt. Wer Freiberg in Sachsen mit Freiburg im Breisgau verwechselt, will das nicht so unbedingt wissen. Ehrlich gesagt hab ich doch kurz reingeschaut und es ist sehr unterhaltsam, wenn auch auf Englisch, aber es schadet ja nichts, das mal wieder zu trainieren.

Apropos Gehirn und trainieren. Wir brauchen uns gar nichts auf die Erfindung des Nussknackers einbilden, denn auch Schimpansen knacken Nüsse mit Werkzeug. Und sie wählen sogar das jeweils Optimalste dafür aus. Dies hat ein internationales Forscherteam vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig herausgefunden. In zwei fünfmonatigen Feldforschungsaufenthalten wurden die freilebenden Primaten in einem Nationalpark an der Elfenbeinküste beobachtet. Die Schimpansen knacken dort die Nüsse der Art Coula edulis, auch als Afrikanischen Hasel- oder Walnuss bekannt, nach dem Hammer-Amboss-Prinzip. Ein Ast oder eine Wurzel dient als Unterlage, also Amboss. Nun war die spannende Frage, ob die Tiere bei der Auswahl des Hammers überlegen. Wie sich zeigte, ist das tatsächlich so. Denn der Affe wägt ab, wie weit der Weg zum Amboss ist, und ob sich dieser auf einem Baum befindet. Generell gaben sie handlichen Steinen den Vorzug, nutzten aber auch leichtere Stöcke als Hammer. „Bei längeren Transportwegen oder wenn sie auf einem Ast sitzend Nüsse knackten, entschieden sich die Tiere hingegen für einen leichteren Hammer. Die letzten beiden Beispiele zeigen, dass Schimpansen Transportwege und die Stabilität der Nussknackstelle berücksichtigen, wenn sie ein Werkzeug auswählen; sie planen also voraus“, schreiben die Forscher.

Da unsereiner ja in der Regel auch nicht doof ist, hat sich der Mensch eben auch was einfallen lassen. Dem Philosophen Aristoteles wird die Erfindung eines zangenartigen Nussknackers zugeschrieben. Im Lauf der Jahrhunderte wurden die Knacker aus Holz auch immer kunstvoller. Das Erzgebirge war schließlich eines der Nussknackerzentren. „Am 23. August 1844 wurde Wilhelm Friedrich Füchtner in Seiffen geboren. Wie seine Vorfahren lernte auch er den Beruf des Zimmermanns. Wilhelm Füchtner war es, der um 1870 aus Fichtenholz den ersten erzgebirgischen Nussknacker herstellte“, ist auf der Homepage der Firma Füchtner, die es heute noch in achter Generation gibt, zu lesen. Wer Lust hat kann auch mal ins „erste Nussknackermuseum Europas“ in Neuhausen im Erzgebirge reinschnuppern, 5500 Nussknacker sollen dort auf 400 Quadratmetern zu sehen sein. Und dort gibt es eine Nussknackerkönigin ... Wir haben hier die Deutsche Weinkönigin. Ätsch. Ok, ich nehm’ das Ätsch zurück, dem Sachsen-Schwaben-Verhältnis zuliebe. Aber bloß, weil Weihnachten ist.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen besinnliche und friedvolle Feiertage mit Nüssen, die zu knacken sind, ond dass au koi daube Nuss d’rbei isch.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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