Liebe Leser, willkommen im neuen Jahr! Zum Auftakt gibt’s heute ein irres Wesen, das oberflächlich betrachtet eher etwas langweilig erscheint. Dabei reicht bei ihm die Themenauswahl von Camouflage über die Große Hungersnot bis hin zu Goethes Dichtkunst. „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind, es ist der Vater mit seinem Kind.“ Respekt für alle, die den „Erlkönig“ von Johann Wolfgang von Goethe noch weiter zitieren können. Der Name der bekannten Ballade lässt erahnen, um welches Wesen es heute geht. Nicht um den König, was vielleicht auch spannend gewesen wäre. Nein, der Erle soll heute unsere Aufmerksamkeit gelten. Wobei sich die Gelehrten wohl nicht ganz einig sind, ob wirklich die Erle gemeint war oder das ganze einem Übersetzungsfehler geschuldet ist: Im Dänischen ist vom Ellerkonge die Rede, einem Elfenkönig. Möglicherweise müssten dann auch die Prototypen der Automobilindustrie umbenannt werden. Denn auch diese sind als Erlkönige bekannt. Wie es dazu kam? Hier hatten zwei Motorjournalisten die bahnbrechende Idee, Amateurfotos der neuen Flitzer mit einem Mehrzeiler zu bedenken und das Ganze mit „Erlkönig“ zu überschreiben. Aus „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind“ wurde hierbei „„Wer fährt da so rasch durch Regen und Wind?“. Der Begriff Erlkönig hielt sich für die Autos, die inzwischen gerne im Dazzle-Muster, also im Blend-Muster, daherkommen. Da müssen wir auch kurz einhaken, denn das klingt ebenfalls spannend. BMW beispielsweise erklärt auf seiner Homepage den Ursprung des schwarz-weißen Verwirrungsmusters. Anscheinend hatte vor fast genau 100 Jahren der britische Künstler Norman Wilkinson während seines Marineeinsatzes die Idee zur Tarnung von Kriegsschiffen. Zum Schutz seiner selbst und der Kameraden ersann er das sogenannte Dazzle-Muster, das heute gerne als Hülle der noch geheim gehaltenen Prototypen auf der Straße daherkommt. Es soll sogar Surfbretter und Neopren-Anzüge in der peppigen Schwarz-weiß-Musterung geben, um Haien die Sinne zu rauben. Ich wage mal zu behaupten, dass nicht der britische Künstler die Erfindung für sich verbuchen kann, sondern Mutter Natur. Die potenzielle Beute wie das Zebra hüllt sich ebenso gerne in Fellmuster, die es mit dem Hintergrund verschmelzen lassen, wie der Jäger Leopard im Steppengras. Konturen lösen sich dank der mehrfarbigen Streifen und Punkte nahezu auf. Gut sichtbar reckt sich dagegen unser heutiger Star, die Erle, gen Himmel. Wissenschaftlich heißt sie Alnus glutinosa und wird auch Schwarzerle oder Roterle, aufgrund des roten Holzes, genannt. Die Erle ist einer meiner Lieblinge, denn sie hat selbst im Winter etwas Heiteres an sich. Mit ihren kleinen Zapfen und lustigen Würsten, die auf das nächste Frühjahr hoffen lassen, wird sie immer vom Hauch der Zuversicht umgeben. Auch ihre Blätter sind gar liebst rundlich und verkehrt-eiförmig. Ganz zu schweigen vom Holz, das mit seiner rötlichen Farbe zu wirklich schönen Möbeln verarbeitet werden kann. So hatte ich die Erle schon lange im Blick und nun, kurz bevor ich mich mit ihr befasse, kommt die Hiobsbotschaft: Es gibt ein Erlensterben. Schockschwerenot. Beim Termin in Sachen Gehölzschnitt an der Metter trifft mich die Nachricht am Montag doch hart. Dabei ist die Erkrankung schon seit Ende der 90er Jahre bekannt, wie die Forstexperten auf der Plattform waldwissen.net melden. Demnach wird der bis zu 40 Meter große Baum von Phytophthora alni gemeuchelt, einem zu den Pilzen zählenden Erreger, der in meinem Hirn ein Glöckchen bimmeln lässt. Phytophthora, da war doch was mit Kartoffeln. Stimmt. Phytophthora infestans ist der Erreger der Knollenfäule. Er wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Nordamerika aus nach Europa eingeschleppt. Besonders schlimm traf es die Grüne Insel. In Irland kam es zur Great Famine, der Großen Hungersnot. Eine Million Menschen starben in wenigen Jahren, zwei Millionen Iren wanderten aus. Und jetzt meuchelt ein Verwandter die Erlen. Die Gattung Alnus aus der Familie der Birkengewächse ist in Deutschland mit drei heimischen Arten vertreten, der Schwarz-, Grau- und der Grünerle. Die häufigste davon ist die Schwarzerle Alnus glutinosa. Sie ist ein Pionierbaum. Eindeutig punkten kann die Schwarzerle auf nassen Standorten. „Keine einheimische Baumart ist besser in der Lage, auf nassen Standorten zu wachsen als die Schwarzerle“, heißt es bei der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, kurz LWF, die viele Informationen zum Baum des Jahres 2003 vorhält. Die Schwarzerle wurzelt an Ufern von Bächen und Seen, in Au- und Bruchwäldern und an sonstigen feuchten Standorten. Der Baum bildet mit Bakterien Wurzelknöllchen und kann so den Luftstickstoff auf nährstoffarmen Böden nutzen. Die Schwarzerle kann mehr als 100 Jahre alt werden. Das Holz nimmt ständiges im Wasser stehen nicht übel. Der Mensch schätzt das mitunter: die eine Hälfte Venedigs soll auf Eichen-, die andere auf Erlenpfählen stehen und die jungsteinzeitlichen Pfahlbauten am Boden- und Federsee gründen auf Erlenstämmen. Ihre Vorliebe fürs Sumpfige brachte ihr bei unseren Vorfahren den Ruf als „Baum zum Fürchten“ ein. Als Vertreter der feuchten, nebligen Auwälder wurde der Erle nachgesagt, unheilvolle Wesen wie Wasser-, Moor- und Nebelgeister zu beherbergen, schreibt die Georg-August-Universität Göttingen. Irrlichter blinzeln aus ihren Zweigen und bringen ahnungslose Wanderer vom Wege ab, wo sie Gefahr laufen, dem Erlenweib zu begegnen, heißt es dort auf der Seite des Forstbotanischen Gartens weiter. Diese finstere Gestalt, der Hexerei mächtig, habe den armen Wanderer immer tiefer in den dunklen Sumpf hineingelockt. Eine mystische, bedrohliche Stimmung, die man in Goethes „Erlkönig“ (1782) noch heute hautnah nacherleben könne. Wobei es wohl darüber, was Goethe wirklich gemeint hatte, verschiedene Interpretationen von einer Fiebererkrankung, der Pubertät und Kindesmissbrauch reichen. Noch etwas trug zum Gruselfaktor bei der Erle bei: Schneidet man ihr frisches Holz an, so färbt sich der Saft rot, als ob sie blute, schreibt die Uni Göttingen weiter. Keltische Krieger bemalten sich demnach mit dem aus der Rinde gewonnenen roten Farbstoff das Gesicht, um noch furchterregender auszusehen. Und die mystischen Kräfte seien so früher in die Volksmedizin mit eingeflossen: Blätter und Rinde galten als fiebersenkend und wurden äußerlich bei Geschwüren und Verletzungen angewendet. Innerlich angewendet wurde die Erle bei Rheuma, Zahnweh und Halsentzündungen genutzt. Was für ein Jammer also, dass die Schwarzerle nicht nur von Phytophthora, sondern noch von anderen Organismen bedroht ist, darunter weitere Pilze. Aber auch so illustre Tierchen wie der Erlenwürger setzen dem Baum zu. Bei ihm handelt es sich um einen aus meiner Sicht putzigen Rüsselkäfer, der die Erle allerdings zum Fressen gern hat. Die Infektion mit Phytophthora alni, auch Wurzelhalsfäule genannt, wird durch die Vorliebe fürs Wasser gefördert, da der Erreger sich im Wasser ausbreiten kann. Ist sie erkrankt, fallen an der Schwarzerle kleine Blätter und Schleimfluss am Stammfuß sowie starke Kronenverdichtung auf, schreibt die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg. Oft würden die kranken Bäume innerhalb von drei Jahren absterben. Das ist natürlich sehr schade, unter anderem auch weil die Erle vielen Tieren Heimat und Nahrung bietet, zum Beispiel dem Erlenzeisig, der die Samen aus den kleinen Erlenzäpfchen herauspickt. Insekten schätzen das Bäumchen ebenso wie aquatische Wesen, die sich zwischen dem Wurzelwerk schön verstecken können. Nun ist der Platz schon wieder aufgebraucht und mich beschleicht das Gefühl, noch gar nichts zur Erle geschrieben zu haben. Vielleicht muss das nachgeholt werden. Jedenfalls braucht man sie in Riet, sollen doch ihre in die Wiesen gesteckten Erlenzweige den Maulwurf abhalten. Und ich brauch die Zweige zur Mäuseabwehr unterm Dach. Falls das nicht hilft, dann, liebe Maus, geht’s wie beim Erlkönig: „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“ Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
Phänomene der Natur

