Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

Liebe Leser,
es drängt sich die Singdrossel auf, mal näher betrachtet zu werden. Ebenso wären auch Krokodile mal einen Extrablick wert. Was nun? Ganz einfach!

Was hat mich dieses Tier Nerven gekostet. Irgendwann vor vielleicht drei Wochen fing das an. Bei meiner morgendlichen Aurichrunde traf ein Vogelgesang auf meine Ohren, auf den ich mir keinen Reim machen konnte. Mehr war zunächst nicht zu berichten. Denn dort, wo das Tierchen saß, irgendwo Richtung Weiler, war beim besten Willen nichts zu sehen. Es ist so was von frustrierend, wenn ein Vogel laut und deutlich in unmittelbarer Nähe singt, man die Quelle der Arie aber nicht entdeckt. Egal, wie sehr man sich den Kopf verrenkt oder wie nah der Vogel sein mag.

Aber vergangene Woche kam die große Stunde: Ich hatte ihn erwischt. Ha, da sitzt er also und singt. Er ist etwas kleiner als eine Amsel, aber es ist kein Star, so viel ist gegen den hellen Himmel zu erkennen. Das hatte ich mir schon gedacht, weil der Vogel immer allein zugange war, Stare dagegen das Getümmel von Artgenossen lieben. Vorne war der Sänger, soweit es sich erkennen ließ, eher hell, der Kopf und die Rückpartie mit Flügeln eher dunkel. Ich muss es gestehen: Weder Gesang noch die schwummerige Ansicht des Vogels konnte ich richtig deuten. Hier kann also nur einer helfen: Unser Vogelexperte aus Leidenschaft, Joachim Sommer aus Roßwag. Ihm wurde am Telefon eine Aufnahme des Gesangs vorgespielt, die er zwar nur mäßig verstehen, aber trotzdem interpretieren konnte. Eine Singdrossel, lautete seine Diagnose.

Also im Internet die Singdrossel angeschaut und angehört. Ja, sie ist’s! „Sie singt besonders schön“, bestätigt Sommer. Seit Anfang März seien die Singdrosseln, die im Mittelmeerraum überwintern, wieder bei uns zu hören. „Kein seltener Vogel, aber sehr auffallend durch seinen Gesang“, informiert der Roßwager. Symptomatisch seien hierbei immer wiederkehrende, sich wiederholende Motive. Turdus philomelos, wie sie wissenschaftlich heißt, gehört zur Gattung der Echten Drosseln, Turdus. Hier reiht sich unter anderem auch unsere Amsel ein, wie am wissenschaftlichen „Vornamen“ Turdus der Amsel, wissenschaftlich Turdus merula, ersichtlich ist. Die Anwesenheit einer Singdrossel verrät sich mitunter an Überresten ganz anderer Tiere. Wer beispielsweise in seinem Garten auf eine Unmenge zerbrochener Schneckenhäuser, die sich um einen Stein angesammelt haben, stößt, der mag sich wundern. Des Rätsels Lösung verrät der Nabu: „Es handelt sich dann um die Schmiede einer Singdrossel, die zur ‚Zubereitung‘ ihrer Lieblingsspeise, den Stein zu Hilfe genommen hat. Um an das leckere Innere einer Gehäuseschnecke heranzukommen, schlägt sie diese an einem geeigneten Stein mit kräftigen Schnabelhieben auf.“ Ein eindeutiges Indiz für die Singdrossel ist eine solche Drosselschmiede jedoch nicht, denn auch andere Singvögel sollen sich so an den schmackhaften Weichtieren zu schaffen machen.

Vögelchen, die sind einfach Herzkumpane, Lieblinge auf der ganzen Linie. Obwohl, wenn ich an meinen Besuch bei Krokodil-Harry in der Wilhelma vergangenen Woche denke, muss ich mich revidieren. Dort hockten nämlich mehrere Nilgänse in der Gegend rum. Die sehen irgendwie gefährlich aus und sind es mitunter auch. Sie hauen die Störche von den Nestern weg, war vor Ort zu erfahren.

Sehen Sie, und jetzt habe ich mehr oder weniger geschmeidig die Kurve zur Wilhelma und den Krokodilen gekriegt. Denn die sind ja Dank dem Neuzugang bei Revierleiter Harry Aberle gerade prominent und bei Kindern so scheint es immer der Renner. Das Leistenkrokodil Frederick haben wir schon ausgiebig vorgestellt.

Die erfreuliche Überraschung für mich ist, dass es sogar eine recht enge Verbindung zwischen Krokodil und Vogel gibt. Im Jahr 2014 vermeldete zum Beispiel „Der Spiegel“ diese wissenschaftliche Erkenntnis. „Vier Jahre lang haben mehr als hundert Forscher an Instituten in China, den USA und Dänemark an der Sequenzierung und vergleichenden Analyse von Vogel- und Krokodil-Genomen gearbeitet“, heißt es in dem Artikel. Es sei ihnen schließlich gelungen, daraus die Teile abzuleiten, die auf Archosaurier zurückgehen, die gemeinsamen Vorfahren von Dinosauriern, Vögeln und Krokodilen. Vor rund 250 Millionen Jahren sind die Archosaurier in der Erdgeschichte aufgetaucht. Bald darauf teilten sich die Archosaurier in zwei Linien auf. Eine, die zu den Krokodilen führte und eine mit Dinosaurier und Vögel. Krokodile sind demzufolge näher mit Vögeln verwandt als mit Schildkröten. Die Urkrokodile streiften ursprünglich am liebsten an Land umher, wurden aber wohl von den agileren Dinosauriern verdrängt und verzogen sich ins Wasser, um zu den eher etwas plump wirkenden Tieren zu werden, wie wir sie heute kennen. Aber Achtung: Leistenkrokodile sollen an Land eine Geschwindigkeit von bis zu 30 Kilometern pro Stunde erreichen können.

Die Dinosaurier ihrerseits vollführten in einer Art Marathonlauf, wie es der Forscher Stephan Brusatte 2017 in der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ beschreibt, die Wandlung zum gefiederten und kleiner werdenden Tier. Zunächst habe das Urgefieder eher etwas wie ein Haarflaum aus unzähligen Fädchen gewirkt. Vermutlich hielten sich die kleinen Dinosaurier mit deren Hilfe warm, schreibt der Paläontologe. Fliegen konnten die ersten Burschen mit flügelähnlichen Extremitäten noch nicht, es fehlte die entsprechende Muskulatur – aber zum Angeben reichte es wohl aus. Schnell rennende, langbeinige Dinosaurier sollen im Übergang vom wechselwarmen Reptil zum gleichwarmen Vogel über die Erdkruste gespurtet sein. Etlich Millionen Jährchen später bevölkern Tausende Vogelarten unseren Planeten. Aber die Panzerechsen dümpeln immer noch in relativer Artenarmut am Boden herum. Das ist trotzdem eine Erfolgsgeschichte, denn es genügt erstens, um Kinder zu begeistern, und zweitens, um sich erfolgreich in der Lebewelt dieser Erde zu behaupten.

In diesem Zusammenhang kann man ruhig mal die Frage stellen, wieso es bei uns keine wildlebenden Krokodile gibt. Denn immer wieder wird ja nicht nur die Sau durch die Presselandschaft getrieben, sondern auch die Panzerechse – besonders gerne in Zeiten des Sommerlochs. Die Titelzeile „Krokodil in Badesse gesichtet“ wird allerdings in der Regel von Bibern, Stofftieren oder Fischen wie dem Wels ausgelöst. Im Freien ist diese Tiergruppe hier noch nicht heimisch – was der Klimawandel mit sich bringt, wird sich zeigen. „Selbst die Familie der Alligatoren, die kühlere Lebensräume akzeptiert, braucht Bedingungen, wie sie zum Beispiel in Florida mit seinen milden und durchweg frostfreien Winter gegeben sind“, meldet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Find ich persönlich in Ordnung, dass es hier noch zu kalt ist.

Zur ebenfalls nicht unspannenden Frage, wieso die Dinosaurier (ausgenommen die Vögel) vor etwa 66 Millionen Jahren ausgestorben sind, die Krokodile aber nicht, gibt es bei „Wissenschaft im Dialog“ eine Antwort. Die Gründe für das Aussterben seien vielfältig, aber vor allem spiele bei erfolgreichen Arten eine Rolle, dass sie ein breites Nahrungsspektrum haben. „Die meisten Krokodile zum Beispiel fressen Fleisch und/oder Fisch, als Jungtiere außerdem kleine Tiere wie Würmer, Schnecken oder Insekten. Für sie gab es also immer eine Nahrungsquelle. Zudem sind sie Kaltblüter und daher nicht darauf angewiesen, ihren Stoffwechsel durch Nahrung permanent in Gang zu halten – sie können lange Ruheperioden auch ohne Futter überstehen.“ Die Antwort macht zumindest insofern Sinn, als dass die großen Dinos Pflanzenfresser waren. Laut Revierleiter Harry Aberle bekommt das Leistenkrokodil Tong in der Wilhelma ein halbes Hähnchen pro Woche kredenzt. Wer wechselwarm und Lauerjäger ist, muss sich eben nicht dauernd was zu Futtern hinter die Kiemen schieben. Angeblich sollen Leistenkrokodile ihren Herzschlag auf zwei in drei Minuten drosseln können und ein Jahr lang ohne Nahrung überleben, indem sie von Fettreserven im Schwanz zehren. Wir Menschen müssen als homoiotherme, also gleichwarme, Organismen viel mehr essen, allein schon, um auf Temperatur zu bleiben. Wobei sich mit zunehmendem Alter mein Stoffwechsel dem eines Krokodiles anzugleichen scheint. Oder eher dem eines Sauropoden, der eine Gewichtszunahme von bis zu 30 Tonnen in 20 Jahren verbuchen konnte. Herrje! Stoffwechseltechnisch wäre ich lieber eine Etruskerspitzmaus, ansonsten hätte ich gern das dicke Fell ... ähm, die dicke Haut einer Panzerechse.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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