Liebe Leser,
ei der Daus, es ruft ein Kolkrabe im Auricher Kreuzbachtal! Das ist schon ziemlich ungewöhnlich, denn in der Regel sind es Rabenkrähen, wenn schwarze Vögel in Erscheinung treten. Aber der Vogelexperte und die Vogel-App bestätigen: Der größte Singvogel der Welt ist wieder da.
Da laufe ich neulich durch unser schönes Kreuzbachtäle und muss mich erst mal ärgern. Das liegt leider immer noch in meinen Genen, vor allem aber liegt das an meinen Zeitgenossen. Im lauschigen Tal war es nämlich gar nicht so lauschig, sondern wüstes Geschrei drang an mein Ohr. Irgendwelche Erwachsenen riefen sich zwar noch weit entfernt, aber eben weithin vernehmlich im Wald beim Auricher Fischteich Dinge zu, was mich fatal aufregte. Ich verhalte mich draußen möglichst leise – bis auf so manche Gesangsübung, welche die Tierwelt auch traumatisiert zurücklässt. Jedenfalls geriet mein Blut in Wallung, ich spitzte die Ohren und was drang hinein? Das schnörkellose „Kroak“ eines Vogels. Das konnte nur ein Kolkrabe sein, der dort irgendwo am Fischteich sitzen musste. Also schnell das Handy gezückt, auf der Vogel-App den Kolkraben abgespielt und ja, das klang genau gleich.
Aber die echte Bestätigung liefert unser Vogelexperte aus Leidenschaft, Joachim Sommer aus Roßwag. Der Kolkrabe, wissenschaftlich Corvus corax, ist wieder da. „Er ist nicht mehr eine Ausnahmeerscheinung bei uns wie noch vor zehn Jahren, der hat sich jetzt etabliert“, sagt Sommer. Früher seien Raben- und Greifvögel von den Menschen dezimiert worden, was völlig unsinnig gewesen sei, so Sommer. Jetzt könne sich der Kolkrabe wieder ausbreiten. Gibt es dazu auch Bedenken? Nein, meint Joachim Sommer. „Da freut man sich auf jeden Fall, der verdrängt auch keine anderen.“
Mit einer Flügelspannweite von bis zu 130 Zentimetern ist er deutlich größer als die häufige Rabenkrähe und ungefähr so groß wie der Mäusebussard. Typisch im Flugbild des rabenschwarzen Vogels sei ein zugespitzter Keilschwanz und aus der Nähe fällt der globige Schnabel ins Auge.
Im Frühjahr mache der Kolkrabe durch ganz akrobatische Flugübungen beim Balzflug auf sich aufmerksam, sagt Sommer und: „Ich habe den in der letzten Zeit immer wieder gesehen und gehört, auch in Roßwag.“
Der größte Vertreter aus der Gruppe der Singvögel – ja, echt! – ist also wieder unter uns. Wie fatal sich Bejagung ausgewirkt hat, habe das Schicksal mitteleuropäischer Raben gezeigt. Um 1945 seien sie bis auf Restvorkommen in Schleswig-Holstein, Polen und den Alpen ausgerottet gewesen, berichtet der Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Doch langsam haben sie in angestammten Gebieten Verbreitungslücken geschlossen, die Abschüsse und Vergiftungen gerissen haben. Mit rund 9000 deutschen Brutpaaren hätten Raben nun etwa 75 Prozent des zu erwartenden Maximalbestandes erreicht. Laut der aktuellsten Roten Liste der Brutvogelarten in Baden-Württemberg vom Dezember 2013 gab es um die 550 Brutpaare bei uns im Ländle. „Der sehr positive kurzfristige Bestandstrend ist unter anderem der verringerten Verfolgung und der landesweiten Kletterregelung geschuldet. Aktuell ist ein Trend zur Zunahme der Baumbruten erkennbar“, heißt es weiter in der Broschüre der Landesanstalt für Umwelt. Seit Jahrtausenden begleiten sich Mensch und Rabe im Sinne einer gemeinsamen kulturellen Entwicklung, schreibt der Nabu. Mehr als andere Tierarten hätten Raben in vielen Kulturen Kunst, Sprache und Spiritualität beeinflusst. Zu Zeiten der Jäger und Sammler kooperierten Mensch und Rabe beim Jagen. Raben führten Jäger zum Wild und profitierten im Gegenzug von der Beute. Nicht ohne Grund galten Raben als Götterboten. Heute profitieren Raben von Landwirtschaft, Siedlungsbau und Freizeitaktivitäten der Menschen – und das lasse sie oft als „Schädlinge“ erscheinen. Aus menschlicher Sicht sympathisch dürfte dagegen das vom Nabu geschilderte Verhalten dieser Vogelart sein: „Kolkraben sind ihrem Partner lebenslang treu und bleiben fest in einem Revier. Das Nest nutzen sie mehrfach und bessern es jährlich aus. Beide Eltern brüten und kümmern sich um die Nestlinge.“ Und Raben reden miteinander. Was viele für Gekrächze halten und Rabenvögel zu Unrecht bei den Singvögeln eingeordnet sehen, erfülle die Kriterien einer Sprache, so der Nabu weiter. Schweizer Forscher hätten genau hingehört und 79 verschiedene Rufe entdeckt von denen einzelne Individuen bis zu zwölf beherrschen. Sie werden wie eine Sprache nach Regeln benutzt und kulturell zwischen Geschlechtern, Partnern und Nachbarn weiter gegeben.
Wer jetzt sein Herz für den Kolkraben entdeckt hat, kann ihn zum Beispiel bei der Wahl zum Vogel des Jahres nominieren. Seit 1971 küren Nabu und der Landesbund für Vogelschutz den „Vogel des Jahres“. Bislang entschied eine Runde von Experten, wer den Titel tragen darf. Zum 50. Jubiläum entscheiden erstmals alle Menschen in Deutschland gemeinsam, wer der „Vogel des Jahres“ wird. Noch bis zum 15. Dezember stehen alle bei uns brütenden Vögel und die wichtigsten Gastvogelarten zur Wahl. Die zehn Kandidaten mit den meisten Stimmen gehen als Favoriten in die Hauptwahl. Ab dem 18. Januar 2021 geht es um den Titel: Wer wird Vogel des Jahres 2021? Die Top-10-Kandidaten stellen sich einer Stichwahl. Am 19. März steht fest, wer die meisten Stimmen erhalten hat und damit der erste öffentlich gewählte Vogel des Jahres ist.
Diese Chance sollte man sich nicht entgehen lassen, auch, weil die Seite zur Wahl unter vogeldesjahres.de schön gemacht ist. Aber die Qual der Wahl ist bei diesen vielen entzückenden Piepmätzen echt schwer. Als Schmankerl können die von ihrer Vogelart überzeugten Teilnehmer Wahlkampf für ihren Vogel machen. Via Wahl-Generator können Wahlplakate entworfen und auch online für das Vögelchen per E-Mail bei Freunden und Familie geworben werden.
Der Naturschutzbund Kreisverband Ludwigsburg überraschte so neulich durch die E-Mail „Ludwigsburg wählt den Steinkauz“. Man wolle eine Vogelart wählen, die bedroht ist, „der wir aber helfen können. Da bietet sich bei uns im Kreis Ludwigsburg der Steinkauz an“, findet der Kreisverband. Diese kleine Eule bewohnt Streuobstwiesen – ein Lebensraum der ständig dezimiert werde und damit auch der Bestand an Steinkäuzen. Dass hier bei uns eine lebendige Steinkauzpopulation sei, verdanke man den Eulenschützern, die seit mehr als 30 Jahren viele Hundert Brutröhren für Steinkäuze aufgehängt haben. Der Kreisverband ruft deshalb dazu auf: „Setzen Sie sich dafür ein, dass Steinkäuze bei uns Lebens- und Brutmöglichkeiten finden. Pflegen Sie Streuobstwiesen oder kaufen Sie Apfelsaft von Streuobstwiesen. Und stimmen auch Sie für den Steinkauz, damit ihm noch mehr Menschen helfen.“
Ganz anders hat sich dagegen der Roßwager Vogelkenner entschieden. Joachim Sommer gab seine Stimme – „ganz klar“ – dem Rebhuhn. Denn der kleine Hühnervogel sei durch intensive Landwirtschaft und Beutegreifer stark bedroht.
Ich hab’ für den Haussperling gestimmt. Noch bis vor einigen Jahren tummelte sich ein geschwätziger und streitbarer Trupp der geselligen Vögel rund um die Dachrinnen unserer Auricher Wohnstätte. Das war manchmal schon vom Geräuschpegel her richtig nervig. Nun sind sie weg und sie fehlen mir schmerzlich. Dieses Getschilpe, mit dem wohl auch Tratsch untereinander getauscht wird ... Auf der Seite der Abstimmung wird der Haussperling als „bald gefährdet“ geführt. Also mir ist der Spatz auf dem Dach lieber als die Taube in der Hand ... oder so.
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

