Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

Liebe Leser,
wir begeben uns aus aktuellem Anlass auf eine Reise in die Geschichte der Schutzimpfung, vom Krengelfest bis zur Brutalimpfung.

Seit wann gibt es eigentlich Schutzimpfungen? Diese Frage stellte neulich eine Freundin und mein Tipp war knapp oder ziemlich daneben, je nach Betrachtungsweise. 100 bis 150 Jahre und irgendwas mit Pocken, lautete meine Antwort. Mit den Pocken lag ich richtig. Aber zuerst mal, vorm Weiterlesen: Die Pocken gelten seit 1980 als ausgerottet.

„Die Anfangsstadien der Ausbreitung der Blattern sind in Dunkel gehüllt“, heißt es im Buch „Die Geschichte der Pocken“ von M. Kaiser aus dem Jahr 1949. Auch die Anfangsstadien einer Bekämpfung dieser Plage scheinen nicht gänzlich klar. In China soll zur Prophylaxe vor der fatalen Krankheit schon sehr lange vor unserer Zeitrechnung zerriebener Schorf von Pusteln Erkrankter geschnupft worden sein.

Der Heilkundige Dhanwantari soll circa 400 vor Christus in Indien notiert haben: „Nimm die Flüssigkeit aus der Pocke am Euter einer Kuh auf eine Lanzette und ritze sie (dem Menschen) zwischen Schultern und Ellenbogen, bis Blut kommt. Dann, nachdem die Flüssigkeit und das Blut gemischt sind, entsteht das Fieber der Pocken“, berichtete der „Spiegel“ 1985 von einer „erstaunlich klingenden Schilderung einer Schutzmethode“. Die ersten mobilen Impftrupps sollen Priester der indischen Pockengöttin Shitala mata gewesen sein, die Gottesdienste mit der „Inokulation“ verbanden: dem künstlichen Einpflanzen der Kuhpocken, was eine leichte Infektion und darauffolgende Immunität für die Pockenerkrankung des Menschen bewirkte, so der Artikel.

Pocken sind eine durch Viren ausgelöste Erkrankung des Menschen. Der Erreger ist das Variolavirus. Die Letalität bei Pocken beträgt nach Schätzungen bei Ungeimpften rund 30 Prozent oder mehr aller Erkrankten, berichtete das aerzteblatt.de. Liest man sich ein wenig in den Übertragungsweg hinein, hat man eine Art Déjà-vu zum aktuellen Coronavirus-Geschehen. Die Ansteckung erfolge stets von Mensch zu Mensch in direktem Kontakt mit den Hauterscheinungen – „aber besonders in den Frühstadien der Pockenerkrankung aufgrund des Befalls der oralen, pharyngealen und nasalen Schleimhaut, manchmal auch der Lungenalveolen (Atemaerosole)“.

„Die Virusübertragung durch die Luft erfolgt meist nur über kurze Wege, doch sind Hospitalinfektionen durch Wäsche und raumlufttechnische Anlagen über große Distanzen dokumentiert. Die Effizienz der Virusübertragung wird von äußeren Faktoren wie Jahreszeit, Temperatur und Luftfeuchtigkeit erheblich beeinflusst. Pockenausbrüche traten bevorzugt im Winter und Frühjahr auf“, wird weiter unter aerzteblatt.de im Artikel „Pocken: Wie man sie erkennt und wie man sich schützen kann“ berichtet. Die beste Nachricht in diesem Zusammenhang hier gerne nochmal: Im Jahr 1980 wurde diese Erkrankung laut Weltgesundheitsorganisation offiziell für ausgerottet erklärt. Das Variolavirus soll noch in zwei Laboratorien jeweils in den USA und in Russland existieren. Seit mehr als 20 Jahren schwelt ein Streit darüber, ob diese Bestände vernichtet werden sollen, berichtete der „Deutschlandfunk“ noch 2019. „Vor 40 Jahren wurden die tödlichen Pockenviren ausgerottet“ titelte die Deutsche Welle unter dw.com im Mai vergangenen Jahres. Dank einer konsequenten und flexiblen Impfkampagne der WHO habe das Virus systematisch einkreist und ausgerottet werden können. „Taugt dies auch als Vorbild im Kampf gegen das neuartige Coronavirus Sars-Cov-2?“, heißt es in der Unterzeile. Seit Menschengedenken habe der Erreger bis dahin rund um den Globus Millionen Menschen getötet. Allein im 20. Jahrhundert seien rund 300 Millionen Menschen an der tödlichen Infektionskrankheit gestorben. Die Deutsche Welle berichtet gar von 60 Prozent der Infizierten, die an dem besonders aggressiven Pockenerreger-Stamm Variola major verstarben.

Die Erfindung der modernen Schutzimpfung gegen Pocken wird dem englischen Landarzt Edward Jenner (1749–1823) zugeschrieben. Er nutzte das Wissen darum, dass die Erkrankung Kuhpocken der Rinder beim Menschen nur eine leichte Erkrankung hervorriefen, jedoch vor Ansteckung mit den „richtigen“ Pocken schützte. Der Erreger der Kuhpocken ist mit dem Erreger der Pocken verwandt, aber nicht identisch. Diese Schutzfunktion sei in der bäuerlichen Bevölkerung im 18. Jahrhundert durchaus bekannt gewesen, schreibt Robert Jütte im Magazin „Aus Politik und Zeitgeschichte“, kurz Apuz, der Bundesanstalt für politische Bildung.

„Der entscheidende Versuch fand am 14. Mai 1796 statt: Damals impfte Jenner den achtjährigen James Phipps mit einer Kuhpockenpustel, die sich auf dem Arm der Viehmagd Sarah Nelmes gebildet hatte“, berichtet der Autor zur „Geschichte der Schutzimpfung“. Und weiter: „Wie erwartet, entwickelte sich bei dem Knaben ein leichtes Fieber, das bald abklang. Nach sechs Wochen wagte es Jenner, ihn künstlich mit Menschenpocken zu infizieren. Das riskante Experiment glückte – der Junge erkrankte nicht. Jenner sah sich bestätigt und veröffentlichte 1798 seine Entdeckung in einer Schrift über die Wirkung der Kuhpockenimpfung, die ihn rasch berühmt machte und zu Recht in die Annalen der Medizingeschichte eingegangen ist. Die ‚Vakzination‘ – der Terminus ist von dem lateinischen Wort vacca für ‚Kuh‘ abgeleitet – war erfunden.“ Längst nicht alle seien von dem Nutzen der neuen, weniger gefährlichen Vakzination überzeugt gewesen. Jenners Veröffentlichung habe eine heftige Kontroverse nach sich gezogen, die von England auf andere Länder übergriff. So habe etwa der Berliner Arzt und Philosoph Marcus Herz (1747–1803) die Kuhpockenimpfung mittels einer kleinen Einritzung der Haut unter Verwendung einer Lanzette als „Brutalimpfung“ bezeichnet. Doch blieben die Kritiker unter den Ärzten eine Minderheit. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts habe sich vielmehr überall in Europa eine ansteigende Impfeuphorie unter Medizinern ausgebreitet. Ein Bückeburger Arzt hat 1804 die originelle Idee gehabt, an jedem 14. Mai eine Art Impffest zu veranstalten, ist weiter in dem Artikel zu lesen. Bei diesem Krengelfest habe jedes Kind, das sich impfen ließ, am Schluss eine Brezel, ostwestfälisch für Krengel, erhalten, schreibt Jütte, der bis 2020 Leiter des Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart war.

Dass ein solcher materieller Anreiz überhaupt notwendig war, hing demnach mit dem Widerstand breiter Bevölkerungsschichten zusammen, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen nicht impfen lassen wollten. In der Tat sei die Art und Weise, wie damals der Impfstoff gewonnen wurde, höchst problematisch gewesen. Auch unsaubere Lanzetten hätten zu Zwischenfällen beigetragen. Bis 1820 sei überdies nicht bekannt gewesen, dass der Impfschutz aufgefrischt werden musste, was zunächst als Unwirksamkeit gedeutet wurde.

Nach Jenner machten sich neben dem Mediziner Robert Koch und Chemiker Louis Pasteur zahlreiche weitere Forscher auf die Suche nach ähnlich schützenden Lebendimpfstoffen, welche abgeschwächte oder schwach infektiöse Erreger enthielten. Auch mit Totimpfstoffen sei im 19. Jahrhundert experimentiert worden. Und es wird in dem Apuz-Artikel von einem weiteren Meilenstein der Impfgeschichte berichtet, dem „waghalsigen Heilversuch an dem neunjährigen Bäckerssohn Joseph Meister, der 1885 von einem tollwütigen Hund gebissen worden war“. Geimpft wurde mit getrockneter und zunehmend frischer und somit infektiöser Hirnmasse eines infizierten Kaninchens bei Louis Pasteur in Paris. Die mutmaßliche Heilung des Buben begründete Pasteurs Ruf in Frankreich. In Sachen Pockenschutzimpfung gab es im Laufe der Jahrzehnte heftige Diskussionen um eine Impfpflicht, schreibt Jütte. Im August 1807 machte Bayern den Anfang und rief weltweit die erste Impfpflicht gegen Pocken aus, Baden, Württemberg und andere folgten.

Die seit 1874 im Deutschen Reich begründete und weiter bestehende Impfpflicht gegen Pocken wurde gut hundert Jahre nach ihrer Einführung schrittweise aufgehoben: Ab 1976 entfiel die Erstimpfung. 1983 wurde die Pockenimpfpflicht schließlich komplett aufgehoben. Gleichzeitig wurden auch alle gesetzlichen Zwangsimpfungen beseitigt, schreibt Robert Jütte. Sein Artikel ist in spannender Gänze nachzulesen auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.

Bei älteren Semestern wie mir zeugt eine typische Narbe von der einstigen Pockenimpfung. Wer sich in diesem Fall jünger machen will, sollte nix Ärmelloses tragen.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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