Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Der Koi, vor wenigen Tagen fotografiert (li.), ist vermutlich derselbe wie vom Oktober. Fotos: sr/aa

    Der Koi, vor wenigen Tagen fotografiert (li.), ist vermutlich derselbe wie vom Oktober. Fotos: sr/aa

Liebe Leser,

was schwimmt so bunt durchs Wasser am Wehr? Es ist ein Koi, so deucht mich schwer. Diese Entdeckung ist nicht neu, die Angler haben die Zierfische schon länger im Auge.

Ein Spaziergang am Wehr bei der Vaihinger Mühle wirft interessante Fragen auf. Zum Beispiel, was um Himmels Willen in die Höckerschwäne gefahren ist? Geboten wird dem geneigten Zuschauer eine Vorstellung mit Dramatik und Unterhaltungswert. Hauptdarsteller: Zwei Schwanenpaare, die sich beharken, eins oben, eins unten am Wehr. Durch das Hochklappen kräftiger Metallplatten, die von der Brücke aus bewundert werden können, wird dort eine Höhendifferenz zwischen Ober- und Unterwasser erreicht, die maximal 2,75 Meter erreicht. Die Reviergrenze führt offenbar an dieser Wasserkante entlang.

Immer wieder rücken die vier Höckerschwäne zum Scharmützel an, die einen oben, die anderen unten. Von oben aus schaufelt ein Schwan in bedrohlicher Geste Wasser nach unten. Unten macht ein anderer mit lautem Flügelschlagen deutlich, was Sache ist. Nach einigem Hin- und Hergeplänkel ist die Vorstellung beendet. Die beiden schönen Pärchen ziehen in entgegengesetzte Richtungen von dannen. Es herrscht kurzzeitig wieder Frieden. Auf einem Betonsockel sitzt vermutlich eine farbenfrohe Mandarinente, und unter der Wasseroberfläche gleitet ein – huch! – ein Koi-Karpfen herum? Wie sich in der Redaktion herausstellt, bin ich nicht die Erste die ein Foto von den bunten Gesellen gemacht hat. Albert Arning gelang das schon im Oktober vergangenen Jahres.

Sascha Schickart, Mitglied beim Bezirks-Fischerei-Verein Vaihingen, schaut fast täglich beim Wehr vorbei und angelt regelmäßig in dem Enzabschnitt. Seit rund drei Jahren werden dort Koi-Karpfen beobachtet, kann er bestätigen. Im Lauf der Zeit seien sogar schon mal sechs Stück auf einmal beobachtet worden. Das jetzige Exemplar schätzt er auf zwölf bis 14 Pfund. Wenn es kälter wird, so wie am jetzigen Wochenende, ziehen sich die Karpfen ins tiefere Wasser Richtung Löbertsbrunnen zurück.

„Bei dem Tier auf dem Foto handelt es sich vermutlich tatsächlich um einen Koi-Karpfen“, heißt es auf Nachfrage auch vom Regierungspräsidium Stuttgart. Welche weiteren Gewässer in und um Vaihingen einen Koi-Bestand aufweisen, sei jedoch nicht bekannt.

Bei sogenannten „Kois“ handle es sich grundsätzlich um eine Zuchtform des Karpfens (Cyprinus carpio), die, wie im vorliegenden Fall, durch eine besondere Färbung auffällt. Der Karpfen wurde vor vielen Jahrhunderten in Europa als Speisefisch außerhalb seines natürlichen Verbreitungsgebiets (Donausystem) gezielt angesiedelt, heißt es weiter vom RP. Auch die Enz weise seit langem einen Karpfenbestand auf.

Da es sich also nicht um eine neue Art, sondern lediglich um eine Farbvariante einer bereits vorkommenden Art handelt, sei nicht mit einer Bedrohung der Gewässerfauna zu rechnen. Und ja, der Koi könnte sich mit anderen Karpfen paaren, berichtet das RP weiter. Karpfen laichen im Mai und Juni und benötigen für die Entwicklung der Eier und ihrer Brut längerfristig Wassertemperaturen von circa 18 Grad Celsius. „Nach Einschätzung der Fischereiforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg erreichen Gewässer unserer Breiten diese Bedingungen oftmals nicht“, heißt es weiter von der Stuttgarter Behörde. Auffällig gefärbte Farbvarianten überleben zudem in der Natur langfristig häufig nicht, da sie von Räubern leichter entdeckt werden können, gibt das RP zu bedenken. Aber selbst wenn eine erfolgreiche Reproduktion stattfinden sollte, wäre das für den Fisch- beziehungsweise Karpfenbestand der Enz nicht schädlich.

Dennoch sollte das unkontrollierte Einsetzen von Fischen in öffentliche Gewässer in jedem Falle unterlassen werden, so das Regierungspräsidium weiter. Dies gelte ganz besonders für Koi-Karpfen, da diese Überträger des Koi-Herpesvirus (Cyprinid herpesvirus 3 (CyHV-3)) sein können. Es handle sich um eine unheilbare Viruserkrankung, die in der Regel tödlich verläuft. Das Koi-Herpesvirus ist eine anzeigepflichtige Tierseuche.

Im Spätsommer 2005 gab es im Landkreis Freudenstadt ein Infektionsgeschehen, das mittels PCR, der Polymerase-Kettenreaktion, nachgewiesen wurde. Es handelte sich um den ersten bekannten Koi-Herpes-Ausbruch bei Karpfen in einem freien Gewässer in Baden-Württemberg, berichtet das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart. In jenem Spätsommer vor stark 15 Jahren kam es zu einem andauernden Karpfensterben in der Hauptsperre der Nagoldtalsperre. Vermutlich sei das Virus damals durch ausgesetzte Koi-Karpfen in das Gewässer eingetragen worden.

Der Koi in der Enz sei eine Augenweide, sagt Angler Schickart, aber es sei klar, dass er nicht in dieses Gewässer reingehört. Dass der Fisch viel Geld wert sei, sei unwahrscheinlich, „niemand setzt einen sehr hochwertigen Koi aus“. Dies muss übrigens nicht in Vaihingen geschehen sein, denn die Fische können ja im Fließgewässer wandern. Der teuerste Koi aller Zeiten soll im Übrigen ein reinweißer Fisch mit einem einzelnen roten Punkt auf der Stirn gewesen sein, der für 1,5 Millionen Euro an einen japanischen Unternehmer verkauft wurde, berichtet unter anderem das-tierlexikon.de. Die meisten heutigen Züchtungen stammen aus Japan, wo der Koi als Nishikigoi, Brotkarpfen, bezeichnet wird.

Die Freude an der Züchtung währt wohl schon mehr als 2000 Jahre. In der Haltung im Teich sei der Koi nicht ganz anspruchslos, habe jedoch bei guter Pflege eine Lebenserwartung von bis zu 60 Jahren, so das Tierlexikon weiter. Die Arten werden nicht nur nach Färbung unterschieden, sondern auch nach speziellen Ausprägungen der Flossen und Schuppen. In ihrer Lebensweise sind Koi-Karpfen ihren wildlebenden Verwandten sehr ähnlich. Sie sind gesellige Süßwasserfische und bevorzugen Teiche, Seen oder langsam fließende Gewässer. Auf ihrem Speiseplan steht alles Mögliche von Insekten und Laich über diverse Wasserpflanzen bis hin zu kleineren Fischen und Amphibien.

In der Enz könnte dem jetzigen, recht großen Koi, wie seinen wildlebenden Artgenossen, vom Kormoran Ungemach drohen, meint Sascha Schickart. Er habe schon mal beobachtet, wie einer der Vögel einen 15- bis 20-pfündigen Karpfen attackierte. Der graue Wildfisch habe eine Zwei-Euro-Münzen große Verletzung davon getragen. Diese könne bei Verpilzung im weiteren Verlauf tödlich wirken.

Andreas Arndt, Vorsitzender des Bezirks-Fischerei-Vereins Vaihingen, berichtet, dass auch schon Koi-Exemplare aus der Enz geangelt und in einen Privatteich gebracht worden seien. Von ihm stammt die Anregung zum heutigen Spruch des Tages, wie er wohl im Badischen stattfinden könnte: Hat der koi Fisch? Noi, der hat koi Karpfen – oder Koi-Karpfen, das bleibt dann der Fantasie des Zuhörers überlassen.

Anregungen zur Serie per E-Mail an

s.ruecker@vkz.de

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