Phänomene der Natur
Phänomene der Natur
Liebe Leser,
was wächst denn da auf dem Auricher Acker? Was zunächst als zartes Pflänzchen aus dem Boden drückte, ist inzwischen zu einer beeindruckenden Pflanze herangewachsen und macht so richtig was her. Es handelt sich um die Ackerbohne, hier besser als Saubohne bekannt, eine uralte Begleiterin des Menschen.
Saubohne, Dicke Bohne, Puffbohne – so lauten nur einige der volkstümlichen Namen, die der Pflanze mit der wissenschaftlichen Bezeichnung Vicia faba zugeschrieben werden. Der lateinische Gattungsname Vicia lässt dann auch gleich Rückschlüsse auf die Verwandtschaftsverhältnisse der Dicken Bohne zu. Sie gehört botanisch betrachtet zu den Wicken und nicht zu den Bohnen mit dem wissenschaftlichen Gattungsnamen Phaseolus. Allerdings tummeln sich beide Gattungen gemeinsam in der Familie der Hülsenfrüchtler und der Unterfamilie der Schmetterlingsblütler.
Die Saubohne hat lange vor der Gartenbohne (Phaseolus vulgaris) in unseren Gefilden Einzug gehalten. Diese erreichte aus Südamerika kommend erst im 16. Jahrhundert Europa. Schon der Hochdorfer Keltenfürst und sein Gefolge sollen sich an der Dicken Bohne gütlich getan haben. Dabei soll die Pflanzenart nicht erst seit 2500 Jahren, wie beim Keltenfürsten, sondern schon viel früher verspeist worden sein.
„Die ältesten Samen der Ackerbohne wurden bei archäologischen Ausgrabungen in einer Steinzeitsiedlung bei Nazareth (Israel) gefunden. Sie stammen aus der Zeit zwischen 6800 und 6500 v. Chr.“, schreibt das Julius-Kühn-Institut (JKI) in seinem Info-Blatt „Die Ackerbohne – Eine fast vergessene Kulturpflanze“.
Die Elternpflanzen von Vicia faba sind nicht bekannt, doch die Heimat der Sau-Bohne wird im südlichen Mittelasien und im Mittelmeergebiet vermutet. In Europa soll sie seit rund 3000 Jahren, seit dem Ende der Bronzezeit, angebaut werden.
In Deutschland zählt das Neckartal zu den ältesten Anbaugebieten, letztendlich breitete sie sich aber bis in den hohen Norden Deutschlands aus, und dort erlangte sie herausragende Bedeutung. „So erhielt sie zu Beginn der Eisenzeit große Bedeutung für die Siedler der See- und Flussmarschen Norddeutschlands, da sie als einzige Hülsenfrucht Salztoleranz zeigte und auf den schweren Marschböden gut gedieh“, ist in einer Ausarbeitung beim Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) zu lesen. Besonders mit der Bohne ist allerdings die thüringische Stadt Erfurt verbandelt. Die Landeshauptstadt zu ihrer Bohne: „Sie war schon im Mittelalter ein wichtiges und beliebtes Nahrungsmittel der Erfurter.“ Sie sei auf den fruchtbaren Böden und im milden Klima des Erfurter Beckens besonders gut gewachsen.
„Die Erfurter verehrten ihre prächtige und nahrhafte Bohne so sehr, dass sie nur grüßend an einem Puffbohnenfeld vorübergingen und stets einige Bohnen bei sich trugen, um sie aus der Tasche zu essen“, so die Erfurter weiter. Aus diesem Grunde tragen die Erfurter noch heute ihren Spitznamen: Erfurter Puffbohne.
Bei uns gab es im Jahr 2014 im Landkreis Ludwigsburg fünf Hektar Ackerfläche mit Saubohnen bedeckt. Das sei sozusagen gar nichts, lässt Philipp Mayer, Pflanzenproduktionsberater beim Landratsamt Ludwigsburg, wissen. Was bei uns auf den Äckern an Saubohnen wächst, sei in der Regel Futtermittel für Schweine. Die Bohne landet folglich nach dem Dreschen im Schweinetrog.
In anderen Ländern wird dagegen unter anderem Falavel daraus gemacht. Die frittierten Bällchen bestehen dann vor allem aus Vicia faba, der Saubohne oder aber – je nach Region – auch aus Kichererbsen.
Möglicherweise sieht man die Pflanzenart zukünftig wieder öfter auf hiesigen Feldern, denn seit Anfang 2015 greift das sogenannte Greening. Laut der EU-Agrarreform müssen somit Betriebe ab einer Größe von 15 Hektar Ackerfläche fünf Prozent der Betriebsfläche für das Greening vorhalten, erklärt Mayer. Es handle sich um eine Ökologisierung der konventionellen Landwirtschaft, so Philipp Mayer. Diese Flächen dürften dann nicht der landwirtschaftlichen Produktion dienen. „Die Ackerbohne lockert die Fruchtfolge, sammelt Stickstoff und ist ein Eiweißfuttermittel. Trotzdem wird sie nur sehr verhalten angebaut. Durch das Greening ist die Aussaat der Bohne wieder attraktiver geworden“, schreibt beispielsweise agrarheute.de. Mit dem Faktor 0,7 wird den Landwirten der Anbau im Greening verrechnet. Der Landwirt könne folglich die EU-Vorgabe an fünf Prozent ökologischer Vorrangfläche mit rund sieben Prozent Leguminosen auf seiner Ackerfläche erfüllen. Dies mache auch die Ackerbohne wieder attraktiver.
Der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt kürte 1998/1999 erstmalig ein „Gemüse des Jahres“. Die Wahl fiel damals auf die Puffbohne, Vicia faba. Sie sei eine Gemüseart, die in Deutschland nur noch regionale Bedeutung habe. „Eine breit angelegte Suche nach Land- und Regionalsorten und Sorten mit auffälligen Merkmalen begann und dauert bis heute an“, meldet der VEN. Die ungewöhnlichste Sorte in der VEN-Samenliste sei Haba de Peru mit gemusterten Samen, aber auch einige violettkörnige Sorten werden stets angeboten.
Wer die Ackerbohne im eigenen Garten anbauen mag, für den hat das JKI einige Tipps: Sie können aufgrund ihrer relativ hohen Frostresistenz recht früh im Jahr ausgesät werden, teilweise schon im Februar. Ein mittelschwerer, tiefgründiger und nährstoffreicher Boden, der ein gutes Wasserhaltevermögen aufweisen sollte, aber keine Staunässe. Sie sind nicht selbstverträglich. Bei der Ernte sollten die Hülsen frisch und grün sein. Da sich nicht alle gleichzeitig entwickeln, wird mehrmals gepflückt. Im Kühlschrank lassen sich die Hülsen einige Tage lang aufbewahren, sollten dann allerdings verarbeitet werden. Sie sind zwar roh nicht per se giftig, wie beispielsweise die Gartenbohne, sollten aber gekocht werden. Zur Zubereitung pult man die Samen aus und wäscht sie in kaltem Wasser.
Aufpassen müssen allerdings Menschen, die an Favismus leiden. Die Erbkrankheit kommt vor allem unter Schwarzafrikanern und im Mittelmeerraum bei Italienern, Griechen, hebräischen Juden und Arabern, aber auch bei Thailändern, Chinesen und Indern vor, so das JKI. Betroffene bilden nicht ausreichend Enzym Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase, was beim Verzehr von Ackerbohnen unter anderem zur Auflösung von roten Blutkörperchen (Hämolyse) und zu einer Blutarmut (Anämie) führen kann.
Die Betroffenen leiden dann unter Bauchschmerzen, Durchfall, Erbrechen, Haut- und Schleimhautblutungen, Schüttelfrost und Fieber. Auch das Einatmen der Pollen kann dann Probleme verursachen.
Im Gärtnerlied von Wilhelm Schütz aus dem Jahre 1837 heißt es laut der Stadt Erfurt: „Nur in Erfurt ist gut wohnen; aber wisst Ihr auch – warum? Rings um Erfurt blüh’n Puffbohnen; unser Stolz und Gaudium. Fragt in Pommern, fragt in Schwaben, solche Bohnen sie nicht haben …“
Ähm, ... doch! Nehmt das, Ihr Thüringer: Ha – mir Schwoba, mir hen älles, von dr Brezel bis zur Bohne und vom Daimler bis zum Klee, isch’ s bei ons halt oifach schee.
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de


