Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Die Gemeine Streckerspinne sitzt am Stängel (inks), die Herbstspinne im Netz. Fotos: Rücker

    Die Gemeine Streckerspinne sitzt am Stängel (inks), die Herbstspinne im Netz. Fotos: Rücker

Liebe Leser,
wenn die Spinnenphobikerin der Redaktion mal nicht da sind – Hallo, schönen Urlaub! – , muss das sofort ausgenutzt werden. Wir huldigen nun die achtbeinigen Jäger, die häufig Meister der Tarnung sind. Manchmal wäre ich gerne selbst ein Spinnenweibchen.

Das kleine Spinnenexemplar, das heute auch vorgestellt wird, zeigte sich als winziger Punkt an der Hauswand. Beim Müllverteilen in diverse Tonnen huschte es ins Gesichtsfeld. Also den Fotoapparat gezückt und draufgedrückt. Siehe da, es handelt sich bei dem Zwerg sogar um ein interessantes Spinnenexemplar – wie bei allen Spinnenarten. Alle echten und wahrhaftigen Spinnenexperten mögen mir verzeihen, falls die Artbestimmung nun missglückt, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Also wage ich mit einem halbseidenen Wissen die Aussage, dass ich eine Ameisenspinne geknipst habe.

Auch bei den Spinnen haben sich im Laufe der Evolution zahlreiche Arten das Mäntelchen der Tarnung und Täuschung zugelegt. Bei dem Winzling an der Hauswand ist es das Nachahmen von Ameisen, das noch weitere Kleinstspinnen aus anderen Gattung für sich entdeckt haben.

Bei unserem Exemplar dürfte es sich um eine bis maximal vier Millimeter lange Springspinne aus der Gattung Synageles handeln. Die Ameisenspinne Synageles venator passt insofern gut zu unserem Fund, als dass sie sich auch gerne emsig an Hauswänden und Zäunen bewegt. Dagegen ist die ähnliche Art Synageles hilarulus seltener und fast ausschließlich an trockenheißen Standorten zu finden. Jedenfalls ist diese Ameisenspinne unter anderem gekennzeichnet durch eine Querbinde aus weißen Härchen, die sich hinter der dritten Augenreihe befindet. Ach, wie glücklich müssen die Geschöpfe sein, die drei Augenreihen besitzen. Acht Augen und acht Beine zu haben, kann Geschöpfen mit „nur“ zwei Augen und zwei Beinen als purer Luxus erscheinen.

Unser kleines Springspinnchen frönt offensichtlich der Ameisenmimikry – sie sieht nicht nur so aus, sie verhält sich auch wie eine Ameise, indem sie mit einem Beinpaar deren Fühler imitiert und den Hinterkörper in Ameisenmanier bewegt.

„Sie lebt monophag an Ameisenhügeln, das heißt, sie frisst nur Ameisen“, diese Aussage ist in Würdigungen zu Schutzgebieten bei der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) zu finden – und ziemlich sicher falsch. Denn die Nachahmung der Ameisen in Form von Mimikry ist in diesem Fall wohl eher vor allem ein Schutz vor Fressfeinden.

Ameisen werden in der Regel von Vögeln nicht gefressen, da ihre Ameisensäure den Gefiederten den Appetit vermiest. Wer also aussieht wie eine Ameise, und sei er auch eine Spinne, aktiviert bei den Vögeln nicht den Jagdtrieb, sondern gilt als pfui Spinne. Die kleine Springspinne ernährt sich vornehmlich von kleinen Fliegen, indem sie sich an diese heranpirscht und sie dann mit einem Sprung überwältigt. Das Internetlexikon spektrum.de unterstützt diese These. Von den mehreren Hundert Spinnenarten, die sich als Ameisen tarnen, sei nur von Callilepis nocturna bekannt, dass sie auf Ameisen als Beute spezialisiert ist. Hier handle es sich um eine Angriffsmimikry.

Springspinnen sind Jäger, die auf Sicht ihre Beute auswählen und deshalb einen hervorragenden Sehsinn haben. Im Internet kann man sich Videos diverser Springspinnen in Aktion anschauen. Manche präsentieren sich dort mit ihren vielen Augen geradezu niedlich, andere agieren mit ehrwürdiger Präzision.

Wie gesagt fangen sie ihr Opfer mit einem Sprung. Unser kleines Ameisenspinnchen soll es auf eine Sprungkraft von mehreren Zentimetern bringen können. Springspinnen gehören zur zoologischen Unterordnung der Echten Webspinnen, die ursprünglich allesamt Netze gebaut haben. In einigen Familien hat sich aber das aktive Jagen durchgesetzt. So nutzt auch die Familie der Springspinnen den Faden aus den Spinndrüsen lediglich zum Bau der Eikokons oder als Sicherungsseil wie Spider-Man. Weltweit gibt es mehr als 5000 Springspinnen-Arten. Die Ameisenspinne scheint mit ihrer Schutzmimikry eine gute Taktik zu fahren, denn angeblich legt das Weibchen nach der Kopulation lediglich drei bis vier Eier in ein Gespinst. Das ist so überraschend wenig, dass es schon erschreckend ist, deutet aber auf eine hohe Überlebensrate von klein auf hin.

Eine ebenso faszinierende Spinnenart ist diejenige, die ganz zufällig auf dem Foto gelandet ist. Denn die Gemeine Streckerspinne ist in Ruhestellung derart gut getarnt, dass sie nur bei genauer Betrachtung auffällt. Neulich habe ich die Klettfrüchte des Kleinen Odermennigs fotografiert, der in der vergangenen Woche unser Naturphänomen war – und mit auf dem Bild war die Streckerspinne. Ich gehe davon aus, dass es die Gemeine Streckerspinne, wissenschaftlich Tetragnatha extensa, ist. Es gibt allerdings noch einige ähnliche Arten und zur verlässlichen Bestimmung hätte ich die Spinne auf den Rücken schmeißen und ihr Sternum, also ihr „Brustbein“, näher anschauen müssen, was ich nicht tat.

Die Streckerspinne gehört zur Familie der Dickkieferspinnen. Das Weibchen dieser Art kann immerhin eine Körperlänge von bis zu zwölf Millimetern erreichen. Das Auffälligste der Gemeinen Streckerspinnen sind ihre langen und gestreckten Beine, die am Zweig oder Grashalm für eine hervorragende Tarnung sorgen. Mit dem dritten relativ kurzen Beinpaar hält sich das Tier fest. So sitzt sie herum und wartet darauf, dass sich jemand in ihrem eher kleinen Radnetz verheddert.

Das Männchen geht bei der Paarung auf Nummer sicher: Es hält mit seinen Kieferklauen die Kieferklauen seiner Partnerin fest. Etwas eigentümlich und außerirdisch sieht der Eikokon mit grauen und grünen Fortsätzen aus.

Ein weiteres Exemplar aus der Familie der Streckerspinnen hing just vor zwei Tagen vor meinem Fotoapparat herum. Dabei handelt es sich ziemlich sicher um die Herbstspinne Metellina segmentata, die mit ihren Radnetzen auf der Wiese gerade das spätsommerliche Flair mitverursacht.

Wer nun geglaubt hat, ich wäre aus purer Blutrünstigkeit gerne manchmal ein Spinnenweibchen, das sein Männchen verspeist, der hat sich aber schwer getäuscht. Vielmehr ist es so, dass ich zufällig auf einen ganz wunderbaren Artikel gestoßen bin. Laut spektrum.de stehen bei einer amerikanischen Art der Streckerspinnen namens Tetragnatha elongata die Weibchen ganz oben in der Gunst der Männchen, die „besonders dick und rund“ sind. Titel des Werkes: „Schöne dicke Spinnenfrau“. Gar von Spinnenwalküren ist die Rede.

Also ehrlich, welchem Weibchen geht da nicht gleich das Herz auf. Klickt man sich spaßeshalber unter den Stichworten „dicke Weibchen bevorzugt“ ein wenig durchs Netz, stößt man auf so erstaunliche Dinge wie: „Liegen Ihre dicken Weibchen heute auf dem Boden und fressen seit Tagen nicht?“ Dabei geht es nicht etwa um übergewichtige Frauen, die während einer Nulldiät kollabiert sind. Vielmehr informiert eine Fachtierärztin für Fische auf ihrer Internetseite über Koi-Karpfen, die kurz vor dem Ablaichen stehen. Sehr schön auch die Überschrift im Südkurier: „Je dicker desto besser: Seepferdchen-Weibchen stehen auf fette Bäuche.“ Dort sind es die Seepferdchen-Männer, die sich sogar aufblähen, um beim anderen Geschlecht zu landen.

Aber Achtung, liebe männliche Leser. Halten Sie Ihre Blähungen lieber in Schach – über Wasser kommt das nicht so gut an.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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