Liebe Leser,
heute gibt es den absoluten Gartentipp für all diejenigen, die keinen grünen Daumen haben, aber trotzdem gerne mal ein gärtnerisches Erfolgserlebnis hätten. Es gibt ein Gewächs, das immer gedeiht, blüht und sogar als Nahrung taugt. Sein Name: Topinambur. Seine Mission: alles zuwuchern.
Diese Knolle könne ich bedenkenlos in meinem Garten in die Erde stopfen, sagte einst ein netter Bio-Bauer und drückte mir ein Stück Topinambur in die Hand. Prima, dachte ich, naiv und fröhlich. Die Freude über die ersten Blumen wich schnell dem Entsetzen. Denn die bis mehrere Meter hoch wachsende Blume mit dem wissenschaftlichen Namen Helianthus tuberosus hat die faszinierende Eigenschaft, sich zäh und grün jedem Eindämmungsversuch zu widersetzen.
Aber jetzt muss zuerst mal das viele Positive, das es über den Vertreter aus der botanischen Gattung der Sonnenblumen zu sagen gibt, gemeldet werden. Topinamburknollen gelten als außerordentlich gesund, dazu später mehr. Sie können roh oder gekocht, mit oder ohne Schale verzehrt werden und schmecken nussig oder gar nach Artischocke. Die Pflanzen sind wirklich beeindruckend in ihrer Wuchskraft und durchaus mit hübschen, gelben Korbblüten versehen. Diese sitzen allerdings meist so weit oben, dass eher der Nachbar was davon hat, wenn er vom Balkon auf die Blumen schaut. Immerhin gibt es dank der Topinambur für Insekten noch spät im Jahr ein Futterangebot.
Topinambur ist außerordentlich robust, denn ihre (oder seine, Topinambur ist sowohl maskulin als auch feminin) ursprüngliche Heimat ist Nordamerika, was auch ihre große Frosthärte bis minus 30 Grad Celsius erklärt. Französische Seefahrer sollen die tolle Knolle mit nach Europa gebracht haben, wo sie schließlich laut Bundesamt für Naturschutz 1627 zum ersten Mal in einem Garten in Kassel aufgetaucht sei. Somit erreichte sie unsere Gefilde etwas früher als die bei uns bekannteste Art der rund 70 Sonnenblumenarten, die Gemeine Sonnenblume Helianthus annuus, die Ende des 16. Jahrhunderts als Gartenzierblume eingeführt wurde. Topinambur dagegen wurde vor allem wegen seiner essbaren Knollen geschätzt und angebaut. Erst die Kartoffel verdrängte dann im 18. Jahrhundert die gelbe Blume vom heimischen Acker. Der Hauptgrund dafür dürfte gewesen sein, dass die Kartoffel mit ihrer besseren Lagerfähigkeit punkten konnte.
In den USA soll Topinambur in allen außer fünf Staaten meist an feuchten Standorten in Bachnähe vorkommen, ist der Website US wildflowers zu entnehmen. Andere Quellen sehen das natürliche Vorkommen in Steppen, die doch eher trocken sind. Vermutlich stimmt bei dem Tausendsassa beides. Galasearch, die Pflanzendatenbank der Gartenarchitektur, schreibt dazu: „Helianthus tuberosus stammt ursprünglich vermutlich aus den zentralen Präriestaaten der USA, die nahrhaften Wurzelknollen wurden aber schon von den Ureinwohnern Nordamerikas genutzt. Das heutige, sich über weite Teile der USA erstreckende Verbreitungsgebiet dürfte anthropogen bedingt sein.“ Aha.
Bei uns zählt die schöne Große zu den invasiven Neophyten, die aufgrund eben ihrer Robustheit, Wuchsfreudigkeit und somit aufgrund der Verdrängung heimischer Arten als problematisch angesehen werden.
Laut Bundesumweltamt ist Topinambur in Deutschland weit verbreitet, wobei die größten Vorkommen in Flussauen im Westen und Südwesten zu finden sind.
Über eine Bekämpfung müsse im Einzelfall entschieden werden. „Lässt sich gut bekämpfen“, schreibt die Behörde. Hahahahaha.
Der Pflanzenversand Gaissmayer trifft da schon eher meinen Nerv: „Topinambur wird geliebt und gefürchtet. Gefürchtet von denjenigen, die einmal leichtsinnig eine Pflanze wegen der schönen gelben Blüten im Garten vergraben haben und ihr dann kaum noch Einhalt gebieten konnten. Geliebt von denen, die die rundlichen bis länglichen kartoffelähnlichen Knollen gekostet und ihren Wert als laufend frisch zu erntendes Wintergemüse erkannt haben ...“ Also: Ohne Wurzelsperre läuft im Privatgarten am besten gar nichts in Sachen Indianerknolle. Indianderknolle deshalb, da sie ihren Namen dem brasilianischen Ureinwohnern der Tupinamba verdanken soll – die aber eher als Kannibalen galten. An Namen mangelt es der Pflanze aber sowieso auf keinen Fall. Von der Jerusalemartischocke, der Erdartischocke und Zuckerkartoffel ist alles dabei.
In Anbetracht der invasiven Tendenz und des ausufernden Wachstums bekommt man es schon etwas mit der Angst zu tun, wenn man sich vorstellt, dass Topinambur vielleicht noch auf dem Acker Karriere macht. Denn die Latte an Verarbeitungsmöglichkeiten ist lang. Aber sie „gilt als nicht so problematisch wie andere Neophyten“, schreibt das Bundesumweltamt.
Die Knolle taugt als Gemüse und als Tierfutter. In der Biogasanlage wird ihr eine schnelle Vergärung zugeschrieben, auch das Kraut kann hierzu verwendet werden. Dieses sei auch für die Papierherstellung interessant. Und das in der Knolle schlummernde Inulin sei auch als Präbiotika interessant. Dieses Inulin, ein Mehrfachzucker aus Fruktose, wird laut der Internetseite Nachwachsende Rohstoffe als Trocknungsmittel ebenso geschätzt wie in Waschmitteln, Kosmetika, Arzneimitteln und weiteren Produkten.
Nicht zuletzt kann aus der Knolle auch Trinkalkohol hergestellt werden, wofür anscheinend besonders die Badener ihr Herz – oder vielmehr ihre Leber – erwärmt haben. Dort ist der aus Topinambur-Knollen gebrannte Schnaps unter dem Namen Topi oder Rossler bekannt und beliebt.
Außerdem wird die Knolle noch als sogenannte Diabetiker-Kartoffel geschätzt. Denn der Genuss beeinflusse den Blutzuckerspiegel relativ wenig, was dem löslichen Ballaststoff Inulin zuzuschreiben ist. Dieser Mehrfachzucker aus vornehmlich Fruktose soll so wunderbare Dinge können wie einfach aufquellen, anhaltend sättigen und ansonsten nahezu unverändert den Körper zu passieren.
Das stimmt wohl nur bedingt so. Denn Inulin wird zwar nicht im Dünndarm verstoffwechselt, dafür aber von Bakterien im Dickdarm. Diese spalten das Inulin unter Gasbildung, was bei empfindlichen Menschen zu Blähungen führen kann. Außerdem ist Inulin für Menschen mit Fruchtzuckerunverträglichkeit nicht zu empfehlen, Menschen mit erblicher Fruktoseintoleranz müssen auf Topinambur ganz verzichten.
Als Präbiotika hat das Inulin allerdings seit wenigen Jahren ausgedient, da die Hersteller die ausgelobte gesundheitsfördernde Wirkung nicht nachweisen konnten. Deshalb seien im Zusammenhang mit Inulin und Oligofruktose Werbesprüche wie „unterstützt eine gesunde Darmflora“ und „verbessert die Verdauungsfunktion“ seit 2012 verboten, berichtet der Bundesverband der Verbraucherzentralen.
Zu guter Letzt kommt jetzt ein etwas peinliches Eingeständnis: Ich hab noch nie Topinambur gegessen. Ja, ehrlich, Schande über mich. Vielleicht wäre dieser Artikel sonst zur Jubelarie geworden. Vor allem, wenn ich die Knollen ausbreitungssicher gesetzt hätte. Dann ist der oder die Topinambur vermutlich wirklich ein Quell purer Freude. Die Blumen sind schön und können im Sommer als lebendiger Sichtschutz-Zaun punkten. Obendrein kann man sie essen und hochprozentig trinken. Wow! Bleibt bloß noch eine Frage zu klären: Wie wird man die Blume wieder los? Antwort: wegessen.
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