Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Für alle traurigen Pilzfreunde zum Trost das Bild einer Spitz-Morchel vom Frühjahr.  Foto: Mede

    Für alle traurigen Pilzfreunde zum Trost das Bild einer Spitz-Morchel vom Frühjahr. Foto: Mede

Liebe Leser,
es könnte jetzt so schön sein für die Schwammerlsucher, ist es aber nicht. Denn Pilze mögen es nun mal feucht und es war ihnen in den vergangenen Wochen zu trocken. Das hindert uns nicht daran, mit einem Foto von Berthold Mede im Thema zu schwelgen.

„Pilze sammeln ohne Erfolg“, titelte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vor wenigen Tagen. Die Lage in Sachen Pilze ist auch bei uns trostlos: „Die Pilzausstellung im Naturparkzentrum muss leider wegen Trockenheit abgesagt werden“, wird vom Naturpark Stromberg-Heuchelberg gemeldet. Wegen der anhaltenden Trockenheit seien derzeit keine oder kaum Pilze in unseren Wäldern zu finden. Deshalb habe die für den 2./3. Oktober geplante Pilzausstellung der Pilzfreunde Heilbronn im Naturparkzentrum leider abgesagt werden müssen. Um nicht vollständig in Trauer zu verfallen, schwelgen wir nun einfach in der Theorie und genießen das Foto, das Berthold Mede eingeschickt hat – und zwar schon im April. Diese „ungeahnten Schätze“ habe der Eberdinger in seinem kleinen Garten gefunden. Möglicherweise sei der Pilz mit dem Rindenmulch eingeschleppt worden. Bei dem Frühjahrspilz handelt es sich um ein ganz interessantes Lebewesen. Doch zunächst einmal muss eine Spezialistin bei der Artbestimmung helfen.

Ilse Schopper aus Zaberfeld-Michelbach ist Naturparkführerin und Pilzsachverständige. Sie ist manch einem vielleicht bekannt von der Wanderung „Mit Ilse in die Pilze“, und sie kann zum Exemplar auf dem Foto umgehend Informationen liefern. „Bei dem Pilz handelt es sich um eine Spitz-Morchel, es ist ein köstlicher Speisepilz und kommt im Frühjahr nach einem warmen Frühlingsregen, gerne im Sand, zum Beispiel in der Rheinebene oder in Gärten und Parkanlagen vor“, schreibt Schopper nach Sichtung der Bilder. „Wissen sollte man auch, dass er roh giftig ist. Nach dem Trocknen oder gut gebraten schmeckt er ganz wunderbar, da ist das Gift dann verflogen“, so die Pilzexpertin weiter.

Anders als die wohlbekannten Fliegen- oder Steinpilze gehört die Morchel nicht zur Gruppe der Ständerpilze, sondern zu den Schlauchpilzen, wissenschaftlich Ascomycetes. Laut Botaniker-Bibel Strasburger zählen mit rund 30 000 Arten rund 30 Prozent aller bisher beschriebenen Pilze zu dieser Klasse. Fasse man die Definition der Schlauchpilze etwas weiter, erhöhe sich der Anteil gar auf 60 Prozent.

In der Gruppe der Schlauchpilze sind aus Menschensicht furchtbare Schädlinge und lebensrettende Wohltäter vereint, genau genommen wäre ein Leben ohne Schlauchpilze für viele Zweibeiner undenkbar. Denn auch die Bierhefe gehört zu den Ascomycetes. Auch „Schimmelpilze“ gehören zur Verwandtschaft, darunter segensreiche Organismen aus der Gattung Penicillium, aus denen das Antibiotikum Penicillin gewonnen wird. Nicht zu vergessen die Penicillium-Arten, die unter dem Namen Penicillium roqueforti und P. camemberti (die heißen echt so!), das Herz der Käseliebhaber höher schlagen lassen.

Beim Gießkannenschimmel namens Aspergillus gibt es Arten, die bei Gärungsprozessen wichtig sind, und wiederum andere, die durch ihre Aflatoxine krebserregend sind. Das Ulmensterben geht letztendlich auf das Konto der Schlauchpilze und auch ein relativ neues Phänomen, das die Forstwirtschaft in zahlreichen Ländern in Aufregung versetzt, ist einem Schlauchpilz geschuldet: das Eschentriebsterben, das durch das Falsche Weiße Stängelbecherchen ausgelöst wird. Dabei handelt es sich um einen Erreger, dem mein Strasburger aus dem Jahr 2002 noch keine Zeile widmet, weil er damals noch gar nicht bekannt war.

Die Vielfalt scheint unendlich: Es tummeln sich die Echten Mehltaupilze bei den Schlauchpilzen, ebenso wie die Verursacher der Edelfäule, die zu Beerenauslese-Weinen verhelfen können und noch viel mehr.

Und es gibt in dieser Pilzgruppe ebenso wie bei den Basidiomyceten, den Ständerpilzen, begehrte Speisepilze. Mit einem in der Erde liegenden Fruchtkörper zählen hier die Trüffel zu den teuersten Speisepilzen überhaupt, auch sie sind Vertreter der Schlauchpilze.

Mit ihrem überirdischen Fruchtkörper treffen wiederum die Morcheln den Geschmacksnerv der Menschen. Die Spitz-Morchel, wissenschaftlich Morchella elata, auch Hohe Morchel genannt, „ist vielleicht die unberechenbarste Morchel“, steht im Großen Pilzatlas von Lamaison und Polese. Sie wachse manchmal häufig und dann wieder jahrelang überhaupt nicht. Die Pilzart, die gerne auf Rindenmulch auftaucht, ist ein begehrter Speisepilz und der Speise-Morchel gleichwertig.

Die Speise-Morchel, wissenschaftlich Morchella esculenta, hat ein „korallenartiges, sehr dekoratives Äußeres“, so das Pilzbuch. Die Speise-Morchel mag feuchte Wälder, aber eben durchaus auch etwas abwegige Stellen wie Schuttberge und Terrassen. Von März bis Mai können sich die Schwammerlsucher über diese Pilzarten freuen. Bei der Pilzsuche sollten jedoch nur Kenner der Materie zugreifen oder die Schwammerlsucher sich Rat solcher holen. Denn es gibt durchaus ähnlich aussehende, giftige Verwandte der essbaren Morcheln, wie zum Beispiel die Frühjahrs-Giftlorchel, Gyromitra esculenta. Diese wird laut Strasburger nach Wegschütten des Kochwassers teilweise dennoch verzehrt, hiervon sei jedoch wegen Vergiftungsgefahr abzuraten, so der Botanik-Wälzer. Die giftige Lorchel ist durch die hirnartigen Struktur ihres Hutes charakterisiert.

Doch auch wer bei den essbaren Morcheln zu begeistert zulangt, läuft Gefahr, eine Zeit lang der Wirklichkeit entrückt zu sein. Denn der Morchel-Verspeiser kann ein neurologisches Morchella-Syndrom entwickeln, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Mykologie. Zittern, Schwindel, Taubheitsgefühl sowie Sehstörungen und diverse andere Symptome können dabei nach dem Verzehr von reichlich frisch zubereiteten Morcheln einsetzen und verschwinden meist nach rund zwölf Stunden wieder. Ein hitzestabiles, bislang unbekanntes Neurotoxin gilt als Verursacher der Symptome.

Der Fruchtkörper der Spitz-Morchel kann bis zu 25 Zentimeter in die Höhe ragen, die Speise-Morchel erreicht bis zu zwölf Zentimeter Höhe und ist heller, grau-gelb bis eher hellbraun, gefärbt. Die Morcheln zählen mit rund 1000 weiteren Arten innerhalb der Schlauchpilze zur Gruppe der Becherlingsartigen, wissenschaftlich Pezizales. Sie alle leben saprobiontisch, also ernähren sich von toter Substanz – was das Vorkommen auf dem Rindenmulch erklärt.

Der Hut der Morchel hat eine wabenartige Struktur und in den Gruben bilden sich in typischen Fortpflanzungsorganen, den Asci, jeweils acht Sporen. Diese Organe sind schlauchförmig und somit namensgebend. Die Sporen werden meist mit Schmackes herausgeschleudert. Die Zellwände der Schlauchpilze bestehen aus Chitin, dem Stoff, aus dem auch die Außenhaut von Fliege, Krebs und Co. gemacht ist. Durch diese und weitere Besonderheiten werden die Fungi, die Pilze, in der Biologie neben den Pflanzen und Tieren sogar in ein eigenes Reich gestellt.

Wer in Morcheln schwelgen möchte, kann sich diesen Termin schon mal vormerken: vom 17 bis 21. Mai 2017 findet in den USA in Boyne City in Michigan das „National Morel Mushroom Festival“ statt. Dort dreht sich dann alles um die Morcheln. Mehr im Internet unter bcmorelfestival.com. Den Erlebnisbericht dann bitte zeitnah an uns senden. Die gute Nachricht nun zum Schluss: Sollte das Pilzwachstum bei geänderten Witterungsverhältnissen demnächst doch noch einsetzen, wird die Ausstellung im Naturparkzentrum in Zaberfeld nachgeholt. Infos unter: www.naturpark-sh.de. Denn ganz wichtig für alle Schwammerlsucher ist, dass sie die Objekte ihrer Begierde ganz genau kennen. Im Zweifelsfall hilft Pilzsachverständige Ilse Schopper gerne bei der Bestimmung weiter, telefonische Anmeldung unter 0 70 46 / 4 07 31 80. Voraussetzung: Erst mal müssen die Pilze wachsen.

Anmerkungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de

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