Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

Liebe Leser,
vermutlich verlassen mich jetzt auch noch die paar Freunde, die ich noch habe. Schade. Aber das Thema juckt. Und zwar wirklich. Es handelt sich nämlich um Flöhe.

Die besten Chancen, sein Leben frei von Parasiten zu verbringen, haben kinder- und haustierlose Menschen. Da ich weder das eine noch das andere bin, kommt man des öftern mit Organismen in Kontakt, die man gar nicht kennenlernen mag. Oft gehören diese der großen Tierklasse der Insekten an, wie zum Beispiel die Kopfläuse, die einen als junge Mutter des öfteren beschäftigt haben.

Nähere Bekanntschaft mit einem Floh durfte ich noch früher, in den späten 80er-Jahren, machen. Einen wunderbaren Hund namens Alex, seines Zeichens Neufundländer und die Zentnergrenze deutlich überschreitend, hatte ich damals neben anderen Vierbeinern ins Herz geschlossen. Der große schwarze Hund konnte sogar lachen.

Wenn man Alex also den Kopf kraulte und dabei süßlich klingende Worte wie „ja so ein Feiner“, „ja Alex, lach doch mal“ von sich gab, dann zog der Rüde gerne die Lefzen zu einem wohlig-sabbernden Grinsen nach oben, ganz zur Freude seiner Menschen. Zu deren Entsetzen huschte bei einer dieser Kraulaktionen ein braunes Etwas durch das Kopfhaar des Hundes. Das war eklig und ein Floh. Kurze Zeit später begann es, auf meinem Kopf ganz fürchterlich zu jucken – ungefähr so wie jetzt, wenn ich nur daran denke, nur noch viel schlimmer. Wenn es juckt, dann kratzt man, doch der Juckreiz breitete sich mäanderförmig auf der Kopfhaut aus, egal wie viele Finger sich ihm entgegensetzten. Es half nur ein hysterischer Spurt unter die Dusche, wo im Wasserstrudel beim Abfluss schließlich der Floh im Wasser zappelte. Igitt.

Und jetzt hat es Bruno erwischt, unseren Mischlingsrüden. Er ist somit als sogenannter Befallsherd identifiziert. Insgesamt drei der sechsbeinigen Exemplare wurden insgesamt von ihm abgesammelt.

Der erste Floh vom Kopfbereich führte bei Frauchen zu einem verhaltenen Ausbruch von Panik, gefolgt von einem wilden Staubsaugereinsatz und der Einknetung von Kokosöl ins Hundefell. Die darin enthaltenen Laurin- und Caprylsäuren sollen die Flöhe vertreiben und durch eine austrocknende Wirkung gleich noch den Chitinpanzer der Juvenilstadien zerstören. Die konsultierte Helferin in der Tierarztpraxis riet dagegen gleich vom Kokosöl-Einsatz ab und empfahl stärkere Geschütze. Aber Frauchen wollte nicht hören und auf dem Vierbeiner hatten sich nochmals zwei Flöhe gezeigt. Hierzu folgende Theorien: Entweder, die Tierarzthelferin hatte recht. Oder Bruno hat beim Wühlen im Garten Flöhe mitgebracht, die sich sonst auf dem dort wandelnden Igel tummeln.

Der erste Floh wurde zwar noch einige Zeit nach seinem herbeigeführten Dahinscheiden aufbewahrt, dann aber unmikroskopiert entsorgt. Nun bleibt im Dunkeln, um welche der stark 70 heimischen Floharten es sich handelte. Denn Flöhe sind in Sachen Blutlieferant gar nicht so auf Äußerlichkeiten fixiert. So fühlt sich auf dem Hund unter anderem der Hundefloh, der Menschenfloh, der Katzenfloh, der Rattenfloh und diverse weitere Floharten wohl. Sie alle gehören zur zoologischen Ordnung der Siphonaptera, flügellosen Insekten, die mit ihrem seitlich abgeflachten Körper erstaunlich schnell durchs Fell von Säugetieren oder, seltener, Gefieder von Vögeln flitzen können. Als sogenannte Ektoparasiten sitzen sie außen auf ihrem Wirt und saugen mit speziellen Mundwerkzeugen dessen Blut. Das kann mitunter fatale Auswirkungen haben. Im 14. Jahrhundert beispielsweise wurden Millionen von Menschen in Europa von einem Erreger dahingerafft, der nur mithilfe des Flohs seine todbringende Wirkung derart dramatisch verbreiten konnte. Die Rede ist vom Schwarzen Tod, Bakterien namens Yersinia pestis, das die Pest verursacht und sich in jener dunklen Zeit vor allem in Ratten wunderbar vermehrte. Dank einer Mutation hat das Bakterium seinen Vektor, der Rattenfloh Xenopsylla cheopis, eines Tages nicht mehr gemeuchelt. So konnte das Insekt zunächst Blut an einer infizierten Ratte saugen und danach noch Menschen stechen, welche dadurch ebenfalls mit dem Pesterreger infiziert wurden. Allerdings geht die Wissenschaft auch davon aus, dass die Pesterreger zusätzlich in der Kleiderlaus mit den Menschen verbreitet wurde.

Von der Erde verschwunden ist die Krankheit auch heute noch nicht. „Pest – Der Schwarze Tod lebt“, lautete im Juli der Titel einer Sendung der Reihe planet-wissen im SWR. Jedes Jahr erkranken demnach bis zu 3000 Menschen am Schwarzen Tod. Vor allem in Madagaskar wütet die Pest noch immer, so, wie es schon im Liedgut besungen wird. „Ein Ausbruch der Pest in Deutschland ist extrem unwahrscheinlich. Theoretisch könnten mit dem Bakterium Yersinia pestis infizierte Ratten und Flöhe etwa auf Frachtschiffen zu uns gelangen“, steht in der aktuellen Ausgabe der Ärzte Zeitung. Doch selbst für den kaum zu erwartenden Fall, dass es dadurch zu einzelnen Beulenpest-Fällen oder Lungenpest-Erkrankungen käme, sei die Gefahr gering.

Auch ein spannendes Thema aber heute soll es ja in erster Linie um den Floh gehen, und diese sind ja nicht nur als Krankheitserreger bekannt, sondern auch durch ihre Sprungkraft. Mithilfe von besonderen Eiweißpolstern, die elastisch gespannt werden können, sind beim Hundefloh, wissenschaftlich Ctenocephalides canis, in Kombination mit spezieller Hebeltechnik bis zu 30 Zentimeter möglich. Menschen mit solchen Fähigkeiten könnten ziemlich sicher übers Ulmer Münster hüpfen. Rekordhalter im Hochsprung ist der nur gut drei Millimeter lange Floh aber nicht mehr. Hier wurde er von einem anderen Insekt, der heimischen Wiesenschaumzikade, entthront. Dieses Tierchen schafft bei sechs Millimetern Körperlänge einen Sprung von gut 70 Zentimetern. Vergleichbar wäre für uns Zweibeiner ungefähr, von unten auf den Stuttgarter Fernsehturm zu springen.

Ach ja die Kleinen, wie niedlich. Noch heute zeigen sie beispielsweise beim Münchner Oktoberfest im Flohzirkus ihre Kunststücke. „Die Flohartisten sind weiblich, ledig und jung“, schreibt der Dompteur Robert Birk zu seinen Stars.

Genau die sind jedoch der Albtraum der Haustierbesitzer, denn sobald sich die keuschen Weibchen doch der Paarung mit einem Flohmännchen hingegeben haben, legen sie Eier. Auf bis zu 400 Stück sollen es die Flohdamen in ihrem Leben schaffen. Und diese fallen im schlimmsten Fall in der Wohnung in eine nette Ritze, entwickeln sich zu Larven, die sich von organischem Material ernähren, und schließlich zu adulten Flöhen. Vielleicht quellen bei meiner Heimkehr schon diverse Flohstadien aus der Haustür. Das wäre gar nicht gut, weil erstens: widerlich und zweitens: gesundheitlich bedenklich. Denn Flöhe übertragen auf ihre Wirte bei uns zwar eher nicht die Pest, aber andere Dinge, darunter auch Bandwürmer. Deshalb sollte den blutsaugenden Sechsbeinern auf jeden Fall der Kampf angesagt werden. Bruno wird immer noch feste mit Kokosfett eingerieben. Bei niedrigen Außentemperaturen verfestigt sich das Fett zu einer Art Ritterrüstung auf dem Hund. Die Kosenamen für den Rüden wurden um Kokosflöckchen und Flo(h)rian erweitert. Beim nächsten Flohfund geht’s auf jeden Fall nochmal zum Tierarzt. Und dann weit weg, vielleicht in die Arktis, während die Flöhe daheim ohne Heizung mürbe werden. Oder das Training beginnt, damit die kleinen Freunde beim nächsten Maientag am Egelsee präsentiert werden können. Den Floh setz ich Ihnen jetzt mal ins Ohr.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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