Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Sagenhaft: Im Großglattbacher Hausgarten tummelt sich eine Waldschnepfe.  Fotos: Zanker

    Sagenhaft: Im Großglattbacher Hausgarten tummelt sich eine Waldschnepfe. Fotos: Zanker

Liebe Leser,
heute geht es um eine Vogelart, die jeder kennt – und doch nicht. Die Waldschnepfe erschien kürzlich Heinrich Zanker in seinem Garten in Großglattbach. Wie viel Glück dieser Mann hatte, erklärt der Roßwager Vogelkenner Joachim Sommer.

Seit 57 Jahren hat sich Joachim Sommer der Vogelliebhaberei verschrieben. Da braucht es schon eine Besonderheit, damit der Roßwager Vogelkenner aus Leidenschaft aus dem Häuschen gerät. Mitte November war das der Fall, Ursache war eine Waldschnepfe in einem Großglattbacher Hausgarten. „Für mich war das so faszinierend, ich bin richtig aufgeregt geworden, weil das völlig ungewöhnlich ist, dass eine Waldschnepfe im Garten rumläuft“, erzählt Sommer, der den Fund netterweise auch der VKZ weitermeldet. Die Schweizer Vogelwarte schreibt zu der Vogelart: „Wegen der heimlichen Lebensweise ist die Waldschnepfe so schwierig zu finden wie kaum eine andere Vogelart.“

Entdeckt wurde der Vogel mit dem etwas skurrilen Aussehen von Heinrich Zanker aus Großglattbach. Er sei in seinem Arbeitszimmer am Computer gesessen, und habe beim Blick in seinen Garten den seltsamen Vogel erspäht. „Den kennsch gar net“, habe er sich gedacht. Denn mit den Vögelchen, die sich im Wassertrog baden oder am Haus nisten, ist der Ruheständler schon vertraut. Er habe sich daraufhin ins andere Zimmer gepirscht und das Tier mit dem langen Schnabel per Smartphone fotografiert. Nach einer Recherche tippt er auf eine Bekassine und mailt die Fotos dem Nabu. Dort verweist man den Großglattbacher an Joachim Sommer.

Sommer hat diese Vogelart in seiner lange Vogelliebhaberlaufbahn im heimischen Umfeld nur fünfmal zu Gesicht bekommen, immer im Winter. Drei der Beobachtungen waren im Großen Wald zwischen Roßwag und Großglattbach und zwei im Stromberg. „Im östlichen Stromberg ist die Waldschnepfe auch Brutvogel“, weiß Sommer. Den Bekassinen-Verdacht kann Sommer gleich entkräften. Denn die Waldschnepfe sei unter anderem an der Querbänderung auf dem Kopf eindeutig zu erkennen.

Das Exemplar, das sich in Zankers Garten blicken ließ, bleibt den Winter über hier, denn diejenigen Waldschnepfen, die in Frankreich oder Spanien überwintern, haben sich schon im September oder Oktober auf den Weg gemacht, urteilt Sommer.

Nun sitzt der ausgesprochene Waldbewohner also im Hausgarten und das auch noch am helllichten Tag. Doppelt und dreifaches Glück für Heinrich Zanker. Denn eigentlich ist das Vögelchen aus der Familie der Schnepfenvögel, die zu den Regenpfeiferartigen zählen, zudem noch dämmerungs- und nachtaktiv.

Das könnte ein Blick in ihre großen Augen verraten, die möglichst viel Licht einfangen sollen. Sein doch recht ulkiges Aussehen verdankt der Vogel neben dem prominenten Schnabel auch den an exponierter Stelle am Kopf sitzenden Augen. Doch auch dies ist ein Geniestreich der Natur. Denn so kann sich die Waldschnepfe, selbst wenn der bis zu acht Zentimeter lange, auch Stecher oder Wurmzieher genannte Schnabel tief im Boden steckt, mit einem fast 360-Grad-Rundum-Blick gegen Feinde sichern. Dieser Schnabel ist ein geradezu unglaubliches Werkzeug, da er sich Dank etlicher Nerven wie eine Pinzette handhaben lässt. Die Waldschnepfe kann ihren Oberschnabel sogar bei ansonsten geschlossenem „Mund“ aufklappen und so mit Hilfe der Zunge Würmer und sonstiges Kleingetier vespern.

Männchen und Weibchen sehen nahezu gleich aus, die in Braun-, Grau- und Beigetönen gefärbten Federn lassen das Tier mit dem wissenschaftlichen Namen Scolopax rusticola mit den Farben des Waldbodens verschmelzen und machen es für potenzielle Feinde unsichtbar.

Im Frühjahr sucht sich das Männchen beim Balzflug über Schneisen und Lichtungen des Waldes, beim sogenannten Schnepfenstrich, eine Partnerin. Mit einem ganz besonderen Repertoire an Geräuschen versucht er eine Waldschnepfin von sich zu überzeugen: „Sie murksen und puitzen im Flug“, erklärt Joachim Sommer. Das klingt dann ungefähr so: „quorr-quorr-quorr-puitz“. Murksen wird das Erzeugen froschähnlicher Laute genannt. Puitzen ist ein hochfrequenter doppelter Pfiff.

Und der Vogelkenner sagt noch den denkwürdigen Satz: „Die weibliche Schnepfe beteiligt sich am Balzflug, aber sie murkst nicht.“ Natürlich müssen wir darauf am Schluss nochmal kurz eingehen. Die Schnepfenliebe währt jedenfalls nicht lang, denn nach der Kopulation ist sie vorbei. Der Vogelmann entschwindet alsbald wieder und sucht sich vielleicht schon die nächste Geliebte. Das Weibchen bleibt beim Bodennest und hütet den Nachwuchs.

Die Küken sind Nestflüchter und sollen hin und wieder von der Mutter mit Hilfe des Schnabels weggetragen werden, was aber als nicht belegt gilt. „Bei Gefahr klemmt sich der Muttervogel die Jungen zwischen Bauch und Beine und fliegt mit ihnen davon; Etappen bis 100 Metern sind so möglich“, schreibt allerdings der Deutsche Jagdverband. Trotz allem überleben bis zu 70 Prozent der Jungtiere ihr erstes Lebensjahr nicht.

Die Waldschnepfe steht in Deutschland auf der Vorwarnliste der bedrohten Arten (Stand 2009). In Baden-Württemberg gehe man von 1000 Paaren aus, sagt Joachim Sommer. Im Schwarzwald liege hierbei der Schwerpunkt, dort sei der Brutbestand der Waldschnepfe stabil, „aber ansonsten stark rückläufig“, sagt Sommer.Die Waldschnepfe darf in Baden-Württemberg von Oktober bis Dezember bejagt werden. Sie soll gut schmecken, manch einer behauptet gar, dass das nicht mal 500 Gramm schwere Vögelchen geradezu überirdisch gut schmecke. Man lobt die Schnepfen eben nicht ihres Gesanges wegen. In Baden-Württemberg betrug die Jagdstrecke im Jagdjahr 2013/2014 genau 100 Vögel.

Das Vögelchen, das ja zu den Regenpfeiferartigen, die auch Limikolen oder Watvögel heißen, zählt, liebt als solches das Baden und fühlt sich deshalb in feuchten Wäldern mit Tümpeln und Wasserlöchern am wohlsten. Die Plattform Waldwissen im Internet vermutet, dass die Entwässerung der Wälder ein Grund für den Rückgang der Vogelart sein kann.

In unserer Sprache ist sie immer noch sehr gut präsent, zum Beispiel bei: „Du blöde Schnepfe!“ Dass es sich bei diesem Ausruf um eine äußerst uncharmante Äußerung handelt, ist klar. Dass das auf Frauen gemünzte Schimpfwort auch im Sinne von „Prostituierte“ genutzt wird, ist mir neu. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass der in der Jägersprache gebräuchliche Begriff Schnepfenstrich umgemodelt wurde.

Der Roßwager Joachim Sommer vermutet, dass bei der unschmeichelhaften Bezeichnung Schnepfe für menschliche Weibchen das groteske Aussehen des Vogels den Ausschlag gegeben hat. Wenn man das ungefähr taubengroße Vögelchen so anschaut, liegt das in der Tat nahe.

Von der Waldschnepfe gibt es also ganz schön viel zu lernen. Zum Beispiel, dass ein merkwürdiges Erscheinungsbild mitunter nur von der Genialität des Individuums ablenkt.

Vor allem ist nun endlich wissenschaftlich belegt: Wenn irgendwo mal irgendjemand rummurkst, dann kann das nur ein Männchen sein.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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