Liebe Leser,
mein persönliches Vorweihnachtswunder habe ich schon erlebt. Der Blumenstock vor der Haustür blüht jetzt. Das Vorhaben, darüber mal kurz was zu schreiben, konnte nur vom Vaihinger Gärtnermeister Maurus Senn gerettet werden.
Mein vorweihnachtliches Wunder sind die Blümchen daheim vor der Haustür. Gekauft hatte ich die kleine Staude im vergangenen Jahr, sie irgendwann zurückgeschnitten und im Winter ihrem Schicksal draußen überlassen. In diesem Jahr bekam die Blume im Topf tatsächlich Blättchen. Es wurden immer mehr Blätter, schließlich gesellten sich Knospen dazu, aber es war schon Oktober geworden. Die Spannung stieg: Wird es die Topfpflanze noch schaffen, ihre Blüten zu öffnen, bevor der Frost sie dahinrafft? Was soll ich sagen: Die ersten kalten Nächte hat sie mit Bravour überstanden – und zwar blühend und mehrfarbig. Kurz und gut – ich bin verliebt in meine ... tja, was sind’s denn nun? Vermutlich Herbstastern oder gibt es doch die Winterastern? Sie sehen, ich bin ziemlicher Laie auf diesem Gebiet.
Beim Blick auf das Blütenkörbchen ist wenigstens klar, dass es sich um Vertreter aus der Familie der Asteraceae, also der Korbblütler, handeln muss. In den scheinbaren Einzelblüten quetschen sich bei dieser Blumenfamilie zahlreiche winzige Blüten wie in einem Körbchen zusammen.
In der Regel werden dabei die winzigen Blüten, im Fall der heutigen Pflanze sind es Röhrenblüten, von Zungenblüten umrahmt. Bis zu 1000 Blüten können bei manchen Vertretern der Korbblütler in einer vermeintlichen Einzelblüte zusammengehäuft sein. Das freut die Insekten, außer man hat sich bei den Gartenblumen für gefüllte Exemplare entschieden. Bei diesen sind die kleinen, ergiebigen Röhrenblüten durch sterile Zungenblüten ersetzt und Biene und Co guckt in die Röhre.
Nun hatte ich also die Idee, mal eben so auf die Schnelle was über mein Blümchen zu schreiben – und musste erschüttert feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Meine letzte Rettung war Gärtnermeister Maurus Senn. Herzlichen Dank, er ist mein Held des Tages. Ich scheiterte nämlich schon an der Frage, ob es sich jetzt um eine Aster, eine Chrysantheme oder eine Winteraster handelt. Ich vermutete zwar die Chrysantheme, aber sicher war ich mir nicht. Und man will ja schließlich keine Unwahrheiten verbreiten.
Also schnell bei Maurus Senn angerufen, das Bild per Mail hingeschickt und feste gelauscht, was der Fachmann dazu zu sagen hat. Es handelt sich eindeutig um eine Chrysantheme, bestätigt Maurus Senn. Eine Aster habe eine andere Blütenkörbchenmitte, die gleichmäßiger und voller aussieht, erklärt Senn. Die Aster sei außerdem einer Margerite ähnlicher. Er würde es auch an den Blättern erkennen und überhaupt sofort erkennen mit seinem „Gärtnergefühl“, sagt Senn. Da kann ich mit meinem „Biologengefühl“ nicht dagegen anstinken. Es seien außerdem drei eigenständige Pflanzen im Töpfchen vereint, daher rühre die Dreifarbigkeit des Ensembles. Zu meiner Verteidigung muss gesagt werden, dass diese spät blühende Chrysantheme auch als Winteraster bekannt ist. Wenn einer die Aster meine, sage er Sommer- oder Herbstaster, erläutert Senn weiter.
Nun kann ich beschwingt über die Chrysantheme weiterschreiben, was sich aber auch als nicht ganz einfache Sache erweist. Denn die botanische Systematik der Gattung Chrysanthemum, zu Deutsch auch Wucherblume, ist etwas verwirrend. Laut der Botaniker-Bibel Strasburger wird die Familie der Korbblütler neuerdings in 17 Tribus unterteilt, wobei die Chrysanthemen als Zierblumen mit so aromatischen Blümchen wie den Kamillen zur Gruppe der Anthemideae gezählt werden.
Spektrum.de schreibt, dass die Gattung der Wucherblume einst mit rund 200 Arten beschrieben wurde. Nach heutigem Stand würden ihr nur noch fünf Kräuter zugeschlagen. Die übrigen Arten der Wucherblume gehörten nun anderen Gattungen an. Hier heißt es auch, dass die im Gewächshaus gezogenen Sorten auch margeritenähnlich – und somit wie Astern – aussehen können. Puh, also ganz doof war die Frage wohl doch nicht. Das Online-Lexikon Wikipedia schlägt der Pflanzengattung der Gattung Chrysanthemen 40 Arten zu. Da soll noch einer durchblicken.
Jedenfalls bilden einige Chrysanthemum-Arten Substanzen, mit denen die Pflanze Insekten auf Abstand hält und die auch als Inhaltsstoffe als sogenannte Repellentien beim Hund lästige Parasiten fernhalten sollen. Andere enthalten ätherisches Öl mit Sesquiterpenen, die gegen Migräne wirksam sein sollen. Auch der bei uns heimische Rainfarn gehört zur Gattung der Chrysanthemen und wurde früher als Wurmmittel genutzt.
Als Gartenpflanze hat die Chrysantheme in ihren ostasiatischen und asiatischen Heimatländern schon eine mehrere Tausend Jahre dauernde Kulturgeschichte hinter sich und es waren schon vor langem Hunderte von Sorten gezüchtet worden. In Japan wird der Kaiserthron als Chrysanthementhron bezeichnet.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts sollen Seefahrer die ersten Sorten mit nach Europa gebracht haben. Ende des 18. Jahrhunderts erreichte schließlich eine Pflanze Europa, bei der es sich bei uns um die Urmutter der Garten-Chrysanthemen handelt: Chrysanthemum indicum, die Herbst-Chrysantheme. Sie gilt als Hauptelternteil der Garten-Chrysanthemen. Die Gärtner machten sich nun auch hier an die weitere Sortenzüchtung.
Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts soll gar eine Sorte mit dem Namen Chrysanthemum sinense Sabine England erreicht haben. Mit meinem Vornamen hat das aber nicht zu tun. Vielmehr hat wohl ein gewisser Joseph Sabine das Blümchen zum ersten Mal beschrieben. Im 19. Jahrhundert war die Chrysantheme schließlich eine Trendblume, es gab Ausstellungen, gleichzeitig galt sie vor allem als Totenblume, besonders zu Allerheiligen. Denn die Chrysantheme ist eine Kurztagpflanze, die erst dann mit der Blütenbildung startet, wenn die Nächte lang genug sind.
Diese Erkenntnis wurde von Gärtnern aufgegriffen. Im Gewächshaus richtig behandelt wurde die sonst nur nach langen Nächten – möglichst weniger als zehn Stunden Licht – Erblühende zur Alljahresblume.
Meine hat aber, wie schon gesagt, nach alter Chrysanthemen-Manier erst spät im Jahr mit Blühen begonnen. Vielleicht steckt ein Stück der Chrysanthemum coreanum, in ihr drin, da diese sich durch besondere Frosthärte ausweisen soll.
Falls Ihnen jemand mal eine Chrysantheme schenkt, dann bedeutet das in der Blumensprache: Mein Herz ist frei. Vielleicht bedeutet es aber auch, dass derjenige Ihnen Hautirritationen verpassen will. Immerhin zählt die Chrysanthemenallergie zu den am häufigsten durch Zierpflanzen hervorgerufenen Berufserkrankungen. „Auf dem Blumengroßmarkt in Hamburg leiden beispielsweise rund 30 Prozent der Beschäftigen an einer Kontaktallergie auf Chrysanthemen“, schreibt der Ärzteverband Deutscher Allergologen. Auch Primelchen lassen relativ viele Menschen erblühen. Wer Kakteen verschenkt, ist dagegen eher auf der sicheren Seite, sie lösen selten Allergien aus. Ob der Beschenkte sich darüber freut, ist aber fraglich.
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