Phänomene der Natur
Phänomene der Natur
Liebe Leser,
bald haben sie wieder ihren großen Auftritt. Prächtig geschmückt sind Nadelbäume ein Sinnbild für Weihnachten. Dass die Gemeine Fichte für 2017 zum Baum des Jahres ernannt wurde, hat allerdings andere Gründe.
Selbst die Stiftung, die den Baum des Jahres ernennt, räumt ein, dass die Fichte lange auf diese Würdigung hat warten müssen. Seit 27 Jahren rufe die Dr. Silvius Wodarz-Stiftung den Baum des Jahres aus. Doch die mit derzeit rund 26 Prozent Waldanteil häufigste Baumart Deutschlands – die Fichte – sei bisher nicht dabei gewesen, erkennen die Autoren und schieben nach: „Warum das Kuratorium Baum des Jahres um diese Nadelbaumart einen Bogen schlug, hat Gründe: Die Fichte polarisiert.“ Die verliehene Huldigung soll zur Diskussion anregen.
Ja, die Gemeine Fichte, wissenschaftlich Picea abies, polarisiert auch mich. Lange Zeit habe ich sie als Baumart der Monokulturen nicht besonders leiden können. Auch optisch wirkten die hängenden Zweige oft eher deprimierend. Und meiner Erinnerung nach ist die Fichte mit dem Horrorszenario Waldsterben aus den 80ern verwoben. „Es waren vor allem Bilder dieser absterbenden Bergfichtenwälder, die die Dramatik dieser schleichenden Umweltzerstörung illustrierten“, schreibt auch die Wodarz-Stiftung.
Allerdings konnte der Nadelbaum, der mit bis zu 60 Metern neben der Weißtanne zum höchsten heimischen Gehölz Europas auswachsen kann, bei mir auch mit einigen positiven Erlebnissen punkten. Beispielsweise gibt es beim Spaziergang durch Aurich eine ziemlich aus dem Ruder gelaufene Fichtenhecke, an deren Flanke es im Hochsommer immer kühler als drumrum ist. Das absolute Highlight sind aber die Goldhähnchen, die zu den kleinsten europäischen Vögeln zählen. Sie piepsen ihr hohes Lied am Liebsten aus den piksigen Nadeln dieser Fichtenbäume heraus zum Zuhörer hinab.
Nicht nur Schädlinge wie Borkenkäfer und Co finden diese Baumart toll, auch andere Tiere laben sich an ihren Samen oder schätzen die Deckung des immergrünen Kleides. Dazu zählt unsere kleinste Eule, der nur knapp starengroße Sperlingskauz, der vor allem im Schwarzwald gerne vom Wipfel einer Fichte blickt.
Jetzt ist das Stichwort gefallen, das beim Thema Fichte in unseren Breiten natürlich nicht fehlen darf: der Schwarzwald. Auch ihm stand ich immer etwas skeptisch gegenüber, war er doch gar nicht „natürlich“ gewachsen, sondern ein von Menschen gepflanzter dunkler Tann, den die Fichte dominiert. Oder etwa nicht?
In Deutschland kommt die Fichte in höheren Lagen der Mittelgebirge und den Alpen vor, oberhalb von 1000 Metern bildet sie oft natürliche Reinbestände. „Ohne den jahrtausendelangen menschlichen Einfluss wären unsere heutigen Wälder zu über 90 Prozent Laubmischwälder, überwiegend geprägt von Buchen und Eichen“, schreibt die Wodarz-Stiftung. Doch das hölzerne Zeitalter zollte seinen Tribut. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein, bis die Kohleförderung Fahrt aufnahm, war der Holzhunger der Menschen immens. Ursprünglich wachsende Baumarten der Wälder verschwanden zusehends aus den Wäldern. Aufgeforstet wurde vielerorts mit der Fichte, die eine der wenigen Baumarten ist, die sich für die Wiederbewaldung solcher offenen, ungeschützten und an Nährstoffen verarmten Flächen eignet. Mit ihr habe man auch schon seit dem 15. Jahrhundert, wenn auch nicht in großem Umfang, devastierte Waldflächen außerhalb des natürlichen Fichtenvorkommens wieder neu bewaldet, schreibt die Stiftung zum Baum des Jahres. Im 19. Jahrhundert wusste man dann um die Risiken dieser „Fichtenäcker“, beispielsweise ist der Flachwurzler anfällig für Sturmwürfe. Ebenso sind Monokulturen immer ein gefundenes Fressen für Schadorganismen, seien es Käfer oder Pilze. Forstleute mahnten zum Gegenlenken. Doch besonders nach den beiden Weltkriegen verfiel man wieder in die alte Praxis, große Flächen mit Fichten aufzuforsten.
Auch der Schwarzwald wurde durch die Pflanzung der Fichte erst so richtig schwarz – so schreibt es der SWR. Bei der Wissenssendung planet.wissen liegt die Verdunkelung dieser Waldregion viel weiter in der Vergangenheit: „Zunächst war der Wald voll von Laubbäumen: Eschen, Eichen, Linden, Ulmen und Ahorn prägten das Bild. Eine ‚silva nigra‘ wurde der Schwarzwald erst vor circa 6000 Jahren, als Tannen und Buchen sich langsam ausbreiteten.“ Die Fichte sei erst bei der Aufforstung nach der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Schwarzwald gekommen, als dieser abgeholzt und fast nur noch ein Busch- und Grünland war.
Helmut Volk von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg schreibt auf der Plattform waldwissen.net, dass es sich nach jüngerer Einschätzung mit der Fichte anders verhalte. „Die Zeit mit geringen Fichtenanteilen im Gebiet liegt viel weiter zurück als bisher gedacht. Die Fichte hatte also mehr Zeit, sich über Jahrtausende hinweg ‚natürlich‘ in den Wäldern des Schwarzwaldes zu Lasten anderer Baumarten auszubreiten, weil Buche und Tanne stärker genutzt wurden, die Wälder offeneren Charakter hatten und die Fichte ihre Konkurrenzkraft als Pionier dadurch ausspielen konnte“, so der Autor. Vor 1000 oder 1500 Jahren, als noch nicht an Fichtensaaten oder Pflanzungen gedacht wurde, habe es die Fichte wohl schon zu beträchtlichen Anteilen am Wald bis zu 20 Prozent gebracht, im Südschwarzwald nicht nur in den höchsten Lagen, sondern schon ab etwa 900 Metern Meereshöhe.
Doch inzwischen droht der Fichte Ungemach. Sie gilt als diejenige Baumart, die wohl das schlechteste Anpassungspotenzial an die kommenden klimatischen Veränderungen unter den Waldbäumen hat. „Baum des Jahres vom Aussterben bedroht“, titelt dann auch der Bayerische Rundfunk bei einer Sendung. Ob die in Nordamerika beheimatete Douglasie beziehungsweise deren zwei Varietäten würdiger Ersatz sein könnten, wird kontrovers diskutiert.
Die Fichte hat auf jeden Fall ihren Platz in der hiesigen Menschheitsgeschichte, schon allein durch die Masse an Bauholz, die diese Baumart geliefert hat. Aber auch Instrumente lassen sich aus ihr gut fertigen. Lässt man das Bäumchen wachsen, kann es mehrere Jahrhunderte auf die Rinde bekommen. Diese sieht zunächst rötlich aus und hat der Fichte den botanisch inkorrekten Beinamen Rottanne beschert. Tannen tragen den wissenschaftlichen Gattungsnamen Abies, die Weiß-Tanne heißt beispielsweise Abies alba. Tannen tragen ihre Zapfen sozusagen immer am Mann, senkrecht nach oben stehend. Fichten lassen ihre Zapfen hängen und werfen sie über kurz oder lang gänzlich ab. Bei Tannen bleibt eine Spindel am Zweig stehen. Tannen haben in der Regel auch zwei weiße Wachsstreifen an den Nadelunterseiten.
Wenn Fichten im Frühjahr blühen, können die Blütenstaubwolken alle paar Jahre mal für eine Gelbfärbung des Umlands sorgen. Die Fichte lieferte früher mit ihrem Harz die Substanz fürs Brauerpech, mit dem Bierfässer von innen versiegelt wurden. In der Medizin sind die ätherischen Öle der Fichtennadeln auch heute noch im Einsatz. Bis in die 60er-Jahre hinein war die Fichte aufgrund der Auslichtung großer Aufforstungen der Weihnachtsbaum Nr. 1 in Deutschland – die Nordmanntanne hat ihr diesen Rang jedoch schon lange abgelaufen. Aber in Vaihingen bringt die eine oder andere Fichte noch als offizieller, großer Weihnachtsbaum im Freien Freude – auch wenn es sich nicht immer um die Gemeine Fichte handeln dürfte. Gespendet werden die Bäume von Bürgern. So ziert eine Fichte aus Vaihingen den Stadtteil Enzweihingen, zwei Fichten aus Ensingen verschönern Ensingen und Roßwag. Eine Vaihinger Fichte steht in Riet und ein Ensinger Exemplar strahlt in Horrheim als Weihnachtsbaum. Kleinglattbach und Gündelbach haben durch Fichten aus Kleinglattbach und Horrheim ihren Fichten-Christbaum bekommen. Die Kernstadt und Aurich können sich über Vaihinger Tannen freuen. Bleibt noch zu hoffen, dass ein gut gelaunter Knecht Ruprecht mit vielen Geschenken seinen Weg durch den dunklen Tann zu uns findet – der ja eigentlich ein dunkler Ficht ist. Aber das ficht den Tann bestimmt nicht an.
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s.ruecker@vkz.de


