Liebe Leser,
eigentlich sollten heute mal wieder süße Vögelchen an dieser Stelle die Hauptrolle spielen. Dann kam am Donnerstag Kleopatra, der Hecht.
Der Fisch auf dem Foto kommt aus der Enz. Was für einen kapitalen Burschen der Vaihinger Angler Sascha Schickart da an Land gezogen hat. In diesem Satz verbergen sich allerdings gleich zwei sogenannte alternative Fakten. Es ist nämlich kein Bursche, den Schickart präsentiert, sondern eine Hecht-Dame, wie der Angler betont.
„Da das schon ein besonderer Fisch ist, hat die Dame einen Namen bekommen“, sagt Schickart. Aus „Achtung und Respekt vor dem Tier“ habe er seinen Fang am Tag der Anlandung, am Dienstag (14. Februar), Kleopatra getauft. Das kapitale Hechtweibchen sei wie Kleopatra schön und mächtig gewesen. Unglaubliches entdeckte der Angler auch, als er den Fang am selben Abend zerlegte: Zwei Ratten und zwei Enten, jeweils halbverwest, habe das Fischweibchen im Magen gehabt. „Ich hab’ mich selber erschrocken“, sagt Schickart.
Er hat den Fang auch nicht an Land gezogen, sondern eher an Land gehievt, weil sich die Schnur verheddert hatte. „Ich hab ins Wasser gehen müssen, um den Fisch zu landen“, erzählt er. Beim Enzgang, bei dem ihm das Wasser dann bis zur Hüfte reichte, sei auch noch das Handy durch den Schlag von einem Ast kaputtgegangen. „Das war g’schwind kalt, aber das Glückshormon beim Anblick des Fisches hat alles übertroffen“, erzählt der Angler.
In der Tat kann „das Top-Model mit Traummaßen, die wunderschöne Hechtdame“ beachtliche Zahlen vorweisen: 124 Zentimeter lang und 14,45 Kilogramm schwer war der Fisch. Alter: grob geschätzte 20 Jahre. Der 14. Februar ist wichtig, weil am Tag darauf in Baden-Württemberg die Schonzeit für den Hecht beginnt. Das sei auch der Grund dafür gewesen, weshalb der 45-Jährige sich am Dienstag nochmal mit dem Ziel, einen Hecht zu fischen, zur Enz aufmachte. Schon im zarten Alter von acht Jahren hat Schickart mit dem Angeln begonnen, mit zwölf trat er in den Bezirksfischereiverein Vaihingen ein, dem er nun seit 33 Jahren die Treue hält.
Eines der Pachtgewässer des Vereins ist ein Abschnitt der Enz. Dort hatte sich der Vaihinger am Dienstag positioniert. „Die Größe ist für einen Hecht aus der kleinen Enz schon imposant“, sagt Schickart, „es ist mein größter Hecht, den ich je gefangen habe“. Dabei sei er extra zum Hechtfang schon im Ausland, unter anderem in Irland gewesen. Bei der Größe war auch klar, dass es sich um ein Weibchen handelt, Männchen werden bis zu einem Meter lang. Der Fang aus der heimischen Enz wird jetzt „absolut sinnvoll verwendet“, sagt Schickart – er freut sich jetzt auf Hechtsteaks.
Dabei ist der „schmackhafte Speisefisch durch Lebensraumverluste zunehmend bedroht“, ist einer gemeinsamen Pressemitteilung des Deutschen Angelfischerverbandes, des Verbandes Deutscher Sporttaucher, des Österreichischen Kuratoriums für Fischerei und Gewässerschutz und des Bundesamtes für Naturschutz zu entnehmen.
Diese Jury hatte dem Hecht, wissenschaftlich Esox lucius, den Titel Fisch des Jahres 2016 verliehen. Der Hecht sei eine der größten und bekanntesten heimischen Fischarten und gewählt worden, damit durch ihn die Zusammenhänge zwischen Natur- und Artenschutz sowie nachhaltiger, verantwortungsvoller Naturnutzung verdeutlicht werden können. Wenn Ufer und Auen renaturiert oder in einem naturnahen Zustand erhalten werden, dienen sie dem Hecht als Rückzugsraum und Laichplatz. Damit werde einerseits der Bestand dieses von vielen Anglern geschätzten Speisefisches gesichert und gleichzeitig Lebensraum vieler weiterer Tier- und Pflanzenarten verbessert, lassen die Verbände wissen.
„Mit seiner unverwechselbaren Gestalt zählt der Hecht zu den bekanntesten heimischen Fischarten“, sagt Dr. Christel Happach-Kasan, Präsidentin des Deutschen Angelfischerverbandes.
Der Hecht besiedelt stehende Gewässer vom kleinen Tümpel bis zum großen See, aber auch Fließgewässer vom Oberlauf bis hinab in die küstennahe Brackwasserregion. „Der Hecht ist beispielgebend für die vielen Fischarten, die zur Fortpflanzung auf intakte Ufer- und Auenbereiche entlang der Gewässer angewiesen sind. Nur wenn solche naturnahen Lebensräume erhalten bleiben oder wiederhergestellt werden, können die Bestände des Hechtes sowie vieler weiterer Fischarten zukünftig in unseren Flüssen erhalten werden“, sagt die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Prof. Beate Jessel. Erfolgreiche Renaturierungsmaßnahmen zeigten, dass es gelingen kann, nicht nur dem Hecht, sondern auch zahlreichen anderen Tier- und Pflanzenarten wieder neuen Lebensraum zu geben. Der Hecht kann mit seinen zahlreichen spitzen, nach hinten gebogenen Zähnen hervorragend Beute packen: Fische aller Art, auch eigene Artgenossen, Frösche, gelegentlich auch kleine Wasservögel und Säugetiere wie Mäuse oder Bisamratten stehen auf dem Speiseplan.
Die Durchschnittsgröße eines Hechtes liegt zwischen 50 und 100 Zentimetern. Weibliche Hechte können jedoch 1,30 Meter überschreiten und über 20 Kilogramm schwer werden.
Der Raubfisch bleibt seinem Standort treu und lauert gerne in Ufernähe regungslos auf seine Beute, die er im blitzschnellen Vorstoß ergreift. Als Einzelgänger versteckt er sich gerne zwischen Wasserpflanzen, Baumwurzeln, an Schilfkanten oder Uferböschungen. Dort ist er durch seine grüne bis bräunliche, durch gelbe Bänder durchbrochene Färbung ausgezeichnet getarnt.
Zur Laichzeit im zeitigen Frühjahr zieht die Fischart in krautreiche Flachwasserbereiche der Überschwemmungsflächen oder in kleine Gräben und Nebengerinne, wo die klebrigen Eier an Wasserpflanzen angeheftet werden. „Solche für seine Vermehrung notwendigen Flächen sind typischerweise im Frühjahr überschwemmte Wiesen der Flussauen, aber auch die Flachwasserzonen und Überschwemmungsbereiche unserer Seen“, schreiben die Verbände. Durch Trockenlegung von Wiesen und das Ausbleiben von Frühjahrsüberschwemmungen infolge von Regulierungs- oder Baumaßnahmen seien geeignete Laichplätze selten geworden. „Trotz der weiten Verbreitung sind die Bestände des Hechts daher in vielen Gewässern gering“, mahnen die Fachleute. In der Roten Liste werde der Hecht zwar als ungefährdet eingestuft, der langfristige Bestandstrend zeigt jedoch einen mäßigen Rückgang der Bestände. Vorrangiges Ziel sei es daher, die Gewässer und ihre Auen auch für den Hecht wieder in einen naturnahen Zustand zu bringen. Dies sei gleichzeitig ein Beitrag zum Hochwasserschutz.
Bald beginnt also die Laichzeit bei den Hechten und die Männchen, auch Milchner genannt, haben es mit den Weibchen, den Rognern, gar nicht so leicht. Denn der tolle Hecht ist oft das Weib. Es ist während die Hochzeitsglocken klingen derart in Rage, dass es seinen Herzbuben mitunter frisst. Da sind die Damen einfach außer Rand und Band, denn sie haben auch allerhand zu leisten: Pro Kilogramm Körpergewicht sollen sie bis zu 40 000 Eier ablaichen können. Was fulminant klingt, relativiert sich, denn laut fischlexikon.eu können mehr als 90 Prozent der Junghechte allein von Artgenossen gefressen werden.
Die große Kleopatra, sie ist beim Hochzeitsreigen nun nicht mehr dabei. Was für ein prächtiger Fisch sie doch war und man fragt sich, welche geheimisvollen Lebewesen noch im Wasser der Enz verborgen sind. Wenigstens hat die Hechtdame die durchschnittliche Lebenserwartung wohl deutlich überschritten und ein ziemlich hohes Hechtalter erreicht.
Meldungen darüber, dass Hechte gerne mal in Zehen, Finger oder gar Nacktbader in den ... beißen, wagen wir hier nicht zu bestätigen. Obwohl, in Zeiten alternativer Fakten darf man das bestimmt auch.
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker @vkz.de


