Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Der Himmel, die Erde, das Virus und wir: Was hat das Dasein für einen Sinn?  Foto: Rücker

    Der Himmel, die Erde, das Virus und wir: Was hat das Dasein für einen Sinn? Foto: Rücker

Liebe Leser,
die Zeiten sind nicht sehr erfreulich, aber immerhin lässt sich die Natur nicht aufhalten und startet in den Frühling. Auch das Virus startet durch und bei näherer Betrachtung stellt sich die Frage: Was für einen Sinn hat dessen Dasein? Oder meins?

Befragt man das allwissende Internet zum Sinn des Daseins, ploppt mehrfach die Kreuzworträtsellösung auf: Lebenszweck, Lebensinhalt. Bei der Betrachtung des Corona-Virus hilft einem das aber nicht unbedingt weiter, denn ob Viren nun leben oder nicht, ist nach wie vor umstritten. In der Schule lernte man zu meinen Zeiten noch, dass sie nicht zur Lebewelt zu zählen sind. Sie haben zum Beispiel keinen eigenen Stoffwechsel und können sich ohne Hilfe nicht vermehren. Andererseits besitzen Corona-Viren leider, wie wir inzwischen wissen, die Fähigkeit zur Veränderung der Erbinformation durch Mutation. Damit sei eine Anpassung an die Umgebung unterstellt und eine Evolution, was bisweilen auch als Merkmal des Lebens betrachtet wird.

Genau betrachtet handelt es sich bei Viren um eine Art Paket: innen Erbgut – im Fall des Sars-Cov-2-Virus einsträngige RNA – außenrum eine Hülle. Für ihre „Vermehrung“ entern beispielsweise Corona-Viren die menschliche Zelle und programmieren diese zu einer Viren-Vervielfältigungsmaschinerie um. Nahezu sämtliche Zellstrukturen der Wirtszelle werden gekapert und im Cytoplasma findet dann die Replikation, die Proteinsynthese und der Zusammenbau der Viren statt. Vereinfacht gesagt geschieht dies den Gesetzen der Physik und Chemie folgend. „Gelangt ein Virus in eine Zelle, beginnt ein Wechselspiel zwischen Eiweißmolekülen des Erregers und denen des Körpers. Die Vervielfältigung des Virus, aber auch Gegenmaßnahmen der Zellen sind das Ergebnis komplexer Protein-Signalfolgen“, heißt es in einer aktuellen Mitteilung des Max-Planck-Instituts für Biochemie und der Technischen Universität München. Versteht man die Arbeitsweise des Virus besser, können sich auch neue Therapiewege auftun.

Was aber hat das Virus von seiner Vervielfältigung? Es ist ja nicht mal in der Lage, sich darüber zu freuen. Warum also der ganze Aufwand?

Wenn ich so darüber nachdenke, wird mir immer ein wenig blümerant. Ganz ähnlich, wie wenn ich über die Tiefen des Weltalls nachdenke. Okay, unser Sonnensystem, das kann ich mir noch vorstellen. Doch was kommt danach, und danach, und danach und ... warum? Da platzt einem ja schier der Kopf und eine tiefe Ratlosigkeit macht sich breit. Vor allem, wenn sich die Frage aufdrängt: Was unterscheidet mich von dem herz- und leblosen Virus? Bin nicht auch ich nur eine schnöde Abfolge chemischer und physikalischer Vorgänge?

In seinem Buch „Das egoistische Gen“ hat der Biologe Richard Dawkins schon Mitte der 70er-Jahre den Willen nach „Überleben“ nicht der Art, sondern dem Gen zugeschrieben. Die Lebewelt wäre also mehr oder weniger nur dazu da, den vervielfältigungswütigen Genen ein sicherer Hafen zu sein. Das ist nun wirklich auch keine schmeichelhafte Vorstellung für den eigenen Lebenssinn. Da rebelliert das menschliche Ego dann doch.

Wieso denkt man überhaupt über so etwas nach, über den Sinn des Lebens? Vermutlich ist nur der Mensch von allen Geschöpfen auf unserer schönen Erde mit dieser Frage befasst, die ja in gewisser Weise auch mit einem Vorausschauen in die Zukunft zu tun hat.

Tieren ist dieses Denken, vielleicht zu deren Glück, nicht gegeben. Philosoph Prof. Dr. Markus Werning und Hirnforscher Prof. Dr. Sen Cheng von der Ruhr Universität Bochum sind dieser Frage gemeinsam mit dem Tierkognitionsforscher Prof. Thomas Suddendorf nachgegangen.

Ihr Fazit: „Es gibt keine Hinweise darauf, dass Tiere in der Lage wären, verschiedene Zukunftsszenarien zu konstruieren, zu reflektieren und miteinander zu vergleichen“, sagt Sen Cheng. „Wir glauben daher nicht, dass Tiere mentale Zeitreisen machen können.“ So könne zum Beispiel die Fähigkeit von Eichhörnchen, bereits im Herbst Futtervorräte für den Winter anzulegen, nicht als vorausschauendes Handeln interpretiert werden, sondern als eine angeborene Verhaltensform. „Das Eichhörnchen würde auch dann Futter sammeln, wenn es sein Leben lang im Winter gefüttert worden wäre“, so Cheng. Leben im Hier und Jetzt, ohne Grübeleien, vermutlich wie unsere tierischen Mitgeschöpfe, wäre das der Weisheit letzter Schluss?

Seit unzähligen Generationen wälzt die Menschheit die Sinnfrage. Bis in die Antike hinein reichen die Wurzeln der Teleologie. Sie beschreibt die Auffassung, dass ein Vorgang oder Phänomen von seinem Ende, seinem Zweck und Ziel her, bestimmt wird. „Nach dem Konzept der Teleologie entwickeln sich die gesamte Natur und mit ihr der Mensch nicht ziellos und ungeordnet, sondern planvoll gemäß der Zwecksetzung Gottes“, heißt es im Lexikon wissen.de. Demnach maßen Philosophen wie Immanuel Kant ihr große Bedeutung bei. Voltaire, Schopenhauer und Nietzsche übten jedoch Kritik. Den entscheidenden Schlag habe das philosophische Konzept der Teleologie jedoch vonseiten der Naturwissenschaften, insbesondere von der Evolutionstheorie Charles Darwins erhalten, heißt es weiter. Nach wie vor sei sie jedoch ein wichtiges Element in der Glaubenslehre von Religionen, die von einem göttlichen Weltplan und einem Zielpunkt in der Geschichte des Universums ausgehen.

Auf die Frage, ob es gläubige Menschen leichter hätten, einen Sinn im Leben zu entdecken, antwortet Benediktinerpater Anselm Grün im Interview auf katholisch.de: „Ja, denn die christliche Botschaft ist eine Heilsbotschaft.“ In der Bibel fänden sich entscheidende Wegweiser und Beispielgeschichten für geglücktes Leben. Gott habe jedem Menschen eine Aufgabe übertragen. Diese zu erkennen, sei der Sinn des Lebens, wird Grün zitiert.

Wer nicht gläubig ist, hat es da schwerer. Vielleicht ist der Sinn des Lebens ja, unablässig Bücher über den Sinn des Lebens zu lesen? Hab ich nicht gemacht, deshalb hilft jetzt nur noch eine redaktionsinterne Kurzumfrage. Während der eine Kollege mit roten Backen die Zeitung für den kommenden Tag baut und für solche Sperenzchen überhaupt keine Zeit hat, überfällt die anderen zunächst mal kollektives Schweigen.

Als Erster wagt sich Michael Banholzer aus der Deckung. „Es gibt keinen Sinn des Lebens an sich, sondern nur den, den man selbst dem Leben gibt“, sagt er. Er verorte sich „in der Nähe der Existenzialisten“. Nicht schlecht! Fairerweise muss gesagt werden, dass Banholzer über einen philosophischen Hintergrund vonseiten seines Studiums verfügt. Ja, die Philosophen, die bieten einiges an Theorie. Beim Hedonismus handelt es sich beispielsweise um eine in der Antike begründete Weltanschauung, die den Lebenssinn auf das Streben nach Lust fokussiert. Während Aristippos rund 400 vor Christi den körperlichen Genuss in den Vordergrund stellte, war es bei Epikur rund 100 Jahre später doch anders.

Epikurs Ideal ist die „heitere Ruhe, die aus dem Sieg über die Furcht vor den Göttern und dem Tod sowie der Befriedigung der elementaren Lebensbedürfnisse erwächst“, ist auf springer.com zu lesen. Die Erkenntnis „Der Tod betrifft uns nicht. Solange wir da sind, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr“, wird Epikur zugeschrieben. Folgt man Epikur, so lebt man womöglich glücklich, aber ist das dann auch der Sinn des Lebens?

Dabei gibt es von Autor Douglas Adams in seinem Science-Fiction-Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ auf die Frage nach „dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ ein ganz kurze Antwort: 42.

Und bei der britischen Komikergruppe Monty Python fasst Fernsehsprecherin Michael Palin im Film „Der Sinn des Lebens“ selbigen am Schluss so zusammen: „Nun, dies ist das Ende des Films und hier kommt der Sinn des Lebens. Danke Brigitte ... Ach ja, das ist nichts Besonderes. Seien Sie nett zu Ihren Nachbarn, vermeiden Sie fettes Essen, lesen Sie ein paar gute Bücher, machen Sie Spaziergänge und versuchen Sie, in Frieden und Harmonie mit Menschen jeden Glaubens und jeder Nation zu leben.“

In diesem Sinne: Frohe Sinnsuche oder einfach nur ein schönes Wochenende.

Und immer dran denken, was schon Schriftstellerin Elke Heidenreich vermutete: Der Sinn des Lebens kann nicht sein, eine aufgeräumte Wohnung zu hinterlassen. Aber wenn’s den einen oder anderen wenigstens glücklich macht ... ?

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

Datenschutz-Einstellungen