Liebe Leser,
man lernt halt nie aus. Der Seidelbast, in meinem Kopf bislang nur in den Alpen verortet, wurzelt auch bei uns. Neulich trudelte ein Foto ein, das allem Anschein nach einen Nussdorfer Seidelbast mit hübschem Hundchen zeigt.
Wie süß! Ein Foto von Frieda aus Aurich, wie sie brav am Fuße des Sonnenbergs, vermutlich auf Nussdorfer Markung, sitzt. Und vor der schönen Hundedame blüht ein – ja, jetzt haut’s mich ja fast um – ein Seidelbast?
Gelobt sei hier mal wieder das Internet, in dem unter den Stichworten Seidelbast, Vaihingen, Eberdingen und Stromberg gesucht wird. Tatsächlich – ich werde fündig. In einem Faltblatt des Regierungspräsidiums Karlsruhe zu den Naturschutzgebieten bei Mühlacker taucht der Seidelbast beim Naturschutzgebiet Großglattbacher Riedberg auf. Dieses grenzt, wenn mich meine trüben Augen nicht trügen, an das Gebiet Fritzenrain vom Eberdinger Sonnenberg, wo der Strauch vermutlich wurzelt. Zum Großglattbacher Riedberg heißt es, dass in den trockenen Bereichen des Felsenwäldchens neben der Ährigen Teufelskralle früh im Jahr auch der seltene Seidelbast blühe.
Auch auf der Internetseite glemstal.info hat der Nabu Schwieberdingen-Hemmingen Funde zusammengetragen, vor allem auf Markung Markgröningen. Aber eine Hemmingerin hatte im Jahr 2010 von der Sichtung eines einzelnen Exemplares des Seidelbasts im Eberdinger Bauernwald berichtet.
In einer Beschreibung des Oberamts Vaihingen aus dem Jahr 1856 hat der Seidelbast auch seinen Platz: „ ... die Besenpfrieme auf der Eselsburg bei Ensingen und auf dem Baiselsberg bei Horrheim, der Pimpernußstrauch als Seltenheit nur in einem Exemplar an dem Fuß der Weinberge bei Eberdingen, der Seidelbast (Daphne mezereum), das Bittersüß bei Oberriexingen und sonst noch an einzelnen Stellen.“ Ich bin mir aufgrund der Kommasetzung jetzt nicht sicher, ob der Seidelbast am Fuß der Weinberge bei Eberdingen oder bei Oberriexingen wurzelte. Jedenfalls scheint bewiesen: In und um Vaihingen gibt und gab es den Echten Seidelbast, wissenschaftlich Daphne mezereum.
Der Vertreter aus der Familie der Seidelbastgewächse, die auch als Spatzenzungengewächse bezeichnet werden, gilt als einziges heimisches Gewächs mit Stammblütigkeit, auch Kauliflorie genannt, bei dem die Blüten folglich direkt aus dem Stamm kommen. Das Gehölz wird mit maximal wohl um die zwei Meter Höhe nicht sonderlich groß und ist aufgrund der frühen und hübschen Blüten doch auch Zierpflanze in manchen Gärten. Dabei ist die Pflanze stark giftig und sollte folglich mit Bedacht ausgewählt werden.
Um seine Fern-Expertise gebeten, hilft der Vaihinger Gärtnermeister Maurus Senn nach der Zusendung eines Fotos umgehend. Eine der Fragen war, ob die von Weitem ähnlich aussehenden Sträucher in den Gärten zurzeit Seidelbaste sind. Auf dem Foto sei ein Echter Seidelbast zu sehen, schreibt Senn, „und er ist bei uns gerne heimisch. Selbst wenn er vom Weg aus nicht sichtbar ist, macht er mit seinem weithin wahrnehmbaren Duft auf sich aufmerksam. Seidelbast ist eine wichtige Pflanze für alle früh aufstehenden Insekten mit langen Rüsseln, insbesondere den Zitronenfalter. Die Pflanze präsentiert im Herbst einen auffallenden Fruchtschmuck und ist stark giftig. Früher war diese Droge eine Heilpflanze.“ Die bei uns im Winter und Vorfrühling blühenden Sträucher im Hausgarten seien dagegen diverse Arten des winterblühenden Viburnum (Schneeballs). „Der Seidelbast und auch Viburnum verdienen die Rubrik Phänomene der Natur“, muntert Senn noch auf. Vielen Dank! Wie mir deucht, hatte ich den Schneeball schon mal – habe die Details aber offensichtlich schon wieder vergessen.
Zurück zum Seidelbast, der laut Floraweb des Bundesamts für Naturschutz in Deutschland als einheimisch und als nicht gefährdet angesehen wird. Laut Bundesartenschutzgesetz ist er aber besonders geschützt. Immerhin hatte ich mit meiner Annahme, dass es sich um eine Gebirgspflanze handle, nicht ganz unrecht, da der Seidelbast mit Vorliebe im Alpenraum und in den Mittelgebirgen wurzelt. Floraweb bezeichnet den Duft des sommergrünen Strauches als „betäubend“ – diesen Sinneseindruck kann das Internet ja leider, oder glücklicherweise, noch nicht liefern.
Der Frühblüher beginnt schon im Februar mit dem meist dunkelrosa Blütenspektakel am Holz. Ab dem Sommer reifen die in der Regel knallroten beerenartigen Früchte. Nahezu alle Teile der Pflanze sind stark giftig, weshalb er oder seine Gartenvarianten in einem Garten, in dem sich Kinder aufhalten, am besten nichts verloren hat. Für Vögel allerdings ist er ein willkommener Nahrungslieferant.
Ungeachtet der Giftwirkung sollen die Bayern in früheren Zeiten auf die Wirkung der Inhaltsstoffe gesetzt haben, um die Hochzeitsnacht aufzupeppen – aber mit Umweg übers Tier. Angeblich sollen die Pferde der Hochzeitskutsche einige der giftigen Früchte bekommen haben, damit sie besonders lebhaft seien und das Brautpaar unter anderem mit Fruchtbarkeit gesegnet werde.
Schon seit der Antike soll der Strauch immer wieder Erwähnung bei der Heilung diverser Leiden gefunden haben. Seine Rinde soll „eines halben Quinteleins schwer“, die Wassersucht, Melancholie und Gelbsucht gewaltig austreiben, ist in einem Kräuterbuch von 1783 zu lesen. Darin ist auch beschrieben, wie die Rinde vorab behandelt werden müsse. „Das gedörrte Kraut davon, heilet die alten bösen Schäden, vertreibet und reiniget die Rißflecken des Angesichts“. Gegen Rheuma, Gicht und Syphilis wurde die Droge verabreicht und in Form von Umschlägen als Mittel zur Hautreizung genutzt. Die brennenden Schmerzen, die der Verzehr der Giftbeeren mit sich bringen soll, hat angeblich für den Trivialnamen Kellerhals gesorgt. Kellen oder keln soll im Mittelhochdeutschen als Quälen übersetzt werden. Heute soll der Seidelbast noch in Form von Homöopathie Anwendung finden.
Die Liste der volkstümlichen Namen des Seidelbastes ist lang. Im Buch der deutschen Volksnamen der Pflanzen von Prizel und Jessen aus dem Jahr 1882 sind unter anderem folgende Bezeichnungen aufgeführt: Brennwurz, Giftbäumli, Läusskraut, Menschendieb, Quälerhals et cetera.
Der offizielle deutsche Name Seidelbast leitet sich vermutlich vom Wort Zeidlerei ab. Als Zeideln wurde im Mittelalter das „Honigschneiden“, das Sammeln von Honig wilder Bienenvölker bezeichnet.
Der wissenschaftliche Gattungsname Daphne wird mit der antiken Mythologie in Verbindung gebracht. Demnach habe Apoll, auch Apollo oder Apollon, der Gott des Lichtes, die Bergnymphe Daphne erfolglos begehrt – letztendlich weil er sich mit dem Liebesgott Eros angelegt hatte. Daphne weiß sich schließlich nicht mehr zu helfen und bittet ihren Vater, ihre Gestalt umzuwandeln. Nein, sie wird nicht zur Kröte, sondern zu einem Strauch. Die Wandlung von Daphne wird beim römischen Dichter Ovid kurz nach Christi Geburt ungefähr so beschrieben: „Die weichen Brüste werden von zarter Rinde umschlossen, die Haare werden zu Laub, die Arme zu Ästen ...“ Wow. Aber eigentlich wird die Gutste zu einem Lorbeerstrauch – wohl aufgrund der Ähnlichkeit der Blätter heißt jetzt eben der Seidelbast Daphne, die Gattung der Lorbeeren heißt Laurus.
Dass der Seidelbast gegen Hexen wirken soll, schreibe ich jetzt lieber nicht. Sonst macht sich doch noch der eine oder andere auf den Weg gen Nussdorf und versucht, ein Zweiglein Seidelbast zu erhaschen.
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