Liebe Leser,
heute gibt es mal was ganz Putziges aus Wespenhand – oder eher aus Wespenmund. In Kleinglattbach wurden Miniaturtontöpfchen entdeckt, die von einem Insekt für den Nachwuchs gebaut werden. Diese Solitärwespe ist vor allem für Menschen mit Arachnophobie interessant.
„Als ich gestern die Schublade unseres Balkontisches öffnete, war ich sehr überrascht über die Kleinkunst aus Lehm im Inneren“, schrieb kürzlich Silke Faigle aus Kleinglattbach. An die E-Mail angehängt waren einige Fotos mit wirklich putzigen Objekten, die offensichtlich aus Lehm geformt waren.
„Natürlich war ich neugierig, was sich in den kleinen ‚Gefäßen‘ befindet und habe eines ohne Deckel halbiert und war erstaunt, als einige tote Spinnen herauspurzelten“, schreibt die Kleinglattbacherin weiter. Sie habe dann kurz gegoogelt und eine „gruselige Geschichte“ von einer Wegwespe, die in dieser Art ihr Gelege mit betäubten Spinnen versorge, gelesen. Faigle: „Fand ich sehr spannend, habe ich noch nie gesehen, ob es tatsächlich die Wegwespe ist? Oder eine andere Art?“ Die Töpfchen seien rund 2,5 Zentimeter groß.
Beim Kleinglattbacher Exemplar handelt es sich zwar nicht um eine Weg- aber um eine Grabwespe mit dem schönen Namen Orientalische Mörtelwespe – wissenschaftlich Sceliphron curvatum.
Die Insektenart sei ursprünglich in Indien, Pakistan und Nepal beheimatet gewesen, berichtet Dr. Gregor Schmitz, seines Zeichens Insektenkundler an der Universität Konstanz. Der Biologe bestätigt, nachdem er mit den Fotos aus Kleinglattbach beglückt worden ist, dass es sich um die von ihm Indische Töpferwespe genannte Sceliphron curvatum handelt.
Laut den „Thüringer Faunistischen Abhandlungen“ von Köhler et. al. aus dem Jahr 2014 tauchte das Tierchen 1979 erstmals in Europa, nämlich in der Steiermark in Österreich auf. Vermutlich reiste sie ganz bequem per Flugzeug auf den für sie neuen Kontinent. Eine Theorie geht davon aus, dass sie als Juvenilform in ihren Tonurnen an Luftfracht angehängt den neuen Lebensraum erreichte. Vom Flughafen Graz-Thalerhof in der Südsteiermark könnte sie dann ihre Ausbreitung gestartet haben. Inzwischen ist sie in mehr als einem Dutzend europäischer Länder entdeckt worden. 2002 wurde in Freiburg der erste Fund für Baden-Württemberg gemeldet.
Wie viele andere wärmeliebende Arten auch etablierte sie sich zunächst entlang der größeren Flussläufe und „wanderte“ so gen Norden. Das Insekt wird vor allem anhand der prägnanten Brutzellen entdeckt, die sich immer vor Regen geschützt, meist in Häusern an Büchern oder beispielsweise an Bilderrahmen aber auch an Vorhängen finden. In den amphorenartigen Behältnissen wächst jeweils eine Larve zum bis zu zwei Zentimeter großen erwachsenen Insekt heran. Diese Imagines haben einen gelb-braun bis gelb-rot gefärbten Hinterleib, der mit einem dünnen „Stab“ mit der Brust verbunden ist. Für den Menschen geht von der Solitärwespe keine Gefahr aus. Zum einen lebt sie nicht in großen Gemeinschaften, die sich dann zur Verteidigung zusammenrotten, wie das beispielsweise die Deutsche Wespe tut. Zudem vermag ihr Stachel die menschliche Haut kaum zu durchdringen, wie Biologe Gregor Schmitz schreibt.
Der Stachel wird vielmehr zur Lähmung der Beute eingesetzt. Hierfür müssen Spinnen herhalten, die in gelähmtem Zustand zum Nachwuchs in die Tonamphore gestopft werden. Dieser Vorrat reiche laut Schmitz genau aus. Die Jungwespe macht sich nach dem Öffnen des Amphorendeckels sogleich vom Acker.
Mit anderer, aber auch immobilisierter Nahrung, stellt die Delta-Wespe die Entwicklung des Nachwuchses sicher. Sie sei die einzige Art, mit der die Indische Töpferwespe bei uns verwechselt werden könne, sagt Schmitz. Zumindest im flugfähigen Stadium. Denn ihre Lehmbauten sehen eher so aus, als habe einer einen Lehmklumpen an die Wand geworfen. Bei ihr besteht der Proviant aus gelähmten Schmetterlingsraupen. Und sie ist als Vertreter der Gattung Delta aus der Familie der Faltenwespen gar nicht so nahe verwandt mit der Orientalischen Mörtelwespe, die zu einer ganz anderen Familie (Sphecidae) gehört.
Ganz ähnlich entzückende Tontöpfchen bauen allerdings heimische Verteter der Gattung Töpferwespen, wissenschaftlich Eumenes, die wiederum zu Familie der Faltenwespen gehören. Von ihnen gibt es in Deutschland sieben Arten und auch bei ihnen baut Frau Mama Tontöpfchen für den Nachwuchs, die sogar fast noch hübscher aussehen als die der Orientalischen Mörtelwespe. Und – richtig – auch die Tönnchenwegwespe aus der Familie der Wegwespen baut Tönnchen und befüllt sie mit Spinnen, denen aber meist die Beine abgetrennt werden. Die Tönnchen sehen etwas anders aus und sind nur rund einen Zentimeter groß.
Dem Menschen wird die Orientalische Mörtelwespe jedenfalls nicht gefährlich, höchstens lästig, wenn sie in unseren warmen und trockenen Behausungen ihre Kinderstuben baut. Ob sie heimischen Hautflüglern gefährlich werden kann, hat Johannes Gepp in der „Entomologica Austriaca 8/2003“ für Österreich untersucht.
Er nennt die Behausungen für den Nachwuchs übrigens wurstförmig und berichtet unter anderem, dass im Südosten Österreichs Wohnhäuser gebe, die mehr als 1000 Lehmtöpfe dieser Art beherbergen. Diese Lehmzellen würden in Batterien von bis zu 60 Stück beispielsweise auf Dachböden, aber auch in Wohnräumen abgelegt und blieben dort jahrelang erhalten. Die Lehmzellen seien mit durchschnittlich 15 Spinnen gefüllt, die der Wespenlarve als Nahrung dienen bis diese sich dann verpuppt. In einem Beitrag für das Biologiezentrum Linz beschreibt Gepp den Horror, den die armen Spinnen erleiden.
Ja, auch Spinnen sind bedauernswert. Sie müssen – bei lebendigem Leib eingemauert – wochenlang auf die Erlösung ihrer Qualen ausharren, also von Beginn der Lähmung bis zum Gefressenwerden. Aber, und das mag für auf gutes Aussehen bedachte Spinnen tröstlich sein, ihre bunte Färbung bleibe während dieser Phase des Wartens auf den Tod „erstaunlich frisch erhalten“, so der Autor. Für das Bauen von einem Tongefäß benötige die werdende Mutter bei guten Bedingungen nur eine Dreiviertelstunde und bis um die 15 Transportflüge mit Lehm. Entspricht das Gefäß dann weitestgehend ihren Vorstellungen wird das Ei abgelegt, mit Spinnen aufgefüllt und die Kammer, die sowohl als Grab als auch als Wiege dient, mit Lehm verschlossen.
Von Mai bis September findet man erwachsene Tiere, die sich rein vegetarisch von Nektar und Pollen ernähren. Das Jungvolk der Wespe überwintert geschützt im Tontöpfchen.
Für Menschen mit einer Arachnophobie, also der Angst vor Spinnen, könnte die Orientalische Mörtelwespe zum Lieblingstier avancieren. Und vegetarisch lebende Arachnophobiker schließen sie vielleicht ganz besonders in ihr Herz: Denn wenn die Mörtelwespe schon mal Fleisch isst, dann ausnahmslos Spinnen. Also: Schüsselchen mit Lehm aufstellen und hoffen, dass die Töpfchenbauer einziehen.
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