Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Sieht skurril aus und ist überraschend nützlich: Die Märzfliege sticht nicht, bestäubt Obstbäume, hilft bei der Humusentstehung und bringt vielleicht auch noch Glück.  Foto: Rücker

    Sieht skurril aus und ist überraschend nützlich: Die Märzfliege sticht nicht, bestäubt Obstbäume, hilft bei der Humusentstehung und bringt vielleicht auch noch Glück. Foto: Rücker

Liebe Leserinnen und Leser,

ein Insekt drängte sich neulich auf. Nicht um zu stechen, sondern eher aus Plumpheit. Mit scheinbar letzter Kraft hangelte es in einem Zweiglein herum. Es war vom Aussehen und Gehabe her eine Mischung aus schaurig-schön und albern. Wie sich herausstellte, gilt für die Märzfliege: mehr Sein als Schein.

Tiefschwarz, behaart und mit insgesamt etwas verschrobenem Aussehen landete die Märzfliege kürzlich ziemlich direkt neben meinem Kopf. Mit ungelenken Bewegungen, als wäre es volltrunken, versuchte sich das Insekt an einem Zweiglein festzukrallen. Insgesamt machte das Tier also nicht den allerbesten ersten Eindruck, doch damit tut man ihm unrecht. Sie sei ein „verkannter Nützling“ titelt zum Beispiel die Gartenakademie Rheinland-Pfalz zur Märzfliege. Auch im Flug wirkt sie nicht wirklich grazil und lässt die langen Beine, die bei der Landung im Zweig arg im Weg zu sein scheinen, einfach baumeln.

Für uns Menschen auch gut zu wissen: Sie kann nicht stechen.

Wirklich schön ist an ihr zumindest der wissenschaftliche Name: Bibio marci. Ansonsten trägt sie auch den Namen Markusfliege, weil sie anscheinend um den Markustag am morgigen 25. April besonders häufig in Schwärmen beobachtet werden kann. Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) berichtete im vergangenen Jahr gar von besorgten Anrufern am Gartentelefon, die Fragen zu den rund einen Zentimeter großen Insekten hatten, das sich in einem kurzen Zeitraum gerne in Schwärmen sehen lässt.

Genau genommen ist das Dasein der Märzfliege als geflügeltes Insekt auf einen kurzen Zeitraum begrenzt, dann kommt kurz nach der Paarung die Zeit zum Sterben. Doch der Nachwuchs überlebt, erst als Ei, dann als Larve, zumeist in den Tiefen der Laubstreu – aber nicht immer. „Nach starken Regenperioden im Herbst treten deshalb oft raupenähnliche Tiere in Massen im Bereich von Steinplatten oder gelagerten Hölzern auf. Diese Knäuel dunkler, beinloser Larven mit einer dunkelbraunen Kopfkapsel sind die Larven der Haarmücken“, informiert die LWG.

Meistens jedoch widmen sich die Larven dem Fressen von vermodernden Pflanzenteilen, womit sie zu einer guten Humusbildung beitragen. Nur in seltenen Fällen, wenn ihre Lebensumstände widrig sind, sollen sie sich am Wurzelwerk lebender Pflanzen vergreifen. Nennenswerte Schäden seien aber selten.

Doch zunächst nochmal zurück zum sogenannten adulten, also erwachsenen Tier. Diese schwingen sich nach der Verpuppung im Boden im Frühjahr in die Lüfte und haben Hunger. Das geflügelte Tier ernährt sich – zum Vorteil des Menschen und der Pflanze – von Pollen und Nektar und hilft so ganz nebenbei bei der Bestäubung vor allem von Obstgehölzen.

„Wir haben an unserem Gelände an der Versuchsstation für Spezialkulturen Wies beobachtet, dass erwachsene Märzfliegen Läuse fressen“, heißt es gar in den „Haidegger Perspektiven“ vom Amt der Steiermärkischen Landesregierung. Ihre präferierte Nahrung stelle allerdings Nektar und Pflanzensaft dar. Sie spiele daher eine bedeutende Rolle bei der Bestäubung, weil sie auch bei regnerischem Wetter die Blüten besuche. Außerdem freut sich bestimmt auch die Vogelwelt über diesen haarigen Eiweißhappen so früh im Jahr.

Der Hochzeitstanz beginnt in der Luft und endet mit der Eiablage im lockeren Boden. Als Hilfe beim Graben nutzt die werdende Märzfliegenmutter ihre Dornen an den „Schienbeinen“ der Vorderbeine, die sie auch im untenstehenden Bild beim vermeintlichen Winkewinke schön zeigt. Dass es ein Weibchen ist, erkennt man an dem im Vergleich zum Männchen kleineren Kopf und den kleineren Augen.

Die Überwinterung der geschlüpften Larven erfolgt schließlich in Bodentiefen von bis zu zehn Zentimetern. „Um möglichen Schaden im Garten zu verhindern, können Sie ein Zuviel an Larven aufsammeln, wenn sie in Haufen aus der Erde kommen“, schreibt die LWG aufmunternd. Das massenhafte Vorkommen dieser Larven kann in der Tat etwas verstörend aussehen.

Die Märzfliege zählt verwirrenderweise im zoologischen System in der Ordnung der Zweiflügler nicht zur Unterordnung der Fliegen, sondern der Unterordnung Mücken. Deren Vertreter dürften den meisten als Plagegeister in Form von Stechmücken bekannt sein. Meist handelt es sich um zartgebaute Wesen, die laut sirrend unser Blut saugen möchten – zumindest die Weibchen. Zu den Fliegen dagegen zählen beispielsweise unsere dicken Brummer in Form der Stubenfliege.

Die Märzfliege gehört zur Familie der Haarmücken, von denen rund 50 Arten in Europa beheimatet sind. Sie ist anscheinend auch Fliegenfischern ein Begriff. Weil sie so behäbig ist, kann sie durch eine leichte Brise auf ein Gewässer getragen werden und ist dort den Fischen somit als Leckerbissen bekannt. Mit Samtfäden, Rehhaar, Fasanenfedern und weiteren Utensilien kann hier der geneigte und feinmotorisch begabte Fliegenfischer einen lohnenden Köder für Forelle und Co. binden.

Beim Museum für Naturkunde ist der Kriminalbiologe Marc Benecke Pate des Insektenkastens der Märzfliege, Bibio marci. „Bibio marci begleitet mich schon lange. Ich habe früher im Institut für Zoologie der Universität Köln gearbeitet, gegenüber lag ein uralter Friedhof, auf dem ich öfters spazieren ging. Dort flogen im Frühjahr seltsame Wesen herum, völlig abgefahrene Tiere, mit Augen, die wie bepelzt aussahen“, ist auf seiner Homepage in den Geschichten aus dem Naturkundemuseum Berlin zu erfahren. Es waren Märzfliegen und bei seinen stillen Exkursen habe er die Tiere liebgewonnen.

Kriminalbiologe Benecke findet Insekten einfach nur super, aber eine Insektenart mag er besonders: „Am coolsten von allen aber ist Bibio marci: Diese Mücke sirrt nicht, sie sticht nicht und ist immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Für mich ist sie ein Glücksbringer.“

Wer also demnächst Massen von Märzfliegen oder einzelne Exemplare sieht, kann sich freuen und entspannt auf sein Glück warten. Noch bis Juni dauert die Flugzeit dieser Fliege, ... äh ... Mücke, also des Insekts halt.

Was ihr beim hiesigen Viertelesschlotzer noch zusätzliche Pluspunkte verschaffen dürfte: Ihr wissenschaftlicher Gattungsname Bibio bedeutet laut spektrum.de: „Ein vermeintlich im Wein entstehendes Insekt, eigentlich Trinker.“ Na dann Prost.

Anregungen zur Serie per E-Mail an

s.ruecker@vkz.de

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