Phänomene der Natur
Phänomene der Natur
Liebe Leser,
es ist mal wieder unvorstellbar, aber anscheinend wahr: Wir haben uns an dieser Stelle noch nicht näher mit den Schwertlilien befasst. Zum Glück gibt es aufmerksame Leser wie Rudi Thalhäuser aus Gündelbach.
„Ich finde es einfach schön, wenn bei uns in den Weinbergen die Schwertlilien blühen“, schrieb Thalhäuser neulich und schickte ein Foto aus dem schönen Gündelbach mit. Wie, was, Schwertlilien und Weinberg? In meinem Bewusstsein ist die Schwertlilie vor allem gelbblühend und an Gewässer gebunden. Aber wie eigentlich immer hat der Gündelbacher recht, denn es handelt sich um die Deutsche Schwertlilie, wissenschaftlich Iris germanica. Und zu eben jener schreibt die Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg: „Typisch für die heimischen Weinberge sind die Deutschen Schwertlilien, die 30 bis 80 Zentimeter hoch wachsen können und außen dunkelviolett und innen hellviolett sind.“
Schon in der Antike habe sich die Staude „wegen ihres stattlichen Wuchses, der iridiserenden Farben ihrer samtigen Blüte und der Heilkraft ihrer aromatischen Wurzel“ besonderer Beachtung erfreut, ist dem Internetauftritt des Klosters Amelungsborn zu entnehmen. Im Mittelmeerraum ist dann auch die ursprüngliche Heimat der Deutschen Schwertlilie zu suchen.
Die Pflanzengattung verdankt ihren Namen einer antiken Berühmtheit, der griechischen Regenbogengöttin Iris. Immerhin rund 250 Arten und obendrein zahllose Züchtungen gibt es von der blühenden Schönheit über den Globus verteilt.
Schon die alten Griechen und Römer nutzten die nach Veilchen duftenden Wurzelstöcke der Iris, um ihren Wein zu würzen. „Die medizinischen Anwendung der Irissalben und -öle reichte von Husten- und Durchfallbekämpfung über Empfängnisverhütung bis zur allgemeinen Schmerzbehandlung. Noch heute gelten Schwertlilienextrakte als probate Brech- und Abführmittel. Sie werden auch bei industriell hergestellten Zahnpflegemitteln, in Parfüms, Likören (Danziger Goldwasser) und Tabakmischungen verwendet“, schreibt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu).
Die Mehrheit der Iris-Arten bevorzuge trockene Standorte zum Wachsen und Gedeihen, schreibt der Nabu weiter. Die in Deutschland vorkommenden trockenheits- und wärmeliebenden Schwertlilienarten seien wohl sämtlich Gartenflüchtlinge – wenn auch teils schon seit Jahrhunderten eingebürgert. Dazu zählt laut den Naturschützern die an Weinbergsmauern wachsende Bunte Schwertlilie (Iris variegata), die Gras-Schwertlilie (Iris graminea), die Holunder-Schwertlilie (Iris sambucina) und eben die Deutsche Schwertlilie (Iris germanica) sowie Bastarde aus diesen Arten.
Iris germanica jedenfalls hatte es schon im achten Jahrhundert nach Christi auf die Pflanzenliste Karls des Großen geschafft. Der Herrscher wies damit an, diese Pflanzenart in all seinen kaiserlichen Gütern anzubauen. Die Blume dürfte sich also viele Jahrhunderte rund um alte Gemäuern herum etabliert und von dort aus ihren Siegeszug in „normale“ Gärten gestartet haben. Sie wird auch als Burgenpflanze bezeichnet, dort wurde sie anno dunnemals anscheinend zur Feindabwehr angepflanzt.
Den Siegeszug als Zierpflanze startete sie im 16. Jahrhundert. Im Neckarland der Neuzeit bilden die zwei verwilderten Schwertlilienarten Deutsche Schwertlilie und Holunder-Schwertlilie Iris sambucina „einen besonderen Schmuck der Weinberg-Steppenheide“, schreibt Dr. h. c. Otto Linckh in „Der Weinberg als Lebensraum“. Zu lesen ist das auf der Homepage des Roßwager Heimatvereins Backhäusle.
Die zwei ursprünglich mediterranen Arten hätten sich mit ihren fleischigen, wasserspeichernden Grundachsen im trockenen Steppenheide-Areal des Weinbergs eingebürgert.
Die Deutsche Schwertlilie kann bis zu 80 Zentimeter hoch wachsen und erfreut von Mai bis Juni mit ihrer Blüte, welche auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu durchschauen ist. Die Schwertlilien, von denen nur rund eine Handvoll Arten als heimisch gelten, können einem schon etwas Kopfzerbrechen bereiten.
Wo ist eigentlich was bei der Blüte, die sich in drei Blumen aufteilt? Wie das Foto von Rudi Thalhäuser zeigt, sieht man von Staubblättern oder Griffeln erst mal nix. Das ist bei der Deutschen Schwertlilie insofern unbedenklich, als dass diese Irisart sich durch ihre unterirdischen Sproßachsen, die Rhizome, und somit ungeschlechtlich, fortpflanzt. Ansonsten handelt es sich bei dem gelb gefärbten Bart auf den Hängeblättern um Härchen, die bei der Bestäubung höchsten zur Anlockung der Insekten dienen. Das Staubblatt liegt den Hängeblättern gegenüber direkt am Griffelbblatt mit sogenannten Narbenlappen – also irgendwie so und von außen erst mal nicht zu sehen. Für Insekten, vor allem dickere Brummer, aber unwiderstehlich, da unten in der verwachsenen Blütenkrone Nektar wartet.
Eine Besonderheit sind auch die namengebenden Schwertblätter. „Die Blätter sind ein beliebtes Kursobjekt in der botanischen Lehre“, ist im Jahrbuch des Bochumer Botanischen Vereins zu lesen. Letztendlich entstehe dieses Schwertblatt „durch eine starke Förderung der Blattunterseite, die das Wachstum der Blattoberseite weit übertrifft.“ Von außen sei letztendlich nur die Blattunterseite zu sehen.
Im Wollmatinger Ried bei Konstanz lockt voraussichtlich ab Ende Mai ein blaues Blütenmeer aus Zehntausenden Sibirischen Schwertlilien, Iris sibirica. Sie liebt es schön nass und fühlt sich auf hin und wieder überschwemmten Böden wohl. Wer sich dieses Naturspektakel anschauen mag, kann sich unter www.nabu-wollmatingerried.de informieren. Ebenfalls schön feucht mag es die gelbe Sumpfschwertlilie, Iris pseudoarcorus. Übrigens sind die Schwertlilien zwar mit den Lilien in der Gruppe der Einkeimblättrigen vereint, ansonsten aber nicht näher verwandt.
Schwertlilien können schon als Gärtners Liebling bezeichnet werden. Ein besonders überzeugendes Argument ist aus meiner Sicht, dass sie „im Garten recht unproblematische Gäste sind“, wie der Nabu schreibt. Natürlich sollte man auf keinen Fall Blumen aus der Natur entwenden. Denn die heimischen Wildformen sind mindestens alle besonders geschützt, die Sibirsche Schwertlilie gilt zum Beispiel zudem auf der Roten Liste als stark gefährdet.
Das braucht den Blumenfreund nicht grämen, denn der Gartenfachhandel bietet zahllose Varianten an. Es scheint hier nicht die Gefahr zu bestehen, verbotene Wildsammlungsexemplare wie beispielsweise beim Schneeglöckchen zu kaufen – zumindest habe ich keine Hinweise darauf gefunden. Iris seien vielgestaltig und in einer unglaublichen Farbenvielfalt erhältlich, argumentierte der Bund deutscher Staudengärtner im vergangenen Jahr, als er die Schwertlilie zur Staude des Jahres erkoren hatte.
Nach einigen Jahren im Garten sollten die Rhizome der Pflanzen Ende August geteilt werden. Nach wenigen Tagen Trockenzeit können die rund fingerlangen Stücke wieder eingepflanzt werden. Dann blüht Ihnen wieder richtig was im nächsten Jahr.
Passen Sie allerdings bitte auf, falls Ihre Liebste Iris heißt. Geraten Sie bitte nie in die Versuchung, Ihren Schatz „Meine süße Bart-Iris“ oder so zu nennen. Das wäre bestimmt lieb gemeint, könnte aber für ernsthafte Verstimmungen sorgen.
Im schlimmsten Fall blüht Ihnen dann noch ganz was anderes als bloß die Iris im Garten.
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de.

![Die Deutsche Schwertlilie, [[em]]Iris germanica[[/em]], fühlt sich im Weinberg wohl. Foto: Thalhäuser Die Deutsche Schwertlilie, [[em]]Iris germanica[[/em]], fühlt sich im Weinberg wohl. Foto: Thalhäuser](/fileadmin/_processed_/1/5/csm_fe93e548-3bd7-498e-b624-47dda86cd38a_0e247796d0.jpg)
