Liebe Leser,
erneut kann ich von meinem Glück berichten. Bei der Recherche für die vergangene Phänomene-Folge stolperte ich über die Wildbiene des Jahres 2017. Und was soll ich Ihnen sagen: Dann flog sie mir in Aurich auch noch vor die Linse.
Da haut’s einen doch fast um: Es gibt Insekten, die einen auf dicke Hose machen. Damit nicht genug: Sie tragen auch noch einen besonderen Titel und als Markenzeichen gelten ihre roten Hosen. Es ist die Knautien-Sandbiene, die neulich auf der namengebenden Blüte einer Knautie, also Witwenblume, herumturnte. Als zuverlässige Bestimmungshilfe gelten dabei eben jene roten Hosen. An den Hinterbeinen tragen die rund eineinhalb Zentimeter großen Weibchen Sammeltaschen aus langen Haaren. Da sie in erster Linie an der Wiesen-Witwenblume, wissenschaftlich Knautia arvensis, Pollen sammelt, färben sich diese „Höschen“ durch den rötlichen Pollen ebenso. Für das Erkennen der Knautien-Sandbiene ist deshalb die Fundblüte eine große Hilfe: Es wird eben fast ausschließlich an der Witwenblume (Knautie) genascht.
Das Weibchen hat nach einer erfolgreichen Sammeltour die Hosen sozusagen derart voll hat, dass es gar nicht mehr richtig über die Blüte laufen kann. .
Überhaupt sind zumindest die Weibchen der Knautien-Wildbiene, wissenschaftlich Andrena hattorfiana, recht farbenfrohe Geschöpfe. Bei ihnen ist der Hinterleib in der Regel rot gefärbt und mit je einem schwarzen Punkt an den Flanken auf Segment zwei und drei verziert. Die Männchen sind schlanker – eine Ungerechtigkeit der Natur – dafür in der Regel aber in dunkler Farbe gehalten. Ätsch.
Laut dem Deutschen Bienenjournal gehört die Knautien-Sandbiene bei uns zu den 134 Bienenarten, die für die Aufzucht des Nachwuchses auf den Blütenpollen ganz bestimmter Pflanzenarten angewiesen sind – hier eben der hübschen Wiesen-Witwenblume. Die Flugzeit beginnt Ende Mai/Anfang Juni, dann steigen die geflügelten Insekten aus der Erde empor. Denn dort hat sie die treusorgende Mutter im Jahr zuvor deponiert – als Ei, mitsamt dem Proviant aus Pollen der Knautie und Nektar. Das Sandbienenweibchen gräbt das Nest selbst an einer schütter bewachsenen Stelle in den Boden. Das Nest besteht aus einem Hauptgang, von dem wiederum einige Seitengänge abzweigen.
Am Ende dieser Gänge legt das Weibchen eine Brutzelle an, in die es den rötlich gefärbten Larvenvorrat aus dem Pollen der Knautie und Nektar einträgt. Der Nesteingang ist ein unauffälliges Loch im Boden und wird nach der Versorgung der Brutzellen vom Weibchen mit einem Pfropfen aus Erde und Körpersekreten verschlossen.
Dort könnte sich das Jungvolk in aller Ruhe entwickeln, würden nicht einige Gefahren lauern. Unter anderem werden die Nester der Knautien-Sandbiene von einem „Kuckuck“ belagert, wie der Flyer zur Wildbiene des Jahres verrät. Die Bedornte Wespenbiene, wissenschaftlich Nomada armata, schmuggle demnach ein Ei in eine Brutkammer der Sandbiene. Die frisch geschlüpfte Larve dieses Eindringlings sauge dann das Ei der „rechtmäßigen“ Nestinhaberin aus und ernährt sich von den Vorräten, die die Knautien-Sandbiene für den eigenen Nachwuchs eingetragen hat. „Erstaunlicherweise lebt rund ein Viertel unserer Wildbienen ein solches Leben als Kuckuck – auf Kosten der jeweiligen Wirtsbiene. Die Bedornte Wespenbiene lebt ausschließlich bei der Knautien-Sandbiene, sodass hier, ausgehend von der Knautie, sehr enge und empfindliche Abhängigkeiten bestehen“, so das Infoblatt weiter. Außerdem sind Krabbenspinnen, die in den Blütenständen der Knautien lauern, auch scharf auf die diesjährige Würdenträgerin. „Die Knautien-Sandbiene fällt diesem Räuber gelegentlich zum Opfer“, informiert das Faltblatt. Das allein ist aber nicht der Grund dafür, weshalb diese Wildbienenart in Deutschland als gefährdet gilt.
Zwar sei die Wiesen-Witwenblume in Deutschland verbreitet, doch hätten ihre Vorkommen in den vergangenen Jahrzehnten rapide abgenommen. Durch fortschreitenden Umbruch der Wiesen in Ackerland, die starke Düngung und häufige Mahd der noch verbliebenen Wiesen ist die Wiesen-Knautie massiv zurückgedrängt worden, meldet das Kuratorium für die Wildbiene
. Das lässt natürlich auch den Bestand der Knautien-Sandbiene schrumpfen. Auch die von ihr abhängige Kuckucksbiene gilt als gefährdet. Zudem seien Straßen- und Wegränder aufgrund der häufigen Mulch-Mahd extrem an Blüten verarmt, mahnt das Expertenkomitee. Damit gehe vielerorts die einzige Nahrungsquelle der Knautien-Sandbiene verloren. Deshalb wird die Art in der Roten Liste der Wildbienen Deutschlands als gefährdet (Kategorie 3) eingestuft.
Damit teilt sie das Schicksal von vielen der derzeit 585 für Deutschland nachgewiesenen Wildbienenarten, von denen die meisten als Einzelgänger leben. Gut die Hälfte dieser Arten gilt als mehr oder weniger stark gefährdet, dabei wird ihnen eine beachtliche Bestäubungsleistung auch unserer Kulturpflanzen zugesprochen.
Um der Knautien-Sandbiene zu helfen, sei es dringend notwendig, Wiesen mit der Knautie durch die traditionelle ein- bis zweimalige Mahd pro Jahr langfristig zu erhalten. Die gezielte Aussaat der Wiesen-Knautie in Blühmischungen aus gebiets-heimischem Saatgut und auch das Einpflanzen angezogener Witwenblumen seien wirksame Beiträge zur Förderung der Wildbiene des Jahres, gerne auch im Siedlungsraum.
Auserkoren wurde dieses Tierchen vom Kuratorium „Wildbiene des Jahres“, dem Experten unter anderem der Uni Ulm und des Nabu angehören. Seit 2013 wählt dieses Kuratorium jährlich eine besonders interessante Wildbienenart aus, um an ihrem Beispiel die spannende Welt der Wildbienen bekannter zu machen. Wildbienen sind für den Menschen ungeheuer nützlichen und in der Regel völlig ungefährliche Tiere. Zugleich soll die Wildbiene des Jahres dazu ermuntern, in die Natur zu gehen und das Tier in seinem Lebensraum aufzusuchen. Damit wirke die Initiative auch im Sinne einer Wissenschaft für alle (citizen science) und bringe mehr Klarheit über das aktuelle Vorkommen der Wildbiene des Jahres, wirbt das Faltblatt. Im Internet unter www.wildbienen-kataster.de kann man seine Knautien-Sandbienensichtungen in die Kartierung eintragen. Keine Sorge, ich hab’s auch geschafft – fast, nur das Datum, hat’s nicht angenommen.
„Gehen wir also auf die Suche nach der Wildbiene des Jahres, lernen wir ihren Lebensraum kennen und kümmern wir uns um ihren Schutz!“, ermuntert der Flyer, der unter anderem vom Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart und der Landesanstalt für Bienenkunde sowie dem Wildbienen-Kataster gezeichnet ist.
Die Witwenblume gedeiht schon in meinem Hausgarten. Fehlt nur noch die Sandbiene zu meinem Glück. Da ruf ich ihr mal frohen Mutes zu:
„Wildbienchen lass dich ruhig hier nieder, dann sing ich dir und deinen roten Hosen, auch Lieder von den Toten Hosen.“
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de


