Liebe Leser,
wer ein Haustier besitzt, muss in der Regel mit dessen geringerer Lebenserwartung klarkommen. Wir mussten jetzt von unserem Haushund Bruno Abschied nehmen.
Mischlingsrüde Bruno hat in der VKZ unfreiwillig eine gewisse Berühmtheit erlangt. Dafür konnte er nichts, er hatte einfach das Glück oder Pech, im Journalistenhaushalt zu leben. So spielte er unter anderem neben Redaktionsleiter Uwe Bögel vor drei Jahren an dieser Stelle unter dem Titel „Alternde Männchen in den Bergen“ die Hauptrolle. In der vergangenen Woche verbrachte nur noch ein alterndes Männchen (Bögel) und ein alterndes Weibchen (Rücker) die Ferientage im schönen Leutaschtal. Zwei Tage vor dem Start in die Berge mussten wir Abschied nehmen von unserem Vierbeiner, der zwölf Jahre lang das Leben deutlich mitgeprägt hat.
Die Auswahl der Urlaubsorte war beispielsweise immer auf den Hund zugeschnitten – die Minimalanforderung war, dass Bruno sich einigermaßen wohlfühlen musste. Dabei galt es, die Aversionen des schwarz-weißen Rüde möglichst zu beachten. Das wiederum bedeutete, dass weder Menschenansammlungen – in Brunos Welt zwei Personen und mehr – und Fahrradfahrer möglichst nicht im Urlaub vorkommen durften. Deshalb war das österreichische Leutaschtal außerhalb der Saison das Domizil für die Entspannung, bot es doch ruhige Wege und schöne Natur für Herrchen, Frauchen und Hund.
In diesem Jahr nun flossen an der plätschernden Leutascher Ache auch etliche Tränen, denn unser Vierbeiner war nicht mehr dabei. Darf man in Zeiten, in denen so viele Menschen gewaltsam sterben, in denen Grausamkeiten aller Art die Medien füllen, seinen Hund beweinen?
Ich mag nicht beurteilen, ob sich das ziemt, aber ich kann es eh nicht ändern. Wer sein Herz an ein Haustier verloren hat, weiß, wovon die Rede ist. Egal ob das Tierchen mit Fell, Federn oder Schuppen durchs Leben wandelt.
Mehr als 4,6 Milliarden Euro haben die Deutschen laut einer Statistik des Industrieverbands Heimtierbedarf und des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe im vergangenen Jahr für Nahrung und Zubehör für ihre tierischen Lieblinge ausgegeben. Der Welthungerhilfe standen im gleichen Zeitraum 263,9 Millionen Euro uns für den Einsatz gegen Hunger und Armut zur Verfügung. Ich würde sagen, bei dieser Zahl ist noch viel Luft nach oben.
31,6 Millionen Heimtiere – ohne Zierfische und Terrarientiere – leben demnach in der Bundesrepublik in Haushalten und somit in 44 Prozent. An der Beliebtheitsskala ganz oben steht die Katze mit 13,4 Millionen Vertretern, die in 22 Prozent der Haushalte mitregieren. 8,6 Millionen Hunde komplettieren 17 Prozent der deutschen Haushalte, hinzu kommen fünf Millionen Kleintiere, Fische in Gartenteichen, Aquarien, Tiere in Terrarien und 4,6 Millionen Ziervögel.
Wie Forscher herausgefunden haben, hat der Mensch von Kindesbeinen an ein Faible fürs Lebendige. Besonders – aber nicht nur – niedliche Vierbeiner mit Kindchenschema regen Regionen im Menschenhirn an, die es nahezu unmöglich machen, dem Reiz des Niedlichen zu widerstehen.
Grundsätzlich scheint dem menschlichen Wesen jedoch eine Liebe zur Lebewelt innezuwohnen. Dies wurde unter dem Begriff Biophilie, Liebe des Lebendigen, unter anderem vom Biologen Edward O. Wilson beschrieben. Patienten in Krankenzimmern mit Blick aufs Grüne sollen zum Beispiel besser genesen als solche, die durchs Fenster nur Beton erblicken.
„Haustiere sind Ausdruck einer Sehnsucht nach der Natur. Sie sind nicht etwa ein ruhmreiches Extra im Leben, sondern Kompensation für etwas, das wir verzweifelt vermissen.“ Mit diesen Worten zitiert die Uni Marburg den Humanökologen Paul Shepard. Ach Bruno, jetzt vermiss ich die Natur und dich. Gute Güte, was fehlt dieser Hund! Dabei war er keineswegs ein Ausbund an Lebensfreude. Vielmehr hing ihm eine gewisse Schwermut an, die sich jedoch überraschenderweise nicht auf seine zweibeinige Familie übertrug. Vielmehr wurde der eher bedächtige Vierbeiner fast schon bejubelt, sobald er irgendwo seinen ergrauten Kopf hineinstreckte. Kurz und gut: Wir haben ihn geliebt, und er uns vielleicht auch.
Herrchen stand besonders hoch im Kurs, unter anderem weil er fürs Futter zuständig war. Der Sohn musste bei Aktivitätsattacken als Spielgefährte herhalten und die Tochter lehrte sogar unserem Seniorenhund noch kleine Kunststückchen, die Grips erforderten und die Gelenke schonten. Und ich war vor allem die, mit der unser 33-Kilogramm-Vierbeiner morgens um Aurich herumlaufen musste.
Sogar am Tag seines Ablebens schaffte er das ohne außerordentliche Schwierigkeiten. Abends wollte er dann mit uns allen gemeinsam Essen gehen – eine Vorliebe, die er erst in reifen Jahren entwickelt hatte.
So war er vor gut zwei Wochen auch dabei und nahm von Herrchen gerne Rostbratenstücke entgegen. Als wir uns in der Gaststätte vom Tisch erhoben, blieb Bruno liegen. Da war klar, dass irgendwas gar nicht in Ordnung war. Wie konsultierten sofort den Tierarzt. Durch unglückliche Umstände wurde erst nachts in der Tierklinik die Dimension deutlich: Krebsgeschwüre an diversen Organen, darunter das Herz, Perforation eines Tumors, Flüssigkeitsmassen im Bauchraum und Herzbeutel. Die Prognose war niederschmetternd und es ging ihm so schlecht, dass das „schmerzfreie Einschläfern“ für uns in der Tat alternativlos war.
Auch wenn nicht alles optimal lief, weil es das perfekte Sterben vielleicht einfach nicht gibt, bleibt der Trost, dass er in Menschenjahren rund 87 Lebensjahre auf dem Buckel hatte, dafür ziemlich fit war und wir bis zum letzten Moment an seiner Seite waren. Und, dass er zu Lebzeiten gut behütet wurde. Die Tatsache, dass Haustiere unsere Schutzbefohlenen sind, macht den Abschied möglicherweise besonders schwer.
Was soll jetzt passieren mit unserem Hundchen? Einfach in die Tierverwertung geben lassen stand außer Frage. Mitnehmen allerdings auch. Das Beerdigen von Haustieren ist auf Privatgrund in der Regel erlaubt, jedoch nicht im Wasserschutzgebiet und in unmittelbarer Nähe von Wegen und Plätzen. Vor allem bei größeren Hunden sollten sich Tierhalter jedoch zuvor bei ihrer Gemeinde informieren. Die Erdschicht über dem toten Haustier sollte laut Gesetzesvorgabe mindestens 50 Zentimeter betragen. Wer sollte nun ein solches Loch in die betonartige Auricher Erde hacken? Wir entscheiden uns für eine Einäscherung ...
Wie Bruno in unser Leben trat? Nach einem Bericht über Hunde in der Obhut der Freunde der Tiere in Ensingen 2005 ging ich nochmal hin. Nur so zum Gucken. Hahaha. Der vier Monate alte Mischling bewahrte uns fortan ein Stück weit vor der eigenen Dummheit und der Gedankenlosigkeit der eigenen Spezies. Denn durch sein scheues Wesen mieden auch wir Ansammlungen, Events sowie Bergbahnen, Städte und vieles, was wirklich oder vermeintlich Spaß macht.
Dieses Jahr konnten wir nun im Urlaub durch die Geisterklamm laufen, in der eine Familie ihren Hund kilometerweit über Metallgitter führte. Dumm. Ich konnte auch erstmals im Bergsee schwimmen, in dem ein Vater sein Kleinkind viele, viele Minuten bis zum Hals ins kalte Wasser hielt – bei ihm wurden nur die Beine kalt. Dumm. Dumm auch von mir, dass ich dachte, ich könnte einfach so mit einer kleinen, vollen Seilbahngondel fahren. Nach der Abfahrt durfte ich erst mal eine aufkommende Panikattacke niederringen. Bruno, wo bist Du, rette mich vor den echten und vermeintlichen Freuden des Freizeitgeschehens!
Die Kinder ziehen aus, der Hund verstirbt, die oft herbeigesehnte Ruhe kehrt ein. Mal sehen, ob das auszuhalten ist. Oder ob sich, frei nach Loriot, die Erkenntnis durchsetzt: Ein Leben ohne Hund ist möglich, aber sinnlos.
Übrigens wird die Asche unseres Gefährten demnächst so im Garten begraben, dass er nach wie vor die Nachbarn im Blick hat.
Tschüss Bruno, du warst der Beste!
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