Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Der leider tote Nashornkäfer wurde in Aurich bei einer Putzaktion entdeckt.  Foto: Rücker

    Der leider tote Nashornkäfer wurde in Aurich bei einer Putzaktion entdeckt. Foto: Rücker

Liebe Leser, eigentlich sollte es heute an dieser Stelle um das spannende Thema Power-to-X und Energieträger gehen. Dann kam vorgestern der Nashornkäfer dazwischen – zwar tot, aber trotzdem ziemlich beeindruckend. Was macht man, wenn man einige Tage frei hat? Richtig: putzen. In Anbetracht des fortgeschrittenen Lebensalters der Schreiberin und der ökologischen Ausrichtung selbiger gestaltet sich das mitunter als kurzes Intermezzo. So geschehen vorgestern, als ich dem Moosbiotop auf einigen Terrassenplatten den Garaus machen wollte. Mit Muskelkraft und Schrubber ging es der Moosgesellschaft an den Kragen – aber nicht allzu lang, da sowohl Kraft als auch Lust relativ schnell nachließen. Das Ergebnis sieht entsprechend aus, aber das weiß ja zum Glück niemand. Jedenfalls wurde der alte Schrubber wieder in die Waschküche verfrachtet und beim Hochlaufen der Außentreppe zum Garten sah ich unten auf dem algenbedeckten Absatz (das nächste Schrubbprojekt) etwas Rotbraunes liegen. Was macht die Eichel da?, war der erste Gedanke beim Aufheben gefolgt von: heiliger Strohsack, ein Nashornkäfer! Der ist mir noch nie untergekommen und unseren Lesern vermutlich auch nicht, denn ich kann mich weder an ein Exemplar noch an Fotos von diesem großen Insekt erinnern, die mal in der Redaktion gelandet wären. Der Prachtbursche, der sich im Dunkel des Treppenaufgangs befand, ist bestimmt vier Zentimeter lang und auch für Käfer-Laien ganz einfach am namengebenden Horn auf dem Kopf zu erkennen. Wobei es mit dem Mondhornkäfer, wissenschaftlich Copris lunaris, zwar eine ähnliche heimische Art gibt, die allerdings nicht so groß wird und deutliche Streifen auf den Flügeldecken hat. Unsere Käfer-Wuchtbrumme aus Aurich verrät noch mehr über sich: zum einen, dass er ein Männchen ist, da die Weibchen kein derartiges „Nashorn“ haben. Zum anderen, dass er tot ist. Denn bei dem Versuch, ihn von seinem dunklen Verlies in den Sonnenschein zu tragen, in der Hoffnung, er sei nur schwach und unterkühlt, fiel dem Käfer einfach der Kopf ab. Zuerst dachte ich, ein Nashornkäfer, egal ob tot oder lebendig, sei die absolute superduper Sensation. So ist es aber gar nicht. Oryctes nasicornis wie der Käfer wissenschaftlich heißt – wie süß! – hat sich anscheinend von den Roten Listen der bedrohten Arten heruntergearbeitet. Das hat er seiner Anpassungsfähigkeit und uns Menschen zu verdanken. Ja, das ist die gute Nachricht des Tages, auch wir Menschen haben es mal einer Tierart leichter gemacht, zu überleben. Obendrein gibt es noch eine zweite gute Nachricht des Tages, die der Industrieverband Agrar komprimiert in einer Artikelüberschrift zusammenfasst: „Imposant und gar nicht schädlich: Nashornkäfer bereichern die Gartenfauna.“ Der Gute knabbert nämlich kein frisches Pflanzengrün und auch sonst keine Dachbalken oder sonstige geliebten Dinge an. Ursprünglich war der Vertreter aus der Familie der Scarabaeidae, der Blatthornkäfer, vermutlich eher im mediterranen Süden beheimatet. Dort mümmelte er sich, bevor er als geflügelter Kerf in die Lüfte emporstieg, als Engerling jahrelang durch alten Holzmulm dicker Bäume. Inzwischen liebt er organisches, faserreiches Substrat, das der Mensch bei seinen Tätigkeiten anhäuft. Und jetzt halten Sie sich fest: Das erste derartige Material war vermutlich die Eichenlohe der Gerberei. Lohe wird die für die Gerberei verwendete Rinde, zumeist von jungen Eichen und Fichten, genannt, die in einer Lohmühle zerkleinert wurde. Das ist der Website der Stadt Vaihingen zu entnehmen, die als alte Gerberstadt ein Eldorado für Nashornkäfer gewesen sein musste. In der Zeitschrift „Entomologische Nachrichten und Berichte“ schreibt der Autor Horst Ansorge, dass „Oryctes nasicornis in großen Mengen in verbrauchter Gerberlohe festgestellt werden konnte, die kurz nach 1385 als Füllmaterial auf den Gewölbekappen des Stralsunder Rathauses verbaut worden war. Dieser mittelalterliche Nachweis belege, dass der Nashornkäfer viel früher als bisher angenommen als Kulturfolger von Rotgerbereien auftauchte“. Vielleicht können sich Ur-Vaihinger zumindest aus Erzählungen ihrer Vorfahren noch an den Nashornkäfer als Begleiter erinnern? Heute leben die Juvenilformen des Käfers auch gerne in Komposthäufen und teils in Häckselplätzen. So führte vor einigen Jahren das Vorkommen von Oryctes nasicornis auf dem Flachter Häckselplatz zu besonderen Bemühungen. Zwar sollte der Platz des Weissacher Ortsteils geschlossen werden, jedoch fand man einige Refugien, in denen sich die Larven weiterhin in Ruhe entwickeln könne. Sein Leben startet der große Käfer als Ei in einem zellulosereichen Haufen, in dem er bis zu fünf Jahre als bis zu zwölf Zentimeter großer Engerling verbringt. Im Dunkeln frisst er sich durch den eigentlich unverdaulichen Stoff aus dem die Pflanzenfasern sind. Als Gehilfen trägt er Bakterien in seinem Verdauungsapparat, die unter Abwesenheit von Sauerstoff die Zellulose verstoffwechseln. Der Nashornkäfer ernährt sich hingegen auch von seinen kleinen Helferchen, den Bakterien, die er undankbarerweise teils verdaut. Hat er schließlich seine Verpuppungszeit in einem beachtlich großen Kokon hinter sich gebracht, startet er in ein nur wenige Wochen währendes geflügeltes Leben. Ungefähr ab Juni fliegt er vor allem in lauen Nächten, und das Kuriose daran ist, dass bis heute nicht ganz klar ist, von was sich die erwachsenen Käfer ernähren. Paarungsbereite Männchen blasen sich vor den Weibchen ziemlich auf, indem sie sich Kämpfe mit ihren Hörner liefern. Nach der Paarung bleibt den Käfern nicht mehr viel Lebenszeit, aber die neue Generation „brütet“ schon im warmen Substrat vor sich hin. Nashornkäfer sind in Deutschland durch die Bundesartenschutzverordnung eine „besonders geschützte“ Tierart. Demnach ist es verboten, „sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten oder ihre Entwicklungsformen aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören“. Außerdem dürfen ihre „Fortpflanzungs- oder Ruhestätten“ nicht beschädigt oder zerstört werden. Wer seinen Komposthaufen umsetzt, sollte also äußerste Vorsicht walten lassen. Zum Thema sorgsamer Umgang mit Engerlingen im heimischen Kompost gibt es vom Industrieverband Agrar einige Tipps: „Im Kompost leben bei uns nur die Engerlinge des Rosenkäfers und des Gemeinen Nashornkäfers“, ist dort zu lesen. Beides seien geschützte Arten. Um die Käfer zu schonen, sollte man ihn möglichst nicht vor Anfang bis Mitte Mai umsetzen. Dann kann der reife Kompost durch ein großes Sieb vorsichtig abgesiebt werden. Dabei „ausgesiebten“ Engerlinge sollte man sofort wieder in den frischen oder halbreifen Kompost setzen. Die erwachsenen Nashornkäfer seien auf der abgesiebten Erde bestens aufgehoben, wo sie sich rasch wieder eingraben und pünktlich zur Flugzeit leicht ans Licht gelangen können. Übrigens soll es sogar Männchen geben, die hornlos und klein bleiben und sich so ohne Aufsehen zu erregen in die Nähe der Weibchen begeben können. Dass derart perfide Methoden bei Sechsbeinern existieren, lässt sogar Zweibeiner blass werden. Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
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