Phänomene der Natur
Phänomene der Natur
Liebe Leser,
es tun sich Abgründe auf bei der Suche nach dem richtigen Gras. Das harmlos scheinende Grünzeug kann Vierbeinern durch seine Grannen richtige Probleme bereiten und reißt sogar Amseln in den Tod.
Die Anfrage unserer Leserin Lisa Haupt aus Vaihingen ließ mich schon gleich etwas nervös werden. „Welches fiese Gras ist das?“, stand im Betreff der E-Mail, und das konnte nichts Gutes heißen. Denn ähnlich wie in der Zoologie bei den Zweiflüglern, ist es in der Botanik mit den Süßgräsern: Bis hinunter auf die Art können diese Geschöpfe mitunter nur von Experten mit guten Fähigkeiten und Mikroskop bestimmt werden.
Nun also ein Gras, ein fieses, welches sich unentfernbar im Hundefell des Haupt’schen Besuchshundes Massimo verheddert hatte. Wobei diese Beschreibung den Sachverhalt wohl nicht ganz trifft.
„Hallo Frau Rücker ... dieses fiese Gras verfängt sich im Fell von Hunden und kann nur noch herausgeschnitten werden zur Entfernung – anders geht das nicht raus!!! Selbst Bienen fallen ihm zum Opfer. Von diesem Gras gibt es aber welche mit weichen Grannen und welche mit Widerhaken. Können Sie mir helfen?“
Mein Schnelltipp mit dem Ruchgras scheint nicht richtig. die Hüterin des Hundes wirft den Begriff Mäusegerste ins Rennen, um aber letztendlich doch eher zur Borstenhirse zu tendieren – zumindest bei der „bösen“ Variante mit den Widerhaken.
In der Tat spuckt das allwissende Internet zu beiden Gräserarten Erschreckendes aus. Auf den Seiten der Ornithologischen Gesellschaft Baden-Württemberg ist ein Artikel mit der folgenden Überschrift zu finden: „Ährenrispen der Quirligen Borstenhirse Setaria verticillata als Todesfalle für eine Amsel Turdus merula.“
Heiliger Strohsack, da hat der Autor Jochen Hölzinger doch vor sechs Jahren tatsächlich an der historischen Mauer an der Neckarinsel in Lauffen ein Männchen der Amsel mit dem Kopf nach unten hängend tot in einem dichten Bestand der Quirligen Borstenhirse entdeckt.
„Die Amsel hatte sich in den rückwärtsgewandten Haken der Ährenrispen der Quirligen Borstenhirse unentrinnbar mit den Federn verhakt. Die acht bis zwölf Zentimeter langen Ährenrispen hatten sich durch den Wind oft mehrfach mit Ährenrispen benachbart stehender Pflanzen verhakt und bildeten dadurch ein dicht zusammenhängendes Geflecht“, erfährt der Leser weiter.
Was sich im Gefieder einer Amsel verhakt, bleibt bestimmt auch im Fell von Säugetieren hängen. Und so ist es auch, Berichte im Internet zeugen davon.
Aber der Mensch ist auch direkt von „der Pflanze, die an der Kleidung klebt wie Klettverschluss“ betroffen. „Habe immer wieder solch Würstchen an den Socken, wenn ich in meinen Holzlatschen im Garten rumtappe“, klagt jemand im Internet über die Quirlige Borstenhirse. Weg bekomme man die nur durch Abzupfen und anschließendes Waschen.
Doch auch über eine der ersten Verdächtigen wird Übles berichtet. Die Mäuse-Gerste, wissenschaftlich Hordeum murinum, quäle mit ihren widerlichen Widerhaken Hunde. „Die Grannen der Mäusegerste bohren sich in die Pfoten oder auch weichen Hautstellen wie Genitalbereich, Nase, Achseln, Augenlider, und beginnen dann zu wandern“, informiert die Seite welpen.de. „Vorsicht vor Schliafhanseln!!!“ warnt eine Facebookseite und schildert den Fall von Labrador Max, dem im letzten Moment endoskopisch ein Schliafhansl (Granne der Mäuse-Gerste) aus dem Nasenloch entfernt werden. Besonders gefährdet sind die langhaarigen und -ohrigen Vierbeiner, Katzen natürlich auch. Wie die Vet-Doktoren im Netz mitteilen, würden die Grannenstücke durch die Widerhaken immer tiefer ins Fell oder auch Gewebe einwandern und teils zu schmerzhaften Abszessen führen. Gefährdeten Rassen wie dem Cocker Spaniel könne „für die Dauer der Spaziergänge die Ohren mit Haargummis verschlossen und geschützt werden“. Das findet Wuffi bestimmt nicht toll, aber vielleicht besser als ne Granne im Gehörgang.
Die Mäuse-Gerste soll ursprünglich in mediterranen Gefilden beheimatet gewesen sein und besiedelt bei uns gerne sogenannte Ruderalstandorte wie Straßenränder und die Wuchsorte an Mauern.
Die Quirlige Borstenhirse gehört einer anderen Gattung, nämlich den Borstenhirsen an. Sie ist ein Neophyt, ein Einwanderer, der ursprünglich in den Tropen und Subtropen der Alten Welt wurzelte. Auch sie liebt die Wärme, besiedelt gerne Weinberge und Schuttplätze.
Der Begriff Hirse umfasst ein Sammelsurium an kleinfrüchtigen Süßgrasarten aus verschiedenen Gattungen, darunter aus der Gattung der Borstenhirsen, Setaria, die Kolbenhirse, wissenschaftlich Setaria italica. Bei ihr soll es sich um die Zuchtform der auch bei uns heimischen Wildform der Grünen Borstenhirse, Setaria viridis, handeln. Einen gesamten Kolben bekommt am ehesten noch der Vogelliebhaber zu Gesicht, wenn er Putzi und Pipsi einen ganzen Samenstand in den Käfig hängt.
Als Echte Hirse wird Panicum miliaceum bezeichnet, die früher auch in unseren Gefilden angebaut wurde. So wird zur Gemeinde Hirschlanden, die früher Hirslanden hieß, berichtet, dass deren Ortsname darauf zurückgeführt wird, dass auf diesem Gebiet einstmals Hirse angebaut wurde.
Auch die Kelten hatten schon neben weiteren Getreidesorten Hirse angebaut und unter anderem zu Hirsebier verbraut. Ich glaub, das ist mal eine Extra-Phäno-Folge wert.
Gerste ist ebenfalls eine Gattung der Süßgräser, mit etwa 25 Arten. Unter den einheimischen Wild-Gersten ist die Mäuse-Gerste die häufigste. Beide haben die vielzitierten Grannen, wie die steife Borste, die auf dem Rücken oder an der Spitze der Deckspelzen im Ährchen vieler Grasarten ansetzt, heißt. Während die „Spelze“ dem Unter-Blatt entspricht, ist die Granne homolog zur Blattspreite. Sind und Zweck von Grannen ist in der Regel genau das, was Haustieren zu schaffen macht: die Verbreitung der Samen im Fell.
Doch auch andere Pflanzengruppen setzen auf Fortsätze, die als Grannen bezeichnet werden. So können sich die Grannen des Reiherschnabels aufgrund der hygroskopischen Eigenschaften je nach Feuchtigkeit des umgebenden Mediums rollen oder strecken, sodass sich die daran hängenden Samen fortbewegen oder gar in die Erde einbohren. Die Widerhaken der Samen verhindern beim Strecken der Grannen ein Wiederausdrehen der Samen.
Davon gibt es auch Zeitraffer-Videos, die einen staunen lassen. Ob sich dieser Bursche ins Fell von Tieren verirrt, ist nicht bekannt.
Wenn die Vierbeiner nach dem Spazier- oder Freigang beispielsweise plötzlich und exzessiv den Kopf schütteln, diesen schief halten oder die Augen zusammenkneifen, niesen und würgen oder lahmen, sollte man an die Grannen und den Tierarzt denken. Eins muss zur Ehrrettung der begrannten Gräser aber klargestellt werden: An der Tötung ihres potenziellen Transporteurs kann kaum Interesse bestehen. Weil die tote Amsel nun mal nicht mehr zur Verbreitung beiträgt. Höchstens zur Düngung.
Oh weia, vielleicht war es doch vorsätzlicher Vogelmord ...
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de


