Liebe Leser,
Sie werden es nicht glauben, aber ich war im Urlaub – und zwar so richtig mit Flugzeug und allem drum und dran. Auf der griechischen Insel Korfu haben sich ganz neue botanische Welten erschlossen.
Seit unser Familienhund Bruno nicht mehr unter uns weilt, hat sich die Urlaubsplanung grundlegend geändert. Plötzlich ist fast alles möglich – ob man das will, ist ja wieder die andere Frage. Jedenfalls hatten wir kürzlich nach mehr als einem Jahrzehnt hundefreundlichem Wanderurlaub die Koffer gepackt und uns ins Flugzeug gesetzt. Die griechische Insel Korfu wurde als Ziel auserkoren, deren Start- und Landebahn des Flughafens aufgrund der Lage als anspruchsvoll gilt. Diese Tatsache, die ich mir blöderweise vor der Reise angelesen hatte, floss in meine Bedenken die Fliegerei betreffend mit ein. Die überraschende Erkenntnis: Ich hab’s überstanden, ganz ohne Pillen und das Fliegen war sogar schön. Schon um die mächtigen Alpen von oben zu sehen, hat es sich gelohnt.
Der Urlaub war klasse. Tägliches Schwimmen im türkisblauen Meer, was will man mehr. Zum Glück fiel mir erst recht spät ein, mal nach Petermännchen zu googeln. Die Fischchen gehören zu den gefährlichsten europäischen Gifttieren und lungern gerne auch mal in Strandnähe im Sand eingegraben herum. Wer auf diesen Barschartigen tritt und mit den Giftstacheln der Flossen Bekanntschaft macht, für den ist der Urlaub vermutlich gelaufen.
Auch diese Bedenken habe ich in einem erstaunlichen Anflug von Gelassenheit verdrängt. Es war nämlich so, dass die Badeschuhe im Vorfeld selbst nach ausgiebiger Suche nicht aufgefunden werden konnten. Der Lagerplatz der Fußschützer fiel mir dann am ersten Urlaubstag wieder ein. Neue Badeschuhe kaufte ich als alter Schwabe nicht, da es die alten ja noch gab. Wie dem auch sei, es ist niemand was passiert, außer dass vorwitzige Fische unbekannter Art hin und wieder an den Beinen knabberten.
Zur besonderen Freude meiner Biologenseele wurde man beim Landgang sowohl in der Ferienanlage als auch im „Freien“ am Straßenrand von der Blütenpracht der Wandelröschen gegrüßt. Oh, wie schön, diese mediterranen Blümchen, dachte ich so bei mir. Bis ich dank internetfähigem Smartphone herausfand, dass Wandelröschen auf der Griecheninsel ursprünglich gar nicht zu Hause waren.
Die Heimat der entzückend blühenden Sträucher ist in der Region Kolumbien bis Mexiko. „Dort wird der Strauch über vier Meter hoch und blüht und fruchtet ganzjährig“, schreibt der Landwirtschaftliche Informationsdienst der Schweiz. Im 18. Jahrhundert sei das Wandelröschen nach Europa gebracht und in Gewächshäusern kultiviert worden. Das leuchtet ein, denn das Wandelröschen ist mit seinem bunten Blütenstand ein Hingucker. Selbst mir, die ich eher wenig Ahnung von Zierpflanzen habe, ist Lantana camara, so der wissenschaftliche Name, ein Begriff. Mit einem ansprechenden Farbverlauf gewinnt der Vertreter aus der Familie der Eisenkrautgewächse das Herz des Blumenfreundes. Während die Blütenknospen im Innern in Cremeweiß daherkommen, färben sich die geöffneten Blüten gelb bis orange und noch ältere Blüten am Rand des Blütenstandes erscheinen in Rosa bis Lila.
Das Geheimnis steckt im pH-Wert: Wie beim heimischen Lungenkraut und anderen Blumen kommt es nach erfolgter Befruchtung zu einer Änderung des Säurewertes in der Zelle, wodurch die Farbänderung verursacht wird. Der Vorteil für die Bestäuber und die Pflanze liegt auf der Hand: Durch die Farbänderung werden die Insekten zu den Blüten gelenkt, die noch nicht bestäubt sind und wo es noch Nektar und Pollen zu holen gibt. Die Wandelröschenart Lantana montevidensis, die ebenfalls gärtnerisch kultiviert wird, begnügt sich allerdings mit einer Farbe, was so manchen Gärtner irritieren könnte. Auf jeden Fall sieht die Pflanze ausgesprochen hübsch aus, was sie weltweit zur beliebten Zierpflanze werden ließ. Bei uns erscheint sie in der Regel als Topfpflanze, im „Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben“ wird sie aber auch als Sommerblume für die Grabbepflanzung angepriesen.
In diesem Jahr ist das Wandelröschen sogar von der Initiative Pflanzenfreude.de zur Terrassenpflanze des Jahres gekürt worden. Changierende Blütenfarben, verschiedene Wuchsformen von Strauch bis Stämmchen und geringe Pflegeansprüche zeichnen den reizenden Gartenblüher aus, so die Begründung. Da liest sich die Überschrift im Beitrag des Schweizer Landwirtschaftlichen Informationsdienstes ganz anders: „Von der Zierde zum Monster“, springt einem dort entgegen. 1841 sei die Pflanze in den Botanischen Garten von Adelaide in Australien gelangt, von wo sie den Sprung in die Freiheit schaffte, verwilderte und sich 20 Jahre später im natürlichen Umfeld etablierte. Der Strauch wuchere stark, bilde dichte Bestände und verdränge teilweise die gesamte natürliche Vegetation.
In mehr als 60 Ländern sei das Wandelröschen mittlerweile ein gefürchteter invasiver Neophyt. Versuche, größeren Beständen mit biologischer Schädlingsbekämpfung zu Leibe zu rücken, seien bislang fehlgeschlagen, obwohl mehr als 40 Insektenarten gegen diese Pflanze eingesetzt wurden, so der Informationsdienst. In Südafrika ist es inzwischen verboten, das Wandelröschen zu pflanzen. Die TU Darmstadt schreibt zu dem „bildhübschen Eindringling“, dass die Sträucher in kurzer Zeit zu nahezu undurchdringlichen Dickichten heranwachsen können.
Das Gewächs ist zudem in allen seinen Teilen giftig. Die Steinfrüchte sehen im reifen Zustand unseren Brombeeren sehr ähnlich, was besonders für Kinder verlockend sein könnte. Die Symptome sollen einer Tollkirschenvergiftung ähnlich sein. Auch Tiere sind gefährdet. In der aktuellen Broschüre „Risiko Pflanze – Einschätzung und Hinweise“ des Bundesinstituts für Risikobewertung werden als giftige Teile des Wandelröschens Beeren und Kraut genannt. Giftige Terpene können demnach im schlimmsten Fall zu Leberschäden mit Todesfolge führen, sei aus den Ursprungsländern bekannt. In Europa lägen keine Untersuchungen über die Giftigkeit der Zierpflanze vor.
„Neben der Einschätzung der Gefahren durch Giftpflanzen soll aber auch die Freude am Erkennen der häufig aparten Vertreter geweckt werden. Unter keinen Umständen will die Informationsschrift zur Vernichtung von Giftpflanzen aufrufen!“, betont das Bundesinstitut für Risikobewertung. Eltern und Ärzten soll vielmehr geholfen werden, die Giftigkeit der Gewächse in unserer Umgebung einschätzen zu können. Eine gewisse Grundkenntnis der Flora und Fauna kann eben nie schaden.
Zum Überwintern soll das Gewächs bei uns als Topfpflanze nicht kälter als zehn Grad Celsius stehen. Gut für die heimische Pflanzenwelt: Wandelröschen haben sich bei uns bislang noch nicht in der freien Wildbahn halten können. „Einige in Deutschland verwendeten Zierpflanzen, die bereits in wärmeren Gegenden der Erde invasiv sind, beispielsweise das Wandelröschen (Lantana camara), gehören zu den schlimmsten invasiven Arten wärmerer Gegenden“, ist einem Bericht der Reihe „Klimopass“ auf der Homepage der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz zu entnehmen. In Zentraleuropa hätten sich diese Arten trotz der hohen Anpflanzungsdichte in Gärten und Parks jedoch noch nicht etabliert. „Dies könnte sich im Rahmen des Klimawandels noch in diesem Jahrhundert ändern“, so der Beitrag mit dem Titel „Klimawandelanpassung in der Planung und Gestaltung kommunaler Grünflächen“ weiter.
Merke: Das Röschen blüht ganz bunt und fein, demnächst auch unterm Kaltenstein. Da hat der Trump sich wohl geirrt, wenn’s Klima deutlich wärmer wird. Drum freu’n wir uns solang’ die Rebe, noch dort am Schlosshang fruchtig lebe. Bis dahin hoch das Henkelglas, mit Reben hat man viel mehr Spaß.
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