Liebe Leser,
es ist kalt, es ist duster und es ist bunt – der Herbst ist da, und zwar richtig. Farbenpracht in Wäldern und Weinbergen sind das Zeichen einer hervorragenden Strategie der Gehölze gegen den Trockentod und fürs Recycling.
Neulich hat mein erwachsener Sohn mich gefragt, warum die Blätter im Herbst beim Baum von oben nach unten abfallen. Dies sorgte bei Muttern in zweierlei Hinsicht für Freude. Erstens, weil somit ein Interesse an der Natur bekundet wurde. Zweitens, weil diese Frage natürlich leicht zu beantworten ist – dachte ich, war aber nicht der Fall. Deshalb vertage ich hiermit die Beantwortung dieser Frage auf unbestimmte Zeit. Und ich vermute mal, dass die Blätter nicht immer von oben nach unten vom Baum abfallen. Wer hierzu was weiß, darf sich gerne melden.
Heute wird vielmehr beleuchtet, wieso die Blätter überhaupt fallen und was es mit der Blattfärbung im Herbst auf sich hat. Auch wenn man es meinen könnte: Die Bäume in Wald und Flur hüllen sich nicht um uns zu erfreuen in bunte Gewänder, sondern vor allem, um dem Trockentod zu entgehen. Also indirekt, denn die Farben gehen dem Blattfall voraus und dieser schützt vor Wassermangel. Unter dem Begriff Frosttrocknis wird die Gefahr, die Gehölzen drohen kann, zusammengefasst. Vor allem durch die Spaltöffnungen in den Blättern kann eine große Rotbuche an die 400 Liter Flüssigkeit pro Tag verdunsten. Doch die Evolution hat eine wunderbare Strategie entwickelt, um vor allem Laubbäume im Winter vor Schaden zu bewahren. Dieser droht nämlich, sobald der Boden gefroren ist, die Sonne lacht und der pflanzliche Organismus kein Wasser aus der Erde nachziehen kann.
Neben den sommergrünen Laubbäumen lässt auch die Europäische Lärche, die zu den Nadelbäumen gehört, vorsorglich die länglichen Blättchen fallen. Sie hat sich mit ihren eher dünnen Nadeln nicht den Schutz ihrer Nadelbaumverwandtschaft zugelegt. Bei Fichte, Kiefer und Co sind die Nadeln unter anderem durch eine extradicke Wachsschicht und enge Spaltöffnungen vor der Austrocknung geschützt. Doch auch hier leben die Blätter natürlich nicht ewig, sondern werden nach und nach gen Boden entlassen. „An Kiefern bleiben Nadeln etwa fünf Jahre, an Fichte bis zu sieben Jahre und an Tanne sogar bis zu elf Jahre am Zweig“, ist auf der Seite waldwissen.net zu lesen. Wie weiß nun aber der Baum, der ja bekanntlich weder Hirn noch Haut besitzt, wann es Zeit wird, die bunte Abstoßungsaktion einzuleiten? Es sind die Hormone, die den Blattfall in Gang setzen. Als Signal der Außenwelt spielen Tageslänge und Temperatur eine Rolle, woraufhin Gene und schließlich Hormone im Gewächs in Wallung geraten.
„Blattverfärbungen werden im Herbst ausgelöst, wenn der Sonnenstand immer niedriger und die Tageslänge immer kürzer wird und vor allem die nächtlichen Temperaturen in den einstelligen Bereich sinken“, informiert der Deutsche Wetterdienst. Dabei sollte es für die bunte Pracht mehrere sehr kühle Nächte hintereinander geben.
Was viele Bäume dann sehen lassen, ist die sogenannte synchrone Blattseneszenz, bei der die Blätter sozusagen in einem Wisch herunterfallen. Die sequenzielle Blattseneszenz findet dagegen ganzjährig statt, wie weiter oben schon erwähnt. Hierbei werden jeweils die ältesten Blätter abgestoßen. Im Lehrbuch „Pflanzenphysiologie“ von Peter Schofer und Axel Brennicke wird folgende Erkenntnis verkündet: Die Alterung von Blättern sei ein definiertes Programm und keine unorganisierte Katastrophe. Dem möchte ich widersprechen. Zumindest meine persönliche Alterung empfinde ich durchaus hin und wieder als Katastrophe. Je nachdem, welches Zipperlein einen gerade plagt und wie viele neue Falten sich auftun. Da Gehölze ziemlich sicher kein Bewusstsein und obendrein noch eine wesentlich längere Lebensdauer haben, dürften ihnen Alterungsprozesse wurscht sein.
Im Blatt von Ahorn, Apfelbaum und Co. nimmt im Herbst die Konzentration von Abscisinsäure und Ethylen zu, Auxine, Giberelline und Cytocinine nehmen ab. Gleichzeitig sorgt die Pflanze dafür, dass möglichst viele Substanzen in verfügbarer Form im Körper bleiben. Deshalb wird unter anderem das Blattgrün abgebaut und dessen Produkte sowie weitere chemische Elemente in den Tiefen des Stammes gebunkert. Dadurch kommen im Blatt schon mal orange-farbene Carotinoide zum Vorschein, die sonst durch das Grün des Chlorophylls überdeckt waren. Für leuchtendes Rot zeichnen besonders die Anthocyane verantwortlich. Diese Farbstoffe werden extra gebildet. Manche Forscher sehen in der Bildung der roten Farbstoffe einen Schutz vor der Sonnenstrahlung, solange im Blatt die Fotosynthese noch läuft. Andere Autoren gehen davon aus, dass diese Farbstoffe als Nebenprodukt der sehr hohen Stoffwechselaktivität entstehen.
Die Wirkung des Ethylens auf das Laub der Bäume soll übrigens zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals aufgefallen sein, als an undichten Leitungen mit ethylenhaltigem Leuchtgas für die Gaslaternen mehr Blätter als rundherum abgeworfen wurden.
An der Basis des Blattstiels wird bei den sommergrünen Bäumen in der Regel ein Trenngewebe gebildet und es lösen sich spezielle kleine Zellen auf, wodurch das Blatt vom Baum entlassen wird. Nach dem Fall des Blattes wird die Wunde mit Wundgewebe verschlossen.
Mit dem Blatt entsorgt der Pflanzenkörper auch Giftstoffe, die zuvor dort eingelagert wurden. Wie praktisch, das wäre doch auch für uns eine sinnvolle Einrichtung. Man sammelt alle Umweltgifte im, sagen wir mal, kleinen Finger, wirft den dann ab und lässt sich zum Geburtstag wieder einen neuen wachsen.
Ein weiterer Vorteil des herbstlichen Blattfalls ist, dass die kahlen Äste einer möglichen Schneelast besser gewachsen sind. Zudem kann sich die neue Blattgeneration im kommenden Frühjahr und natürlich die Frühjahrsblüher am Boden über genügend Sonne freuen.
Bei uns sind die Wälder und Wengert in diesem Jahr schon schön bunt, finde ich. Der berühmte Indian Summer im Osten Nordamerikas zeugt vor allem davon, dass dort die klimatischen Voraussetzungen den dortigen Ahorn-Arten das Protzen mit Farben ermöglichen.
Ganz anders sind zum Beispiel die Stiel- und Trauben-Eichen gepolt. Sie lassen ihr Laub am Baum, wo es schließlich unansehnlich braun wird und häufig bis zum Frühjahr hängen bleibt. Dies sei der Oxidation der Gerbstoffe, die das Blatt vor Fraßfeinden schützt, geschuldet, schreibt der Bochumer Botanische Verein in seinem Jahrbuch 2011. Hier wird auch erklärt, was es mit grünen Flecken auf ansonsten schon hinfälligen Blättern auf sich hat: Cytokinin sei das wichtigste Hormon, das die Blattalterung hemmt. Diese grünen Inseln seien auf lokale, durch parasitische Pilze, Bakterien oder Insektenlarven bedingte Cytokinin-Ausschüttungen zurückzuführen. „Die so erhalten gebliebenen grünen Regionen bieten den parasitierenden Organismen entsprechend noch für eine längere Zeit ausreichend Nährstoffe“, ist zu lesen. Ob ich mir mal Cytokinin ins Gesicht schmieren sollte? Hält das dann jung oder macht das grün? Das sollte eigentlich ein Witz sein, aber anscheinend gibt es durchaus Hautcremes mit dem Pflanzenhormon.
Und jetzt noch was ganz anderes. Gerade klagt einer der Sportkollegen, dass er wohl adipös sei. Das hat zwar null mit unserem Thema zu tun, aber die Lebensweisheit, die mir dazu einfiel, will ich Ihnen mit ins Wochenende geben: Lieber adipös als bös.
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