Liebe Leser,
der Gemeine Naturschützer, wissenschaftlich Protector natura vulgaris (kleiner Scherz am Rande), hat dieses Gehölz womöglich gar nicht auf dem Schirm. Dabei ist die Stechpalme eine heimische Art, die Gartenbesitzern und Tieren besonders um Weihnachten herum, Freude bereiten kann.
Die Europäische Stechpalme, wissenschaftlich Ilex aquifolium, ist eine Schnecke. Gewissermaßen – sie ist natürlich eine Pflanze, soll aber im Schneckentempo wachsen. Sie kann allerdings über zehn Meter hoch und 300 Jahre alt werden.
Sie ist jetzt nicht wirklich der Star unter den Gehölzen, diesen Rang nehmen eher Eiche, Buche oder Linde ein. Sie sind die Baumarten, die zu mächtigen Exemplaren heranwachsen können, die uns Menschen den Kopf in den Nacken legen und staunen lassen. Oder aber man schätzt und kennt diese Baumarten ihres Holzes wegen.
Die Stechpalme dagegen hat meist nur einen großen Auftritt – und der ist an Weihnachten. Sie ist bei uns ein immergrüner, heimischer Vertreter aus der Familie der Stechpalmengewächse und mittlerweile auch hier von der Symbolik her bekannt. An der Ostküste der USA ist die Stechpalme das Weihnachtssymbol schlechthin. Mehrere Deutungen erklären die Verwendung im Christentum. Die roten Beeren könnten die Blutstropfen Christis symbolisieren und das saftige Grün der Blätter die Hoffnung auf neues Leben. Vor Ostern wird am Palmsonntag mit den immergrünen Zweigen des Ilex anstatt echter Palmwedel dem Einzug Jesu in Jerusalem gedacht.
Auch in Großbritannien herrscht der Brauch, zur Weihnachtszeit Holly-Zweige als Freundschaftsgabe zu verschenken oder den Christmaspudding mit den Zweigen der Stechpalme zu dekorieren. Zum Begriff Holly gibt es ein erstaunliches Geschichtchen zu erzählen. Holly ist der englische Name der Stechpalme und wenn man nun ein wenig darüber nachdenkt, wird einem bewusst, wo man das schon mal gehört hat, nämlich in dem Wort Hollywood.
Der Legende nach – ich lege für die Geschichte nicht die Hand ins Feuer – sollen sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts Siedler in einem Stechpalmenwald bei Los Angeles niedergelassen haben. Ihr Örtchen tauften sie dann mangels weiterer zündender Ideen Hollywood, was als Stechpalmenwald übersetzt wird. Zu Beginn den 20. Jahrhunderts verschlug es einige Filmemacher in den Ort und es war bald vorbei mit der Ruhe ... Wächst aber die Stechpalme überhaupt im fernen Nordamerika? Die Gattung Ilex, also Stechpalmen, umfasst mehrere Hundert Arten, die rund um den Globus wurzeln. In Nordamerika sind beispielsweise Ilex cassine und Ilex vomitoria heimisch – allerdings wachsen diese eher im Südosten. Von sehr großer Bedeutung ist dagegen in Südamerika die Art Ilex paraguariensis. Dabei handelt es sich um den Mate-Strauch, dessen Namen sogar bei mir ein Glöckchen klingeln lässt. Aus seinen Blättern wird Mate-Tee zubereitet. Möglicherweise war unserer Europäischen Stechpalme schon damals der Sprung über den Großen Teich geglückt. Sie gilt in den USA mittlerweile als Neophyt, in Kalifornien wird sie gar als invasive Art bewertet.
Bei uns ist die Euorpäische oder auch Gemeine Stechpalme, Ilex aquifolium, dagegen ein prima Strauch, der mit seinen stacheligen Blättern den Vögelchen im Winter ein geschützter Schlafplatz und mit seinen roten Beeren Futterplatz ist. Für Menschen sind die Beeren ebenso wie die anderen Pflanzenteile allerdings giftig. Deshalb Obacht auch bei der Weihnachtsdekoration, bei der sich die Stechpalme auch deutsche Stuben erobert, sofern Kinder von dem schönen Türkranz oder der Tischdekoration naschen könnten.
Der immergrüne Strauch beziehungsweise Baum kommt in Baden-Württemberg vor allem im Schwarzwald wild vor und steht unter dem besonderen Schutz der Bundesartenschutzverordnung. Demnach ist es unter anderem verboten, diese Pflanze, zu beschädigen. Laut einem Bericht des Umweltministeriums Baden-Württemberg profitiert die Stechpalme als kälteempfindliche Art vom Klimawandel. Sie habe stabile Bestände im Rheingraben aufgebaut. Der Bienenweidekatalog des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz weist sie als mittelguten Nektar- und Pollenlieferanten aus.
Insgesamt drängt sich der Ilex ja geradezu als Pflanze für unsere Gärten auf – man muss dabei natürlich bedenken, dass sie pikst. Als Solitärgehölz kann sie laut SWR-Grünzeugexperte Volker Kugel „zu einem schön verzweigten, oft mehrstämmigen Baum mit bis zu fünf Meter Höhe“ wachsen. Sie sei extrem schnittverträglich und der Gartenbesitzer kann aus ihr jede erwünschte Form schneiden. Da die Stechpalme immergrün ist, bietet sie einen guten Sichtschutz. Wer Früchte möchte, muss sich eine männliche und eine weibliche Pflanze in den Garten holen. Eine weitere Bedingung für Gartenfreuden: Lange Trockenheit und Staunässe verträgt die Pflanze nicht.
In der Blütezeit im Mai bringt das Gehölz kleine, weiße Blüten hervor. Wer dann in seinem Garten auf gelbe Blüten blickt, hat vermutlich eine Mahonie vor sich, die der Stechpalme ziemlich ähnlich sieht.
In einem Beitrag der Umweltstiftung Rastatt, die die Stechpalme im vergangenen November zur Pflanze des Monats kürte, findet sich nochmals ein Hinweis auf Amerika: Der Ilex sei früher in Amerika bei den Indianern als Rauschmittel verwendet worden, um mutiger zu werden. Die Volksheilkunde habe die Pflanze als abführendes und fiebersenkendes Mittel genutzt, was aber zu Vergiftungen führte.
Schon bei den Kelten galt die Stechpalme als heilige Druidenpflanze, ist im Jahrbuch des Botanischen Vereins Bochum zu lesen. Sie befestigten zur Wintersonnenwende Stechpalmenzweige an den Eingängen ihrer Häuser, um gute Feen und Geister anzulocken und ihnen ein Heim zu bieten, damit sie die Wohnungen vor Zauberei und Blitzschlag schützten.
Außerdem – und jetzt halten Sie sich fest – kann die Stechpalme denken. Also nicht so mit Hirn und Nerven, aber irgendwie trotzdem ziemlich effektiv. 2012 hatten sich die Forscher Carlos M. Herrera und Pilar Bazaga mit den Blättern der Europäischen Stechpalme befasst. Dass diese, je weiter oben sie wachsen, eher ohne Stacheln wachsen, war bekannt. Die Biologen aus Spanien stellten bei ihren Tests fest, dass die Pflanzenteile quasi aktiv und selbst ihr epigenetisches Programm und damit ihre Gestalt ändern können. Es stellte sich heraus, dass an der Erbsubstanz der stacheligen Blätter deutlich weniger Gene abgeschaltet sind, als bei den anderen Blättern. Im Newsletter „Epigenetik“ von Wissenschaftsjournalist Peter Spork steht dazu folgender denkwürdiger Satz: „Entscheidend dafür, welche Entwicklung ein Blatt wählt, ist offenbar das Risiko, gefressen zu werden.“ Das Blatt schätzt folglich – je nach Fressschäden am Zweig – wie hoch das Risiko ist, im Tiermagen zu landen und schaltet daraufhin Gene an.
Also ich finde, die Stechpalme gehört unter jeden Weihnachtsbaum. Zum Beispiel als Spazierstock aus Stechpalmenholz, dann kann sich der Beschenkte wie Goethe fühlen. Oder, noch besser: Einen Zauberstab aus Ilex-Holz schnitzen und verschenken. Ein solcher wehrte schon das Böse von Harry Potter mehr oder weniger erfolgreich ab. Am besten jedoch sollte die Stechpalme im Topf mit Wurzeln ver- oder sich selbst geschenkt werden. Dann kann das Häuschen ökologisch korrekt und blickdicht zugepflanzt werden. Es kann nicht schaden, eine denkende und wehrhafte Hecke um sich rum zu haben.
Aber Achtung, zumindest früher konnte sich der Ilex, auch Hülse genannt, in Wäldern unter anderem durch Absenker so stark vermehren, dass er zur Plage wurde. Daher der Spruch: Ilse bilse, keiner willse, die böse Hülse.
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