Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Zum Verlieben knorrig schöne Olivenbäume auf Korfu.  Foto: Rücker

    Zum Verlieben knorrig schöne Olivenbäume auf Korfu. Foto: Rücker

Liebe Leser,
Schockschwerenot, schon wieder ist Weihnachten und was schreib’ ich da nur? Wie auf wundersame Weise rückt in dieser Verzweiflung das Foto, das digital auf dem Bildschirm in der Redaktion herumliegt, in den Fokus. Es zeigt einen knorrigen Olivenbaum.

Es waren die Heiligen Drei Könige, die der Olive zu einem ersten Auftritt im Leben Jesu Christi verhalfen. Denn sie brachten Weihrauch, Gold und Myrrhe an die Krippe im Stall in Bethlehem. Und die Myrrhe soll, meinen manche Autoren, nicht irgendwie in Form eines verdorrten Zweiges oder duftenden Harzes, sondern als Zusatz im Olivenöl zum Neugeborenen gekommen sein. Auch im Buch „Die Heilige Schrift des alten Testaments“ von Thaddäus Dereser aus dem Jahr 1801 heißt es „Das heilige Salböl, durch welches Priester und Könige zu ihrem Amte eingeweihet wurden, bestand aus einer Mischung von Olivenöl, Myrrhe, Zimmet, Kalmus und Kasia.“ Der Ölbaum spielt in der Bibel immer wieder eine Rolle, da der Baum mit seinen Früchten schon damals für die Menschen dort ein Hauptnahrungsmittel und Wirtschaftsgut war. Im Buch Genesis kommt zu Noah eine Taube mit einem Olivenzweig im Schnabel zurück. Da habe er gewusst, dass nur noch wenig Wasser auf der Erde stünde.

Olive bedeutet Öl, weshalb der Olivenbaum der Ölbaum ist. In der Bibel wird der Ölberg, der in anderen Sprachen Olivenberg genannt wird, und in Jerusalem liegt, in neutestamentlichen Berichten erwähnt. Beispielsweise habe Jesus am Ölberg über Jerusalem geweint. Jesus Christus bedeutet wiederum „Jesus ist der Gesalbte“. Pastoralreferent Christoph Knecht von der katholischen Kirchengemeinde St. Antonius in Vaihingen kann auf Nachfrage netterweise Weiteres beisteuern: „Am Fuß des Ölbergs liegt heute noch der Garten Gethsemane, übersetzt Ölkelter‘ (von hebräisch gat-schemanim). Dort gibt es noch uralte Ölbäume. Weil die immer wieder Schösslinge aus der Wurzel bilden, können die Bäume über Tausend Jahre alt werden. Theoretisch wäre es also denkbar, dass es dort einen Baum gibt, der noch die Todesangst Jesu erlebt hat. Manche meinen aber, dass bei der Belagerung Jerusalems durch die Römer nichts Brennbares im weiten Umkreis übriggeblieben sein könne ...“

Die Salbung mit Öl spiele auch heute eine wichtige Rolle in den katholischen und orthodoxen Kirchen, weiß Knecht. Das Salböl „Chrisam“ sei zumindest bis in die sechziger Jahre immer aus Olivenöl hergestellt worden. Es habe nicht nur Christus, sondern auch den Christen ihren Namen gegeben. Knecht: „Alle sind sie nämlich gesalbt in der Taufe – bis heute. Auch bei Firmung und Krankensalbung (!) wird in der katholischen Kirche noch auf diese uralte Tradition zurückgegriffen.“

Doch schon viel früher in der Menschheitsgeschichte soll die Olive geschätzt und genutzt worden sein. Pharao Ramses II. soll das Öl der Olive genutzt haben. In der griechischen Mythologie gewann die Göttin Athene ein Scharmützel mit Poseidon mithilfe des Olivenbaums. Der Meeresgott und die Göttin der Weisheit und des Krieges waren der Sage nach über die Frage aneinandergeraten, wer die Herrschaft über die Region Attika erhalten solle. Die Geschichte gilt als Gründungsmythos der Stadt Athen, die in dieser Region liegt. Jedenfalls soll der erste König Athens bestimmt haben, dass derjenige zum Sieger erklärt werde, der den Bewohnern das nützlichere Geschenk erbringe. Daraufhin stach Poseidon seinen Dreizack in die Erde und es sprudelte Wasser hervor – allerdings Salzwasser. Athene jedoch rammte ihre Lanze aus Olivenholz in die Erde und aus ihr wuchs ein Olivenbaum, der dem Volk Nahrung, Holz und Olivenöl schenkte. Klarer Sieger des Streits war Athene und die Stadt wurde nach ihr benannt.

Der Olivenbaum, wissenschaftlich Olea europaea, auch Echter Ölbaum, ist eine der Charakterpflanzen des mediterranen Raumes. Er gehört zur Familie der Ölbaumgewächse und wird seit Jahrtausenden als Nutzpflanze kultiviert und geschätzt.

Mir geht es beim Anblick von alten Olivenbäumen wie vermutlich vielen „Nordlichtern“ aus Süddeutschland, die den Gehölzen im Urlaub mal leibhaftig gegenüberstehen: Ich bin begeistert. Das knorrige Erscheinungsbild macht es aber Forschern nicht leicht, beispielsweise wenn mit Hilfe von Bohrkernen das genaue Alter der Gewächse bestimmt werden soll. Und alt werden die Olivenbäume: Ein Exemplar auf Kreta könnte 2000 oder auch 4000 Jahre alt sein, treibt wohl aber immer noch fleißig Blätter und lässt Früchte sprießen. Bei diesen handelt es sich um Steinfrüchte, aufgebaut wie zum Beispiel unsere heimische Kirsche. Die immergrünen Gehölze werfen ihre Blätter nicht auf einen Schlag, sondern peu à peu ab. Die Blätter sind unterseits zwecks Verdunstungsschutz fein behaart und erinnern vom Aussehen her an Blätter mancher Weidenarten. Im Frühjahr blüht der Baum eher unauffällig weiß und klein, ab Oktober können die Früchte, also die Oliven, geerntet werden.

Als absolut leidensfähiger und robuster Baum leistet Olea europaea in teils unwirtlicher steiler Gegend einiges an Landschaftsschutz, wenn er die kargen Böden am Platz hält und für Schatten und ein erträglicheres Mikroklima für andere Lebewesen sorgen.

Inzwischen haben die Anbauregionen teils entdeckt, dass der Tourist sich für regionale Produkte begeistern lässt. So durfte ich neulich zwei Freundinnen lauschen, die sich über Olivenverkostungen austauschten. Die eine hatte sich in Kroatien den öligen Genüssen hingegeben, die andere in Südfrankreich. In Erinnerung ist mir, dass dem einen oder anderen (oder jedem?) Öl eine gewisse Schärfe im Abgang zugesprochen wurde. Tatsächlich sollen die Attribute „bitter und scharf“ in gewissem Maße Qualitätskriterien sein – und ein fruchtiger Duft.

Mit knapp 15 Litern pro Jahr haben die Griechen laut der Website von essential-foods den größten Pro-Kopf-Verbrauch weltweit, gefolgt von Spanien und Italien. Größter Olivenölproduzent ist Spanien. Nach der Ernte 2015/2016 wurden weltweit an die drei Millionen Tonnen Olivenöl produziert. Olivenöl taugt zum Kochen und Backen, landet im Salat und auf der Haut.

Olivenöl gilt als lecker und gesund, als grünes Gold. Neben Rapsöl ist Olivenöl eine empfehlenswerte Ölart, schreibt der Info-Dienst Ernährung Baden-Württemberg. Sekundäre Pflanzenstoffe sowohl in der unreifen grünen als auch in der reifen dunklen Olive wirken demnach antioxidativ, entzündungshemmend und antimikrobiell. Außerdem sollen Oliven Arteriosklerose, Krebs und erhöhten Blutfetten vorbeugen.

Weniger schön dagegen die Nachricht von Stiftung Warentest. Die Tester hatten sich in diesem Jahr Olivenölmischungen aus dem Supermarkt und vom Discounter vorgenommen. Von 24 Olivenölen schneidet keins gut ab, zehn sind mangelhaft. Laut der EU-Olivenölverordnung von 2011 teilt Olivenöl in drei Klassen ein. „Mangelhaft“ lautet das Urteil für zehn der 24 Olivenöle, welche die für die Februar-Ausgabe ihres Magazins „Test“ untersucht hat. Denn: Sie seien fälschlicherweise mit der höchsten Güteklasse der EU-Olivenölverordnung „nativ extra“ ausgezeichnet, berichteten die „Stuttgarter Nachrichten“. Die Öle hätten stichig oder ranzig geschmeckt – ein Hinweis auf falsche Lagerung oder Verarbeitung. Wie das Bundeszentrum für Ernährung meldet, führt Olivenöl die Top 10 der bei Betrügereien europaweit aufgefallenen Lebensmittel an.

Na ja, dank Klimawandel kann vielleicht bald hier auf den Streuobstwiesle der eigene Ölbaum wachsen. Im Botanischen Garten der Universität Bonn habe ein Olivenbaum, der im Freiland wurzelt, sogar schon strenge Fröste überstanden.

Und nun unser Tipp fürs Fest: Rüsten Sie sich mit Olivenzweigen und Salatdressing mit Olivenöl für das gemeinsame Festmahl. Falls der Familienzwist unterm Weihnachtsbaum wieder aus dem Ruder zu laufen droht, setzen Sie sich das vorbereitete Olivenkränzchen aufs Haupt – das hat schon antike Olympiasieger geziert. Greifen Sie beherzt in die Salatschüssel, schmieren sich einen kräftigen Klecks davon ins Gesicht und lassen Sie einen Schrei raus. Wenn dann Ruhe herrscht, können Sie Ihren Lieben einen Olivenzweig reichen und Frieden schließen. Fröhliche Weihnachten!

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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