Liebe Leser,
„Grüße aus Gündelbach, Maus beim Sonnenbaden“, stand neulich in einer E-Mail, anbei einige Fotos. Wie niedlich! Aber dann folgte die Suche nach dem Namen des Tierchens ...
Leuchtendes Fell, versonnener Blick, so präsentierte sich das Geschöpf, das offensichtlich die wärmenden Sonnenstrahlen genießt. Reinhard Vossler hat es auf seinem Insektenhaus in Gündelbach entdeckt und fotografisch festgehalten. Beim Anblick des kleinen Nagers war es gleich um mich geschehen.
Das behaarte Fotomodell saß still und es bestand somit kein Grund, kreischend auf einen Stuhl zu hüpfen. Nun war es sozusagen erste Biologenpflicht herauszufinden, um welche Tierart es sich denn handelt. Nichts leichter als das, mögen Sie nun denken. Nein nein, so leicht war es nicht und das Drama nahm seinen Lauf. Denn die Verwandtschaftsverhältnisse der „Mäuse“ sind komplex. In den heiligen Hallen der zoologischen Systematik zeigt sich, dass Mäuse zu den Nagetieren, wissenschaftlich Rodentia, zählen – das war selbst mir noch klar. Die Erkenntnis, dass der hübsche Fellklops auf dem Foto keine Springmaus ist, führt einen weiter zur Überfamilie Mäuseartige. Hier tummeln sich rund ein Viertel, nämlich circa 1500 der rezenten Säugetierarten. Und dann passiert das Fürchterliche, der Stammbaum dieser Mäuseartigen spaltet sich auf in zahlreiche Zweige, noch zahlreichere Familien, Unterfamilien und Gattungen, deren Arten untereinander nicht unbedingt eng miteinander verwandt sein müssen.
Da kann nur ein Spezialist helfen. Ich wühle im Internet wie eine Wühlmaus und werde fündig: Dr. Marcus Schmitt von der Universität Duisburg-Essen hegt eine Vorliebe für die kleinen Nager. Bei ihm geht die Liebe sogar durch den Magen – allerdings nicht durch seinen, sondern bevorzugt durch den einer Eule. „Meine Begeisterung‘ entspringt meiner bevorzugten Forschungsarbeit, der Analyse von Eulengewöllen“, lässt der Wissenschaftler wissen. Eulen fressen „Mäuse“ – ein Sammelbegriff, sagt Schmitt – und spucken mit einigen Stunden Abstand zur Mahlzeit die unverdauten Anteile wieder aus, nämlich die Haare und Knochen der Beute, erklärt er weiter. Das Ausspeien sei eigentlich allen „Raubvögeln“ eigen, aber die meisten von ihnen würden die doch sehr nahrhaften Knochen verdauen.
Tatsächlich sei es bei vielen „Mäusen“ sicherer, die Arten anhand ihrer Knochen zu bestimmen, als anhand des äußeren Eindrucks der lebendigen Tiere. „Äußerlich sind sich viele Arten einfach zu ähnlich“, räumt auch der studierte Ingenieur der Forstwirtschaft und Diplom-Ökologe aus dem Fachbereich Zoologie ein. Das beruhigt mich dann doch außerordentlich.
„Bei Eulengewöllen, vor allem von der Schleiereule, kann man anhand der darin enthaltenen Schädel und Kiefer dagegen sehr schön nachvollziehen, was sie gefressen haben – was also in ihrem Jagdgebiet lebt“, so Marcus Schmitt weiter. So gesehen seien die Eulen „Feldassistenten“ der Zoologen, die bei der Beschaffung der Informationen helfen. Sie seien somit eine umweltschonende Alternative zum Beispiel zu Fallenfängen.
„Unter Mäusen verstehen wir völlig verschiedene Gruppen“, erläutert Schmitt. Ganz außen vor sind beispielsweise Spitzmäuse – sie seien als Insektenfresser mit Maulwurf und Igel verwandt und somit zoologisch keine Mäuse. Wühlmäuse, die unter den Mäuseartigen zur Familie der Wühler zählen, fallen für unsere Süße auch flach. „Sie besitzen einen kurzen Schwanz, kurze Ohrmuscheln, relativ kleine Augen“, beschreibt Schmitt.
Dann gibt es bei den Mäuseartigen auch die Familie der Langschwanzmäuse, die sogenannten Echte Mäuse, die im Gegensatz zu den Wühlmäusen große Ohrmuscheln – „Mickey-Mouse“, verdeutlicht Schmitt – große Augen und einen langen Schwanz haben. „Wenn ein Zoologe ‚Maus‘ sagt, meint er einen Angehörigen dieser Gruppe.“ So, und jetzt steigt die Spannung: Wozu zählt jetzt unser Gündelbacher Prachtexemplar und wie heißt es? „Und nun zu Ihrem Tier, es ist gar nicht so einfach und bleibt etwas unsicher. Es handelt sich mit Sicherheit um eine echte Maus“, urteilt der Zoologe. Aha. Dies sei durch den langen Schwanz und die großen Ohrmuscheln erkennbar. Auffällig sei das graue Fell. „Es ist damit keine Waldmaus. Die hatte ich nach der ersten Beschreibung im Verdacht, sie ist eine sehr häufige Art auch in Gärten; aber Waldmäuse sind rot-braun und haben besonders große Knopfaugen“, sagt Schmitt.
Achtung, Trommelwirbel: „Es ist mithin entweder: eine Hausmaus oder eine junge Wanderratte.“ Waaaas? Kreisch! Seit vor Jahrzehnten mal eine merkwürdig gekrümmte Ratte durch den Garten geschlichen ist, habe ich ein gewisses Rattentrauma entwickelt. Sorry an alle Rattenliebhaber dieser Welt. Schmitt hilft jedoch mit dieser Erklärung: „Die Wanderratte ist ebenso wie die in Deutschland praktisch ausgestorbene Hausratte zoologisch betrachtet eine echte Maus!“ Na also, geht doch, Blutdruck wieder runter, alles eine Frage der Psychologie.
So sei das ist das in der Zoologie, ergänzt der Experte: Feldmäuse, die in der Landwirtschaft häufig vorkommen, sind keine Mäuse. Für das fortgeschrittene Publikum: Die Gattung Feldmäuse reiht sich in der Überfamilie Mäuseartige in die Familie der Wühler ein. Ratten dagegen seien aber Mäuse, so Schmitt weiter. „Unsere Trivialnamen sind eben oft irreführend.“ Dass das vielleicht vor allem ein deutsches Problem ist, klärt der Mäusekenner auch gleich auf: Selten würden auch Fledermäuse im Vogelschnabel landen. Schmitt: „Auch das sind natürlich überhaupt keine Mäuse. Aber wir Deutschen nennen kleine pelzige Säugetiere eben gerne ‚Mäuse‘ – im Gegensatz zum Beispiel zu den Briten, die sind da korrekter: ‚bats‘ sind Fledermäuse, ‚shrews‘ sind Spitzmäuse, ‚voles‘ sind Wühlmäuse und nur Langschwanzmäuse sind eben ‚mouse‘ beziehungsweise ‚mice‘.“
Wenn wir einfach mal rein hypothetisch davon ausgehen, dass es sich bei dem possierlichen Tier auf dem Foto um eine Hausmaus handelt, könnte ich hier noch ein wenig zur Hausmaus rumschreiben. Die Hausmaus, wissenschaftlich Mus musculcus, hat sich vor Tausenden von Jahren als Begleiter des Menschen auf den Weg gemacht und rund um den Globus ausgebreitet. Ursprünglich ist sie ein Steppenbewohner Asiens. Wiederum seit Jahrtausenden trennt ein Fluss in Deutschland zwei Unterarten: Die westliche Hausmaus, Mus musculus domesticus westlich der Elbe und die östliche Variante, logischerweise östlich des Fließgewässers, namens Mus musculus musculus. Die Ostvariante ist ihrer ursprünglichen Lebensweise eher treu geblieben, während die westliche sich lieber mit dem Menschen und seinen Annehmlichkeiten arrangiert. Immer genug Futter und ein Dach über dem Kopf sind hierbei einleuchtende Argumente. Die ohne Schwanz circa zehn Zentimeter großen Nager haben in Deutschland noch eine besondere Spezialität ausgebildet: die Helgoländer Hausmaus, Mus musculus helgolandicus. Der NDR-Bericht über diese Unterart erschien in einem Mai und kann somit kein Aprilscherz sein. Als sich die Insel vor gut 9000 Jahren aufgrund eines steigenden Meeresspiegels vom Festland verabschiedete, endete demnach für die dortigen Hausmäuse das schöne Leben. Die Insel war lange unbewohnt, der Mensch nicht mehr an ihrer Seite und die kleinen Nager mussten sich fortan wieder selbst durchschlagen. Forscher vom Max Planck Isntitut für Evolutionäre Biologie vermuten, dass der verlängerte Unterkiefer, der die Helgoländer Hausmaus auszeichnet, durch die zwangsweise veränderten Fressgewohnheiten mit einer gewissen Hinwendung zum Fleischfresser zustandekam.
Die Hausmaus sei inzwischen kein sehr häufiges Tier mehr, informiert Experte Schmitt noch. Oft werde sie von der Waldmaus ersetzt und verdrängt –jedenfalls in Nordrhein Westfalen.
Ob Haus- oder Waldmaus ist mir persönlich ziemlich schnurz, mein Motto bleibt: Her mit den Mäusen. Haha, leider tummeln sich selbige nicht nur in Scheinform bei mir unterm Dach. Aber dazu vielleicht irgendwann später mal mehr ...
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