Liebe Leser,
heute geht es um Mäuse, Schwämme und Keimschleudern allgemein. Dabei tummeln sich Dinge unter unseren Dächern, die in Geldbörsen und Spülen bislang eher unverdächtig schienen.
So ist das mit den Mäusen unterm Dach. In Scheinform gerngesehen, können sie einem in Fleisch und Blut den letzten Nerv rauben. Seit geraumer Zeit steht fest: In unserer Rumpelkammer unterm Dach lebt was. Es ist mir nur ein bisschen peinlich, weil wir nicht die einzigen sind, denen es so geht. Mit wissendem Nicken wird oft das Klagelied der Schreiberin quittiert, wenn sie sich über den Poltergeist unterm Dach auslässt. Es war jetzt lange Ruhe, nun ist sie wieder da, die Geräuschkulisse, die den Schlaf rauben kann.
Die Vermutungen reichten von Siebenschläfer über Marder bis zum kleinen Nager – dazu zählen auch Ratten. Man kann ja nichts ausschließen, aber als sicher kann nun gelten: die Hausmaus fühlt sich wohl zwischen Weihnachtsdeko, Legosteinen und weiteren gehorteten Dingen.
Zoologe Dr. Marcus Schmitt von der Uni Duisburg-Essen hat sich schon vergangene Woche als Mausspezialist bewährt. Das wurde meinerseits gleich ausgenützt, um ihm ein Foto der Spuren aus dem Auricher Dachkämmerchen zu schicken. „Der Kot stammt mit Sicherheit von einer kleinen Maus – also der Hausmaus“, schreibt Schmitt als Antwort zum Foto. Das ist nur deshalb gut, weil es dann keine große Maus, also eine Ratte ist. Das Blöde ist aber, dass aus einer Hausmaus mitunter viele werden, die dort fressen, nagen und ihre Fäkalien fallen lassen. Igitt.
Die Westliche Hausmaus, Mus musculus domesticus, ist ein possierliches Tierchen, das aber als Keimschleuder gilt. Als assoziierte Krankheitserreger werden unter anderem so klangvolle Organismen wie Coxiella burnetii, der das Q-Fieber auslösen kann, das Kuhpockenvirus und weitere furchterregend klingende Infektionskrankheiten genannt. Zur gewissen Rehabilitation von Mus musculus muss aber erwähnt werden, dass die Erreger dieser Erkrankungen auch in Haus- und Nutztieren sowie Zecken und Fliegen schlummern können.
Mir ist schon ganz blümerant.
Wie gut dass ich froher Hoffnung bin, die Tierchen bald mit Lebendfalle und Duftvergrämung loszuwerden. Gerne bleiben und sich vermehren dürfen in der häuslichen Gemeinschaft natürlich Schein-Mäuse, denn Geld stinkt ja bekanntlich nicht. Nimmt man diese Mäuse in Scheinform jedoch unter die Lupe, dann haut’s selbst hartgesottene Biologen aus den Schuhen.
Den genauen Blick auf die vermeintlich blütenreine Oberfläche von Geldscheinen wagte vor vier Jahren Forscherin Jane Carlton von der New York Universität. Ihr sinnigerweise Dirty Money Project, also dreckiges Geld Projekt, ist Teil einer großangelegten Studie, in der unter dem Namen Metagenome die gesamte Mikrobenvielfalt New Yorks erfasst werden soll. Letztendlich erhofft man sich davon unter anderem, Gesundheitsgefahren früher erkennen zu können. Bei der Suche auf dem Geld stieß die Genetikerin auf den Ein-Dollar-Scheinen auf sage und schreibe 3000 Bakterientypen. Die Wissenschaftler fanden dabei nicht nur Hautbakterien, sondern auch solche, die sich sonst in menschlichen Körperhöhlen tummeln. Grippeviren fühlen sich auf der Knete ebenso wohl wie Antibiotika resistente Bakterien. Das häufigste Bakterium, das gefunden wurde, gilt als Auslöser für Akne. Zahlreiche DNA-Schnipsel wurden gefunden, darunter auch solche von Kleinstorganismen, aber auch von den vierbeinigen Lieblingen der Menschen und sogar von einem Nashorn. Zur Überraschung der Wissenschaftler konnten die Mikroben nicht nur einige Stunden vor sich hindarben, bis sie auf dem anscheinend lebensfeindliche Schein das Zeitliche segneten. Nein, sie hatten auf der oft zerklüfteten Papieroberfläche mit Baumwollfasern der Dollarnoten teils ein nettes Mikroklima erwischt, auf dem sie vor sich hinsprießen konnten. Ein Grund dafür, weshalb Scheine nicht in der kuschelig warmen, womöglich körperfeuchten Hosentasche herumgetragen werden sollten. Vor allem dicht besiedelt sind die kleineren Banknoten, die häufig den Besitzer wechseln. Ihren Stapel 500-Euro-Scheine, sozusagen die ganz fetten Mäuse, können Sie also getrost weiterhin horten und herzen.
Geld ist insgesamt aber doch ziemlich dreckig und nach Körperkontakt wäre Händewaschen gar nicht schlecht. Aber, beruhigte einer der New Yorker Forscher, man brauche nicht vor allen Mikroben Angst haben. Keime seien wichtig, um das Immunsystem zu stärken. Muss stimmen, denn Dagobert Duck, der alte Geldbader, feierte kürzlich erst 70. Geburtstag.
Was Geldscheinen noch so alles anhaften kann, zeigte die Nacht der Wissenschaften in Jena, bei dem das Leibniz-Institut im Herbst fragte: „Wie viel Kokain haben Sie in Ihrer Brieftasche?“ Auf fast jedem Geldschein seien Spuren der Droge nachweisbar. Alles in allem betrachtet wäre die Barzahlung mit echten Mäusen vielleicht doch hygienischer als die mit Geldscheinen. Wobei man diesen wiederum zugutehalten muss, dass die Krankheitskeime meist in derart geringen Mengen vorkommen, dass doch eher der positive Aspekt einer Immunisierung zum Tragen kommt.
Geldwäsche ist nur bedingt eine Lösung bei der Keimbekämpfung. Aber mit 200 Grad Celsius klappt’s. Auf diese Temperatur werden in japanischen Geldautomaten Yen-Scheine mit Heißluft erhitzt und dann nahezu keimfrei an den neuen Besitzer ausgegeben werden. Weltweite Hygiene-Spitze sind die Japaner dennoch nicht, wenn man Medienberichten glauben will: Ein internationaler Vergleich aus dem Jahr 2010 zur Sauberkeit von Geldscheinen hat ergeben, dass der australische Dollar der sauberste und der chinesische Yuan der dreckigste Schein der Welt ist.
Geld ist mit seinen Anhaftungen zwar irgendwie mindestens eklig, es kann aber helfen, die Ausbreitung von weltweiten Epidemien vorherzusagen. Ende der 90er Jahre ging die Website „Where’s George“ an den Start, mit der US-Dollar Banknoten registriert und auf ihrem Weg durch die Welt verfolgt werden können. Mit dem Eurobilltracker gibt es seit 2002 das Pendent für die Euronoten. Auf die Frage, warum man dort mitmachen sollte, gibt der Europäische Verein der Eurobilltracker eine einfache Antwort: „Weil es Spaß macht!“ Mehr als 174 Millionen Scheine sind derzeit registriert, mehr als eine Million Treffer wurden schon gelandet. Die „Wanderung“ der Scheine gilt bei Wissenschaftlern als Blaupause für Reisetätigkeit der Menschen und somit für die mögliche Ausbreitung einer Pandemie, schreibt die Deutsche Physikalische Gesellschaft.
Automaten sind irgendwie auch keine Lösung. Das konnte Forscherin Jane Carlton aus New York 2016 belegen, als sie zahlreiche Mikroorganismen und DNA-Spuren an Tastaturen von Geldautomaten, was sich bestimmt auch auf Tastaturen von Kartenlesegeräten im Supermarkt übertragen lässt.
Das alles ist aber nichts im Vergleich zu der Keimschleuder par excellance: uns selbst. An die 40 Billionen mikroskopisch kleiner Mitbewohner tummeln sich in und an uns, die meisten davon Freund und Helfer. „Treffe Deine Mikroben“, wirbt Micropia in Amsterdam, der weltweit erste Zoo für mikrobiologische Wesen.
Das schauerlichste Keimreservat liegt aber bestimmt in jedem Haushalt rum: Es ist der Küchenschwamm. Mit ihrer Forschung zur Besiedlung der harmlos aussehenden Schwämmchen versetzten die Forscher der Hochschule Furtwangen im vergangenen Sommer alle weltweit in Aufregung. 362 Arten von Bakterien wurden auf den Schwämmen in Dichten bis zu 54 Milliarden pro Kubikzentimeter gefunden. Das sei nur noch vergleichbar mit menschlichen Stuhlproben, wird der Mikrobiologe Prof. Markus Egert zitiert. Waschen hilft übrigens nicht, nur wöchentliches erneuern.
Ich werd meine Schwämme des Grauens jetzt den Mäusen unterm Dach zum Fraß vorwerfen. Die denken, das ist Käse, beißen rein und dann – nix wie weg, Speedy Gonzales.
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