Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Hübsche Winzigkeit: Das Frühlings-Hungerblümchen.  Fotos: Rücker

    Hübsche Winzigkeit: Das Frühlings-Hungerblümchen. Fotos: Rücker

  • Das Mauer-Drehzahnmoos leuchtet einen an.

    Das Mauer-Drehzahnmoos leuchtet einen an.

Liebe Leser,
den Horizont erweitern – dazu braucht es keine große Anstrengung. Ein genauer Blick auf kleine Wesen kann hierfür genügen. Nach einem Gang durchs hiesige Gäu spielen heute zwei hübsche Allerweltsarten die Hauptrolle.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er bekanntlich was erzählen. Fragt sich, ob ein Spaziergang oberhalb des Kreuzbachtals als Reise gewertet werden kann. Aber das ist ja das Schöne: Man muss gar nicht weit weggehen, um immer wieder Neues zu entdecken.

Als ich vergangenen Sonntag an Trockenmauern und Steinmännchen vorbeizog, fiel mein Blick auf ganz winzig kleine Blümchen. Fast hätte ich sie gar nicht gesehen oder eben als weiße Tupfen an der Mauerkrone registriert und abgehakt. Aber beim zweiten Blick, bei dem die Nasenspitze schon fast das Blütenblatt berührte, zeigte sich, dass dort oben klitzekleine Schönheiten wurzeln. Mit dem Zeigefinger gemessen, reichte das Blümchen vom Boden bis zur Blüte von der Fingerspitze bis zum ersten oder zweiten Gelenk. Himmelherrgottnochmal, jetzt weiß ich es nicht mehr. Wieso muss so ein Finger auch so viele Gelenke haben? Jedenfalls bewegt sich die Größe zwischen zwei und vier Zentimetern.

Die nächste Frage war dann auch nicht so leicht zu knacken: Wie heißt die Schöne überhaupt? Dabei wäre es bei ein wenig Nachdenken einfacher gewesen, denn der Winzling hat vier weiße Kronblätter, die in Form eines Kreuzes zueinander stehen. Kreuzblütler! Na klar. Ab da leistete auch der gute alte, bunte Kosmos-Naturführer „Was blüht denn da“ gute Dienste und führte auf die richtige Spur. Es ist das Frühlings-Hungerblümchen aus der Familie der Kreuzblütler, das hoch überm Kreuzbach und wohl schon auf Großglattbacher Markung auf dem Mäuerchen blüht.

Zwar war ich in Anbetracht der kleinen Schönheit zunächst der Meinung, etwas ganz Besonderes entdeckt zu haben. Dem ist jedoch nicht so. Auf Floraweb, der Seite des Bundesamts für Naturschutz, kommt Draba verna, so der wissenschaftliche Name des Frühlings-Hungerblümchens, derart unspektakulär daher, dass einem fast die Äuglein zuklappen. Keine Angaben hier, keine Bewertung dort, keine besondere Verantwortlichkeit – kurz und gut, es handelt sich um eine ungefährdete Allerweltsart, was ja auch was Positives ist.

„Es ist einer der unauffälligsten und kurzlebigsten Winzlinge unter den mitteleuropäischen Blütenpflanzen“, schreibt die Internetenzyklopädie Wikipedia zum Frühlings-Hungerblümchen. Beim Blick in das Bestimmungsbuch Schmeil/Fitschen wurde mir kurz etwas blümerant, weil dort eine Vielzahl an Arten unter der Gattung Draba aufgezählt werden, nur nicht mein Blümchen. Aber in dem Handbuch von 1982 ist die Blume noch unter dem Namen Erophila verna an einem Extraplatz zu finden.

Das einjährige Pflänzchen bietet immerhin etwas Nahrung für Insekten, auch wenn es zur Selbstbestäubung neigt. Mit einer Größe von zwei bis 25 Zentimetern wurzelt es, wie der Name schon sagt, gerne auf mageren Standorten. Es mag Licht und offene Flächen an Straßenrändern oder auch in Kiesgruben, Steinbrüchen und auf Äckern. Im Osten der Republik soll es fehlen und auch in Süddeutschland ist es nur zerstreut zu finden.

Viele Verwandte aus der Gattung Draba tummeln sich in Geröll- und Felslandschaften im Gebirge und heißen im Trivialnamen Felsenblümchen. Das macht das eine oder andere Exemplar auch für den Steingarten, in dem noch Spezialisten wachsen dürfen, interessant. So sollen beispielsweise das Rosetten-Hungerblümchen und das Olymp-Felsenblümchen als immergrüne Polster mit gelben Blüten geeignet sein, Mensch und Insekt im kargen Beet zu erfreuen.

Ein weiterer Hingucker zeigte sich unweit entfernt vom Hungerblümchen. Rötlich schimmerte es von der Steinkruste. Ein Moos, so viel war klar, aber welches? Auf der Internetseite des Bochumer Botanischen Vereins gibt es eine bebilderte Bestimmungshilfe in Sachen Moose. Mutig und doch leicht verzagt wage ich zu behaupten, dass es sich bei dem filigranen Gewächs um ein Mauer-Drehzahnmoos, wissenschaftlich Tortula muralis, handelt. Denn für eine korrekte Bestimmung bräuchte es mehr Fachwissen und wohl eine mikroskopische Beleuchtung des Gewächses. Für das Mauer-Drehzahnmoos spricht unter anderem der Standort, der Habitus und das Aussehen der Kalyptra genannten Haube, die die Sporenkapsel bedeckt. Tortula muralis gehört zu den häufigsten Moosen, die sich auf Mauern und Steinen wohlfühlen. Dieses Laubmoos ist sozusagen ein toller Hecht unter seinesgleichen, weil es sich als zartes Moospflänzchen auch in trockene Lebensräume vorwagt. Als Überlebenshilfe hat es seine kleinen Blättchen zu sogenannten Glashaaren ausgezogen. Diese weißlich-grauen Gebilde wirken als Schutz vor zu großer Einstrahlung, indem sie die einfallende Energie reflektieren.

Sonnendurchflutet, orangefarben leuchtend, ragen die Sporophyten nach oben. Der Sporophyt besitzt bei Moosen einen doppelten Chromosomensatz, während beispielsweise die grünen Blättchen einen einfachen Chromosomensatz haben. In der Sporenkapsel entwickeln sich die Sporen, die nach der Reife entlassen werden und auf entsprechendem Substrat einen algenähnlichen Vorkeim bilden. Hieraus entsteht die Moospflanze, an der sich die Geschlechtszellen entwickeln und später aus der befruchteten Eizelle schließlich wieder ein Sporophyt entsteht. Ist die Sporenkapsel gereift, sieht man bei vielen Laubmoosen das Peristom. Es handelt sich arttypisch angeordnete „Zähnchen“, die erst bei Trockenheit die Sporen entlassen.

Während Moose in der freien Natur häufig der Wegbereiter für die Ansiedlung größerer Pflanzenarten sind, haben sie sich in menschlichen Behausungen als Innenraumbegrünung etabliert – sind dann aber mitunter präpariert und tot. Lebendiges Moos als Wand hat sich im vergangenen Jahr in einige Städten einen Namen gemacht. Dort sollten die Pflänzchen den Feinstaub aufnehmen und die Luft reiner machen. Das Graue Zackenmützenmoos, das Zypressenschlafmoos und das Frauenhaarmoos am Stuttgarter Neckartor hatten allerdings stark unter der großen Trockenheit und dem starken Fahrtwind zu leiden und strichen teilweise die Segel. Vielleicht hätte sich unser auf Trockenheit geeichtes Mauer-Drehzahnmoos besser geschlagen. Immerhin ist es ihm so ziemlich egal, wenn es austrocknet, kann es doch bis zu 14 Jahre in trockenem Zustand überdauern, ohne seine Lebenslust einzubüßen, ist in der Diplomarbeit „Versuche zur Begrünung von Gebäudefassadenpaneelen mit Moosen“ von Judith Gätz zu lesen.

Unter anderem habe sich Tortula muralis bei Bepflanzungsversuch als sehr wuchsfreudig erwiesen. In Japan seien Moosgärten schon seit Hunderten von Jahren in und würden wegen ihrer beruhigenden Wirkung geschätzt, lässt die Diplomantin wissen. Herrlich.

Das ist ja überhaupt die Lösung! Falls Sie sich sonst alljährlich über das Moos im Rasen erregt und mit dem Vertikutierer geplagt haben, dann lassen Sie der Natur jetzt doch einfach ihren Lauf. An Ostern ist vielleicht schon das Riesenmoosnest im Garten gewuchert. Anregungen zum Gärtnern mit Moos gibt’s zum Beispiel im Moosgarten im Zenkloster Liebenau in Niedersachsen oder im Mooseum in einem Mitmach-Museum in Staudernheim. Für Lernwillige lockt der Moosgarten der Freien Universität Berlin. Das Gartenmotto für 2018 lautet folglich: Mit Moos was los.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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