Liebe Leser,
das Ei und der Hase gehören als Symbol der Fruchtbarkeit einfach zum Osterfest dazu, und auch Pflanzensamen, aus denen junges Grün hervorbricht, gelten als Zeichen der Hoffnung. Ein Blick in den heimischen Blumentopf lässt mitunter staunen.
Also, bei uns daheim ist das so: Meine Tochter isst gerne Avocados und zieht aus den Kernen in hingebungsvoller Pflege eine zarte, kleine Pflanze. Deren weiteres Gedeihen wird dann der Mutter übertragen. Bis jetzt habe ich mich wacker geschlagen, die Avocado lebt noch und ist inzwischen ein hübscher Mini-Baum. Wenn aus einem Samen eine neue Pflanze erwächst, ist das immer ein bisschen wie ein Wunder, was an dieser Stelle schon mal unter der Überschrift „Wunderwerk Samen“ gewürdigt wurde.
Wie im Pflanzenreich üblich schiebt sich auch bei der Avocado zuerst die Wurzel hervor, dann der Spross. Auffällig sind zwei dicke, weiße Hälften, aus deren Mitte Wurzel und Spross heranwachsen. Dabei handelt es sich um die Keimblätter, auch Kotyledonen genannt. Das mag erstaunen, kennt man doch herzförmige Keimblätter beispielsweise bei den Radieschen aus dem Garten als grüne, eben etwas anders geformte Blätter, die als erste ins Licht streben. So funktioniert das bei Pflanzen mit der sogenannten epigäischen Keimung, wie beispielsweise auch bei der Sonnenblume, dem Raps, Paprika und zahlreichen weiteren Gewächsen. Bei dieser Art der Keimung entfalten sich die Keimblätter über der Erde, ergrünen und dienen so lange der Fotosynthese, bis die ersten „richtigen“ Blätter einsatzfähig sind.
Bei der hypogäischen Keimung, wie im Fall der Avocado, bleiben die Keimblätter blass und bleich in oder auf der Erde und betreiben keine Fotosynthese. So halten es zum Beispiel auch Erbse, Bohne und die Eiche. Die Keimblätter sind dick und vollgepackt mit Speicherstoffen, die aufgezehrt werden, bis die ersten Laubblätter sprießen und das Pflänzchen überlebensfähig ist. Die Menge an Speicherstoffen macht diese Samen für die menschliche Ernährung besonders interessant. So steckt beispielsweise in Nüssen die Energie in Form von Fetten, bei Schmetterlingsblütlern wie Erbsen und Bohnen ist es vor allem der Speicherstoff Eiweiß, der ernährungsphysiologisch interessant ist. Aber wie ist das eigentlich mit den Getreidearten? Ihre Samenkörner sind vollgepackt mit dem Speicherstoff Stärke, aber sind sie nun die epi- oder die hypogäischen Keimer? Die Süßgräser, zu denen Getreidearten wie Weizen und Roggen zählen, haben sich eine ganz besondere Strategie zugelegt. Bei ihnen ist das Keimblatt zu einem speziellen Saugorgan umgewandelt, das die Nährstoffe an den Keimling vermittelt. Erst die Primärblätter erheben sich über den Boden. Es müsste sich botanisch betrachtet folglich um eine hypogäische Keimung handeln.
Doch nun zurück zu unserer Avocado. Die Pflanze mit dem wissenschaftlichen Namen Persea americana zählt zur Familie der Lorbeergewächse und lockt mit eher unscheinbaren weißen Blüten Insekten zur Bestäubung. Bei Erfolg wächst eine einsamige Beere heran, die Avocadofrucht. Nun könnte sich die Frage stellen, wieso es sich nicht wie bei der Kirsche um eine Steinfrucht handelt, sondern im botanischen Sinne eben eine Beere, wie es eine Weintraube, Johannisbeere oder auch Tomate ist. Bei Beeren wird die gesamte Fruchtwand – in der Regel zur Freude von Mensch und Tier – saftig-fleischig. Denn auf das Fruchtfleisch haben es die Geschöpfe abgesehen, die sich an der Frucht laben und die durch ihre Ausscheidungen häufig zur Verbreitung der Pflanzen beitragen. Im Innern einer Beere harren meist mehrere hartschalige Samen aus.
Bei Steinfrüchten sitzt der Samen dagegen gut geschützt in einem verholzten Kern, außen rum können trotzdem süße Fruchtanteile locken. Beispiele sind hier Kirsche, Mirabelle, Pfirsich, Zwetschge aber auch die Kokosnuss, die Mandel und Pistazie. Mandeln zählen somit ebenso wie Pistazie und Kokosnuss im botanischen Sinne nicht zu den Nüssen, sondern eben zu den Steinfrüchten. Bei echten Nüssen wie der Haselnuss sind alle drei Schichten der Fruchtwand verholzt. Das Innere, das wir bei der Haselnuss gerne knabbern, besteht vor allem eben aus den ölhaltigen Keimblättern. Zur Kategorie der botanischen Nüsse zählt neuerdings auch die Walnuss, die ich noch als Steinfrucht kennengelernt hatte. Außerdem beispielsweise die Eichel, Bucheckern und die Esskastanien. Die Avocado ist also eine Beere, deren Fruchtfleisch sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Schon die Azteken schätzten die im Regenwald wachsende Frucht.
Mittlerweile gibt es mehr als 400 Sorten der auch Butterfrucht genannten Avocado, die inzwischen nahezu überall dort angebaut werden, wo die Pflanze wachsen und gedeihen kann, dazu zählen inzwischen auch mediterrane Gefilde.
Das Fruchtfleisch von Avocados gilt heutzutage als supergesundes Superfood. Es ist durch den hohen Fettgehalt zwar sehr kalorienhaltig, in ihm schlummern aber zahlreiche ungesättigte Fettsäuren, die den Blutfettspiegel senken sollen. Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente stehen auf der Positivliste der Beere. Teilweise avancierte die Frucht zur Heilsbringerin und Retterin der Welt, wie die „Zeit online“ schrieb. Die Überschrift des Artikels lautete jedoch: „Das Märchen von der guten Avocado.“ Denn: Der intensive Anbau bedrohe Trinkwasser- und Waldbestände. Das mahnt auch die Stiftung Warentest an und rät unter anderem, Avocados in Maßen und nicht in Massen und zwar bewusst und als Genussmittel zu verzehren.
Außerdem ist die Frucht gefährlich. Der britische Chirurg Simon Eccles hatte sich vergangenes Jahr zu Wort gemeldet. Er müsse demnach mehrmals pro Woche Patienten behandeln, die bei der Öffnung ihrer Avocado mit dem Messer am glitischigen Kern abgerutscht seien und sich verletzt hatten. Der Begriff Avocado-Hand war geboren. Der Mediziner plädierte dafür, Warnhinweise auf der Frucht aufzubringen, setzte sich aber offensichtlich bislang nicht durch.
Eine wohl recht junge Mode in Sachen Avocado ist nicht ganz unumstritten, nämlich den Kern zu verspeisen. Neulich erzählte mir eine Vaihingerin, dass ihr jemand berichtet hätte, dass das Gesündeste an der Avocado der Kern sei. Im weltüberspannenden Netz finden sich zahlreiche Meinungen dazu, ob Avocadokerne nun ein tolles Superfood sind oder als giftig gemieden werden sollten. Die Verbraucherzentrale zu diesem Thema: „Die verfügbaren Informationen zu Avocadokernen und daraus hergestelltem Pulver, insbesondere zu den Inhaltsstoffen des Kerns, reichen aus Sicht des Bundesinstituts für Risikobewertung nicht aus, gesundheitliche Risiken, die von diesem Produkt ausgehen könnten, zu bewerten. Von dem Verzehr ist daher abzuraten“ Der Verkauf von Avocadokern-haltigen Nahrungsergänzungsmitteln sei in Europa nicht erlaubt. Gesichert ist, dass der im Kern enthaltene Bitterstoff Persin für fast alle Haustiere giftig ist.
Das Fruchtfleisch soll ja aber für uns Menschen wirklich gesund sein und wenn man die Pflanze zuhause zieht, ist die Ökobilanz auch viel besser. In seiner tropischen Heimat kann der Baum bis zu 20 Meter hoch werden. Das wird er in unseren Gefilden vermutlich nicht schaffen. Aber die Chance, dass die Pflanze Blüten entwickelt, besteht nach etlichen Jahren der erfolgreichen Pflege durchaus.
Hurra, dann dürfte es in der Auricher Aufzuchtstation bis zur ersten Avocado-Ernte nicht mehr weit sein. Das stimmt allerdings nur bedingt, denn an der Bestäubung wird es vermutlich hapern. In den zwittrigen Blüten reifen männliche und weibliche Blütenanteile nicht zeitgleich heran, beziehungsweise es besteht nur eine kurze Überlappungsphase. Am besten seien die Chancen, wenn verschiedene Baumtypen mit unterschiedlichen Reifephasen beieinanderstehen, raten die Experten.
Das kann nur eins bedeuten: Her mit noch mehr Bäumchen. Im Falle der Blütenbildung, die dann bestenfalls mit dem Erreichen meines Rentenalters zusammenfällt, muss die gesamte Aufmerksamkeit der Bestäubung gewidmet werden um schließlich Auricher Avocados ernten zu können. Oder noch besser: Wir züchten uns den neuesten Schrei, die Cocktailavocado. Die entsteht aus unbefruchteten Blüten und hat keinen Kern. Aber woraus soll man die dann ziehen? Lieber Osterhase, bring uns doch einen Baum mit kernlosen Avocados zu Ostern. Oder, viel besser, bring uns dorthin, wo die wilden Beeren wachsen. Danke schon mal.
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