Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Das Männchen im Auricher Garten ...

    Das Männchen im Auricher Garten ...

Liebe Leser,
der Bluthänfling ist schuld daran, dass ich am Tag der Arbeit fast erblindet bin. Wie das passieren konnte, dass dabei die eigene Dummheit und weniger das Vögelchen ursächlich ist und wieso sich das Ganze doch gelohnt hat, gibt es heute zu lesen.

Im fortgeschrittenen Alter, so mit über 50, darf es schon mal hier und da zwicken und zwacken. Bei mir hat es das ausgiebig und besonders schlimm am vergangenen Wochenende getan. Ist ja auch kein Wunder bei den Wettereskapaden – warm, kalt, warmer Wind, kalter Wind, Gewitter. Sogenannte Sferics sind dann in der Luft und stehen im Verdacht, wetterfühligen Menschen den Tag zu vermiesen. Aber das wäre schon wieder ein eigenes Thema für die Phänomene. Jedenfalls schleppte ich mich mehr schlecht als recht durch die freien Tage, als mich am 1. Mai eine laute Stimme aus meinem Selbstmitleid riss.

Ein Vögelchen pfiff offensichtlich zunächst seinen Unmut über den Greifvogel, der am Himmel seine Bahnen zog, in die Welt hinaus. Kurz darauf startete der Piepmatz ein Konzert der Sonderklasse, und zwar mitten auf meiner Terrasse. Das ist nicht ganz korrekt, er musste irgendwo unmittelbar über der Terrasse sitzen, denn er war ganz nah, das ließ sich eindeutig hören. Dann kam, was kommen musste: Ich blickte hinauf in die Pfeifrichtung, hinein in die gleißend hellen Wolken am Himmel, und sah nichts. Himmelherrgott, wieso sieht man diese Vögel nicht, wenn doch das Ohr ganz genau ortet, wo sie sein müssten?

Dann trafen meine Augen endlich doch das Ziel. Der kleine Kerl saß völlig unerschrocken und laut singend auf einem Zweig des Walnussbaums, fast genau vor meiner Nase. Und er gab stimmlich alles. Von Gesang zu reden ist in diesem Fall meiner Ansicht nach etwas gewagt. Denn die Strophen, die Knilch aus seinem Schnäbelchen presste, entbehrten so ziemlich jeglicher Melodie.

Was der Vogel von sich gab, hatte durchaus einen hysterischen Anflug und eine verzweifelte Note im Abgang. Der Kosmos Vogelführer beschreibt die häufigen Gesangselemente als „piuuu“, „trrrüh“ und „tu-ki-jüü“. Immerhin: Der Bursche, der etwas kleiner als ein Spatz daherkommt, hat ein umfangreiches Repertoire, in das er gerne auch Elemente anderer Vogelstimmen einfließen lässt.

Das Peinliche ist, dass ich als alter Biologe nicht auf Anhieb wusste, wer da sitzt und trällert. Aber immerhin war mir klar, dass es sich um keinen der alltäglichen Besucher handelte. Da sich der kleine Kerl im schlimmen Gegenlicht gar nicht erkennen ließ, zückte ich das Handy. Glücklicherweise hatte ich neulich entdeckt, wie das mit der Belichtungskorrektur funktioniert und tatsächlich, auf dem Foto zeigte sich eine verräterisch blutrot gezeichnete Brust. Da war ich mir zu 98 Prozent sicher, dass da ein Bluthänfling zu Gast ist und Stimmung macht. Ich war natürlich beglückt, weil ich diese Vogelart maximal erst dreimal in meinem – wie eingangs erwähnt – schon länger währenden Leben gesehen hatte. Und ich glotzte so lange zum Vögelchen, dass mich das grelle Licht der Wolken fast erblinden ließ. Aber es hat sich gelohnt, denn Bluthänflinge hat man schließlich nicht alle Tage im Garten.

Der Bluthänfling mit dem wissenschaftlichen Namen Carduelis cannabina oder auch Linaria cannabina, gehört in der Gruppe der Singvögel zur Familie der Finken. Vertreter aus diesem Verwandtschaftskreis verbindet in der Regel eine ausgeprägte Sangesfreude. Außerdem liebt der Bluthänfling die Geselligkeit und rottet sich mitunter sogar zum Brüten in kleinen Kolonien zusammen.

In Baden-Württemberg ist der hübsche Bursche auf der aktuellsten Roten Liste der gefährdeten Brutvogelarten (Stand Ende 2013) inzwischen als stark gefährdet eingestuft. Als Faktoren hierfür nennt die Landesanstalt für Umwelt unter anderem den Verlust von Brut- und Nahrungshabitaten durch Ausräumen der Landschaft und Intensivierung der Landwirtschaft; den Verlust von geeigneten Lebensraumstrukturen wie blütenreichen Brachflächen; einen Rückgang von Streuobstwiesen mit altem Baumbestand; weitgehendes Fehlen von Stoppelbrachen im Winter sowie zunehmende Anwendung von Düngemitteln und Bioziden.

Schutz- und Fördermaßnahmen liegen demzufolge auf der Hand: Extensivierung der Landwirtschaft; Schaffung von reichhaltigen Strukturen in der offenen Landschaft; Erhaltung oder Neuanlage extensiv genutzter oder ungenutzter linearer Landschaftsstrukturen wie Hecken, Feldraine, Erd- und Graswege und Wegränder; Erhaltung von Ruderalflächen und Streuobstwiesen; Erhalt kleinbäuerlicher Strukturen; Reduzierung der Verwendung von Düngemitteln und Bioziden. Als Brutbestand werden 7000 bis 10 000 Paare für Baden-Württemberg angegeben.

Wie so oft in der Vogelwelt sind die Männchen des Bluthänflings im Prachtkleid zur Brutzeit bunter gefärbt als das Weibchen. Auffällig sind dann die karminrote Stirn und Brust. Die Vogelfrau zeigt sich ganzjährig in stilvollen Brauntönen befiedert. Mit seiner Gattin verbindet den Vogelmann eine lebenslange Partnerschaft.

Gleichberechtigt wird der Nistplatz auserwählt. Das Männchen schlägt vor, und während das Weibchen probesitzt, pfeift ihm der Göttergatte ein Liedchen. Wie putzig. Das Pärchen baut gemeinsam ein Nest, das in nicht allzu großer Höhe in Hecken und Fichten gefertigt wird. Sehr schön hat Fabeldichter Magnus Gottfried Lichtwer im 18. Jahrhundert in seinem Gedicht „Der Hänfling“ erklärt, wieso gerade dort und nicht in einer hohen Eiche (der Blitz) oder am Boden (Gewürm): „Da baut er sich das dritte Haus, und las ein dunkles Büschchen aus, wo er den Wolken nicht zu nahe, doch nicht die Erde vor sich sahe, ein Ort, der in der Ruhe liegt; da lebt er noch und lebt vergnügt.“

Die Überlebenschance der Vogelart hängt auch vom Nahrungsangebot, das großteils aus Sämereien von Wildkräutern besteht, ab. Ihrem Namen zur Ehre haben die Vögel anscheinend ein Faible für rötliche Sämereien. Insgesamt könnten Bluthänflinge uns zum Vorbild dienen: wenig streitsüchtig, gerne gemeinsam unterwegs, nicht territorial und wenn es den einen am Nacken juckt, krault der andere ihn bei Sympathie mit seinem Schnabel durch. Bei der Stunde der Gartenvögel des Nabu wurden im vergangenen Jahr im Kreis Ludwigsburg in 204 Gärten 5837 Vögel gezählt, darunter waren fünf Bluthänflinge. Vom 10. bis 13. Mai wird übrigens wieder gezählt.

Die meisten dieser ruhe- und rastlosen Finkenvertreter bleiben den Winter über bei uns, als Strichvögel fliehen sie vor allzu schlechtem Wetter beispielsweise nach Südfrankreich. Im 19. Jahrhundert sei der Bluthänfling der „Kanarienvogel“ des kleinen Mannes gewesen, schrieb Michael Naumann einst in der „Zeit online“. Er sei leicht zu fangen gewesen und „blieb auch im Käfig ein liebenswürdiges Vögelchen“. Freilandfänge sind inzwischen natürlich verboten.

Und jetzt verrate ich Ihnen was. Erstens hat der Roßwager Vogelexperte aus Leidenschaft, Joachim Sommer, nach Sichtung des Fotos und Hören der Hörprobe bestätigt: „Ja, das ist ein Bluthänfling-Männchen. Typisch die rötliche Kehle, übrigens auch die Stirn sowie der leicht eingebuchtete Schwanz und der Gesang.“ Hurra! Sommer weiter: „Der Hänfling ist sowieso mein Lieblingsvogel, weil er mein erstes bewusstes Vogelerlebnis als Kind war. Er hat bei uns in Korntal in den 50er Jahren in einer Eibenhecke gebrütet und ich habe ziemlich lang gebraucht – noch ohne Fernglas und Bestimmungsbuch – bis ich ihn identifizieren konnte. Leider ist auch er zurückgegangen, kommt aber in alten Weinbergen und naturnahen Gärten, im Winter auch gerne auf Ruderalflächen mit Unkrautsamen, mehr oder weniger häufig vor. Das sind schöne Beobachtungen.“ Das stimmt.

Die allerschönste Beobachtung folgte jetzt, am Abend des 2. Mai. Als ich aus der Redaktion heimkam, zeigte sich draußen vorm Fenster Verdächtiges im Sommerflieder. Ein Hänflingsweibchen stopfte Federchen in den Busch. Die wollen bei mir brüten! Liebe Mitmenschen, Katzen und mögliche Unbilden des Lebens. Bitte nehmt Rücksicht, mit mir ist jetzt nicht mehr zu spaßen. Die Aufregung lässt mich zum hypernervösen Hänfling werden, denn ... ich werde Vogeloma!

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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