Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Schlaf, Blattwespe, schlaf! Ein Weibchen von[[em]] Tenthredo koehleri [[/em]]im Blütenbett. Foto Rücker

    Schlaf, Blattwespe, schlaf! Ein Weibchen von[[em]] Tenthredo koehleri [[/em]]im Blütenbett. Foto Rücker

Liebe Leser,
bei der täglichen Umrundung Aurichs gibt es immer wieder Entzückendes zu entdecken – wie neulich ein schlafendes Insekt in der Butterblume.

Keine Ahnung, wie oft der Auricher Hasenlauf im Lauf der Jahrzehnte schon unter meinen Sohlen war. Aber Naturfreunde wissen natürlich, dass jeder Tag und jeder Morgen neue Entdeckungen bereithält. Seit einigen Tagen dudelt zum Beispiel der Pirol wieder sein exotisches Lied – unsichtbar in den Baumwipfeln verborgen.

Man ist geneigt, dem Gutsten ein lautes „Grüß Gott, auch wieder da, freut mich“ entgegenzuschmettern. Immerhin hat er den weiten Flug aus Afrika hinter sich gebracht. Respekt!

Weitaus weniger spektakulär, weil geräuschlos und etwas im Verborgenen spielen sich ebenfalls kleine Wunder ab. So schaute ich neulich morgens noch träge aber durchaus in Eile – die Redaktion rief – im Vorbeihuschen einen Rain am Waldrand an. Stopp, was war das? In der Butterblume war irgendetwas drin.

In der Ranunculusblüte hatte es sich offensichtlich ein Insekt bequem gemacht. Schon einmal hatte mir jemand erzählt, sie habe schlafende Hummeln in Krokusblüten entdeckt. Das hielt ich damals noch für unwahrscheinlich. Ich nehme hiermit alle Skepsis zurück, denn es stimmt: Hautflügler schlummern gerne in Blüten. Sehr schön beschrieben hat das der Biologe und Wildbienenexperte Dr. Paul Westrich auf seiner Homepage www.wildbienen.info unter dem Stichwort Schlafgewohnheiten. „Nachts, bei schlechtem Wetter oder in den Mittagsstunden sehr heißer Tage sind Wildbienen in der Regel inaktiv. Sie ruhen dann entweder in ihren Nestern, in sonstigen Hohlräumen, graben sich ein oder suchen Blüten auf“, schreibt Westrich. Andere würden sich dagegen, oft zu mehreren, unter die Körbchen von Kardengewächsen oder Korbblütlern hängen. „Manche beißen sich mit den Mandibeln an einem Blattstiel, an einem kleinen Zweig oder an einem Grashalm fest und verharren regungslos mit hängendem oder waagrecht abstehendem Körper“, so der „Wildbienen-Papst“ weiter. Also mit den Beißwerkzeugen waagrecht irgendwo dranhängen klingt ja nicht so prickelnd, aber eine Blüte als Himmelbett, das kann man sich schon gut vorstellen, finde ich.

Nachdem das Tierchen in seinem gelben Schlafgemach auf einem Foto verewigt war, musste ich einfach vorsichtig testen, ob es tatsächlich nur schläft. Also berührte ich zart den Fühler. Unwillig regte sich der kleine Hautflügler und es war klar, dass er lieber noch länger im Land der Träume (träumt so ein Insekt was?) verbleiben möchte. Später galt es, eine schwere Nuss zu knacken: Um welche Art handelt es sich bei der Schläferin? Hier konnte nur Spezialist Westrich helfen und er gab den entscheidenden Tipp: Es handle sich um eine Blattwespe. Eine Sippschaft der Pflanzenfresser, deren Larven sich an Gewächsen gütlich tun. „Blüten werden oft als Schlaforte genutzt“, fügt Westrich noch an. In Deutschland gebe es eine große Anzahl von Arten bei den Blattwespen.

Das ist ja erschütternd, denn bei der genauen Artbestimmung bin ich wieder auf mich allein gestellt. Westrich widmet sich eben vorrangig den Wildbienen, und da gehören die Blattwespen nicht dazu. Kurz gesagt zählen Wildbienen und Blattwespen zwar gemeinsam zur zoologischen Ordnung der Hautflügler, wissenschaftlich Hymenoptera. Allerdings gehören die Blattwespen zur Unterordnung der Pflanzenwespen und die „Wildbienen“, die es im zoologischen Sinne gar nicht gibt, zur Unterordnung der Taillenwespen.

Bei unserem Exemplar handelt es sich also um eine Pflanzenwespe, die keine Wespentaille vorweisen kann. Nun zeigt es sich, dass zu allem Überfluss die Familie der Echten Blattwespen, oder kurz Blattwespen, mit global rund 9000 Arten die größte im Kreis der Pflanzenwespen ist. Obendrein ist die Blattwespengattung Tenthredo, die mir wahrscheinlich erscheint, laut Senckenberg-Gesellschaft die größte Gruppe dieses Familienkreises. 900 Arten werden weltweit unter diesem Gattungsnamen behandelt. Trotzdem meine ich herausgefunden zu haben, wer da in der Butterblume nächtigt und wage zu behaupten, dass es sich um ein Tierchen namens Tenthredo koehleri, für das es keine offizielle deutsche Bezeichnung gibt, handelt. Zur Ruhe gebettet hat sich ein Weibchen, erkennbar an drei aufeinanderfolgenden hellen Streifen am Hinterleib. Der Hinterleib von Männchen weist nur zwei helle Streifen auf.

Besonders niedlich ist ein Video auf Youtube, das eine Tenthredo-koehleri-Dame beim Aufwachen zeigt. Das sind fast dreieinhalb Minuten Entspannung, wenn man die Zeit und Muße hat, sich das anzusehen. Benetzt von Blütenstaub putzt sich die Aufwachende erst mal das rechte Auge, um danach auf dem Blütenboten ein Frühstück aus Blütennektar mit den erstaunlich mächtigen Mundwerkzeugen zu sich zu nehmen. Das Filmchen ist im Internet bei Videos unter dem Stichwort „Blattwespe Tenthredo koehleri“ zu finden.

Spärlich sind die Informationen, die es zu Tenthredo koehleri gibt. Geranien- und Hahnenfuß-Blüten soll sie lieben; die Larven an Schaumkräutern und Storchschnabelgewächsen leben. Die Adulten, also erwachsenen Tiere, sind von April bis Juli zu finden, sie ernähren sich von Pollen und Nektar. Damit erschöpft sich so ziemlich, was über die Art herausgefunden werden konnte. Auch im Bestimmungsbuch „Brohmer – Fauna von Deutschland“ folgt dem dürren Satz „viele häufige Arten“ unter Tenthredo nichts Erhellendes zu unserem Exemplar.

Deshalb nutze ich den Platz jetzt einfach, um nochmal Werbung für die Homepage von Paul Westrich zu machen. Dort, ganz unten beim Stichwort Nisthilfe, kann derjenige, welcher sich eine Wildbienenwiege bauen möchte, essenzielle Tipps holen. Denn viele, auch gekaufte, sogenannte Wildbienenhotels, sind demnach suboptimal konzipiert „Ich empfehle, die Vorschläge genau zu lesen und möglichst auch zu befolgen“, schreibt Westrich zu seinen Tipps. „Sie beruhen auf 38 Jahren Erfahrung mit der Ansiedlung und Förderung von Wildbienen. Nicht die optische Ästhetik einer Nisthilfe oder eines Wildbienenhauses ist entscheidend für deren Besiedlung, sondern ihre Qualität, die sich möglichst an dem natürlichen Vorbild orientiert und dieses nachahmt“, rät der Wildbienenexperte. Zur Frage, ob Wildbienen stechen, schreibt Westrich: „Gegenüber Menschen zeigen unter den heimischen Arten lediglich die Honigbiene und manche Hummeln ein Verteidigungsverhalten im Nestbereich. Die übrigen Bienen einschließlich der eusozialen Schmalbienen (Lasioglossum) verteidigen ihre Brut nicht, selbst wenn man sich an Stellen aufhält, wo Tausende von Weibchen dicht beieinander nisten.“ Also, auf geht’s an die Werkbank, sinnige Nisthilfen bauen und natürlich im Garten für feines Futter sorgen.

Zurück zu den Blattwespen: Wer die sieht freut sich nicht immer, denn es tummeln sich auch Schädlinge in dieser Tiergruppe, wie beispielsweise die Kirschblattwespe (Caliroa cerasi) oder die Kohlrübenblattwespe (Athalia rosae). Was aber wirklich gar nicht schön ist, ist das, was Phymatocera aterrima, die Maiglöckchen-Blattwespe, tut. Sie kann Maiglöckchen durch den Hunger ihrer Larven ratzekahl fressen. Da hört die Insektenliebe dann selbst bei mir fast auf. Maiglöckchen wiederum können mit ihrem Gift diverse Tiere oder auch Menschen meucheln. Da scheint die Blattwespe ja geradezu harmlos. Oder, frei nach Albert Einstein: Alles ist relativ.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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