Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Mama Gänsesäger mit Nachwuchs auf der Enz.  Foto: Mede

    Mama Gänsesäger mit Nachwuchs auf der Enz. Foto: Mede

Liebe Leser,
ein Anblick, der beim Vogelliebhaber Entzücken auslöst, ist die Gänsesägermama mit Gefolge auf der Enz. Die Fischjäger sind aber nicht nur beliebt.

Der große Fang an der Enz gelang neulich dem Eberdinger Berthold Mede in Oberriexingen. Er war zwar nicht mit der Angel, aber mit dem Fotoapparat auf Pirsch und da kam ihm eine Vogelmama mit sage und schreibe zehn Kleinen im Schlepptau vor die Linse. „Der Oberknaller“, kommentiert er sein Foto, „Gänsesäger mit Nachwuchs – an der Enz noch nie gesehen.“

Das Bild wird natürlich gleich an unseren Vogelexperten aus Leidenschaft, Joachim Sommer aus Roßwag, weitergeschickt. „Das ist nun wirklich eine Super-Erfolgsgeschichte mit dem Gänsesäger“, lautet seine erfreute Antwort, „und das Foto mit Mutter und zehn Jungen auf der Enz – höchst erfreulich.“ Ende des vorigen Jahrhunderts sei der Gänsesäger in Baden-Württemberg ausgestorben gewesen. „Die letzten Vorkommen gab es in den 80er-Jahren in der Wutachschlucht im Südschwarzwald“, schreibt Sommer. Massive Störungen durch Kanuten hätten zum Verschwinden geführt. Durch Schutzmaßnahmen und Zuwanderungen aus Bayern und der Schweiz seien dann Wiederansiedlungen in Oberschwaben und vereinzelt im Mittleren Neckarraum gelungen. „Bei uns hier an der Enz konnte ich seit 2004 jeden Winter einige Exemplare als Wintergäste beobachten und hatte natürlich insgeheim die Hoffnung, dass sie sich auf Dauer ansiedeln“, so der Roßwager weiter.

„Und tatsächlich: Seit 2015 ist der Gänsesäger Brutvogel auf der Enz! Ausschlaggebend hierfür war zweifellos die neue Regelung für den Bootsverkehr, sodass wir diese eindrucksvolle Spezies als neue Art bewundern können“, schlussfolgert der Vogelkenner. Hinzu komme der Umstand, dass an der Enz noch viele alte Pappeln mit Brutmöglichkeiten stehen, denn der Gänsesäger sei erstaunlicherweise Höhlenbrüter. „Es geht also nicht immer nur alles den Bach hinunter, sondern manchmal haben wir Vogelliebhaber auch Sternstunden“, jubiliert Sommer.

Dass es sich um Vögel handelt, wird auch der absolute Laie sehen. Dass es aller Wahrscheinlichkeit keine Sing- sondern eher Wasservögel sind, auch. Doch wie ist das Tier mit dem schnittigen Aussehen in der Systematik der Zoologie weiter einzuordnen? Die Einteilung der Wasservögel ist eine recht verwirrende Angelegenheit, weshalb wir uns kurzfassen werden. Zur Ordnung der Gänsevögel zählt die Familie der Entenvögel, welche so bekannte Vertreter wie Enten, Gänse und Schwäne in sich vereint. Vertretern der Unterfamilie Ente, wissenschaftlich Anatinae, sind folgende Merkmale gemeinsam: Der gedrungene Körperbau, die kurzen Beine, die relativ weit hinten am Körper angesetzt sind und die zu dem charakteristischen watschelnden Gang führen. Ferner sind die durch Schwimmhäute verbundenen Vorderzehen der Füße ein verbindendes Merkmal der Entenfamilie. Bei allen Vertretern der Enten haben die Küken ein dichtes Dunenkleid und sind Nestflüchter. Hierzu zählt die nach Pflanzen und Kleingetier gründelnde Stockente, aber auch die Gattung der Säger, wissenschaftlich Mergus.

Nun zeigt sich auch, warum die Säger nicht so niedlich-plump wie die Stockente wirken, sondern eben schnittig: Sie sind Fischjäger und ihr speziell dazu ausgelegter Schnabel gibt ihnen ein etwas strenges Aussehen. Der Schnabel ist an seinen Außenrändern gesägt und vorne mit einem Haken versehen, sodass der Fischjäger seine Beute beim Tauchen schnappen und festhalten kann.

Mit einer Köperlänge von rund 60 bis 70 Zentimetern und einer Spannweite von bis zu 94 Zentimetern ist der Gänsesäger Mergus merganser, wie er wissenschaftlich heißt, deutlich größer als die allseits bekannte Stockente. Das Männchen macht im überwiegend weißen Prachtkleid mit dunklem, grünschimmerndem Kopf und einer „pomadig gekämmten Mähne“ (Kosmos Vogelführer) richtig was her.

Den Winter verbringen die Vögel in Trupps an Meeresküsten und auf größeren Seen im Binnenland, informiert das Bundesamt für Naturschutz (BfN). Ab Februar/März kommen sie in ihre Brutgebiete zurück. In Deutschland treten sie vor allem entlang der großen Flüsse sowie an großen Bagger- oder Waldseen auf. Die Paare haben sich schon im November zusammengetan und bleiben sich eine Brutsaison lang treu. Die Vogeldame sucht am Brutort eine schöne Baumhöhle. Auch Nisthilfen, Häuser- oder Mauernischen, Felslöcher, ausgehöhlte Baumwurzeln und Kopfweiden werden akzeptiert. Das Nest wird mit Daunenfedern ausgepolstert. Da es zu wenig geeignete Nistplätze gibt, komme es regelmäßig vor, dass zwei Weibchen ihre Eier in einem Nest zusammenlegen, heißt es beim BfN.

Bald folgt das Spektakel, das nichts für schwache Nerven ist: Nach dem Schlüpfen springen die Jungen mit gespreizten Flügeln und Füßen aus der Baumhöhle. Wohlgemerkt sind die Kleinen null Komma null flugfähig. Es gibt Filmdokumente, auf denen sich die Winzlinge aus schwindelerregender Höhe aus einem Brutkasten auf den Asphalt stürzen, sich kurz durchschütteln und fröhlich der Mama hinterherwatscheln. Gelegentlich transportiere das Weibchen die Jungen auch in seinem Rückengefieder aus der Bruthöhle, so das BfN weiter.

In den ersten Tagen ernähren sich die Jungtiere von kleinen Partikeln, die auf der Wasseroberfläche schwimmen, der sogenannten „Anflugnahrung“. Nach zehn Tagen beginnen die Jungen unter Wasser zu jagen, wobei sie anfangs von ihren Eltern begleitet werden. Kleinere Jungvögel werden beim Schwimmen auf dem Rücken des Weibchens getragen. Diesen Luxus genießt ja auch eines der Enz-Küken auf dem Foto. Nach 60 bis 70 Tagen werden Gänsesäger flügge. In Deutschland wird der Bestand auf ungefähr 1000 Brutpaare geschätzt (Stand 2013). Der Gänsesäger konnte in Baden-Württemberg von der Roten Liste der gefährdeten Vogelarten genommen werden.

Gänsesäger sind ausgezeichnete Taucher. Sie schwimmen mit dem Kopf unter Wasser und suchen dabei nach Beute. Im Winterquartier jagen Gänsesäger gemeinsam, indem sie Ketten bilden und sich gegenseitig Fische zutreiben, informiert das Bundesamt für Naturschutz weiter. Sie jagen überwiegend in Wassertiefen bis zu fünf Metern, können aber bis über zehn Meter tief tauchen, wobei sie fast eine Minute lang unter Wasser bleiben können. Der Gänsesäger ernährt sich hauptsächlich von Klein- und Jungfischen bis zu einer Länge von etwa zehn Zentimetern. Aber auch längere, schlanke Fische wie der Aal sind im zackigen Schnabel willkommen. Im Süßwasser jagt der Gänsesäger vor allem Weißfischarten wie Rotauge, Rotfeder, Hasel sowie Seefischarten wie Felchen, Forellenartige und Flussbarsche. Dieser Umstand bringt dem Vogel wie auch anderen Gefiederten, die sich an Fischen laben, mitunter keine Sympathiepunkte bei Fischern und Anglern. Fischer an der Isar in Bayern sehen zum Beispiel besonders die Äsche bedroht. In Deutschland unterliegt der Gänsesäger grundsätzlich dem Jagdrecht, hat jedoch eine ganzjährige Schonfrist und darf daher nicht gejagt werden, so das BfN.

Manchmal muss sich sogar die Polizei mit der Vogelart befassen. Vor fast genau zwei Jahren konnte die Polizeidirektion Lübeck Folgendes vermelden: „Da war Mutter Gänsesäger doch ein wenig überfordert! Gemeinsam mit ihren zwölf Küken rannte sie am vergangenen Samstag (14. Mai 2016) in der Lübecker Innenstadt hin und her. Da sie und ihre Kinderschar nicht mit den Verkehrsregeln klar kamen, unterstützten Polizeibeamte des 1. Polizeireviers den Heimweg zur Trave und stoppten teilweise den Fahrzeugverkehr für die Großfamilie.“ Bravo, danke Polizei, Freund und Helfer aller Kreaturen!

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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