Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Der kleine Leo bei der Erstversorgung.  sr

    Der kleine Leo bei der Erstversorgung. sr

Liebe Leser, vielleicht haben sie am Mittwoch die Geschichte von Leo, der kleinen Zwergfledermaus gelesen. Ein guter Anlass, die Winzlinge mal näher vorzustellen. Sie gehört zu den kleinsten Säugetierarten, die unsere Erde bevölkern und kann sich obendrein noch fliegend fortbewegen: die Zwergfledermaus. Sie passt mit gefalteten Flügeln in eine Streichholzschachtel und wird nur maximal 5,1 Zentimeter lang. Sie ist ein Zwerg, auch unter den 25 heimischen Fledermausarten, und doch ein Sammelsurium der erstaunlichsten Fähigkeiten der Tierwelt. Am Montag hatte ich eine junge Zwergfledermaus in misslicher Lage in Vaihingen entdeckt und, wie berichtet, an Ewa Paliocha von der Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz übergeben. „Ich liebe alle Tiere“, antwortete die Diplom-Biologin auf die Frage nach ihrer Lieblingstierart. Aber bei den Fledermäusen sei die Lebensweise sehr spannend, zudem gebe es hier noch „viel zu entdecken“. Die Jäger der Nacht sind irgendwie wirklich der Wahnsinn. Sie gehören mit den nahe verwandten Flughunden zur zoologischen Ordnung der Fledertiere, den Chiro-ptera, also Handflüglern. Fledertiere sind die einzigen Säugetiere, die sich aktiv fliegend den Luftraum erschlossen haben, im Fall der Fledermäuse schon seit gut 50 Millionen Jahren. Ihre Flügel bestehen aus zarter, widerstandsfähiger Haut, die zwischen den stark verlängerten Fingern, Beinen und Rumpf gespannt ist. Sie ruhen, indem sie kopfüber hängen und sie nutzen Ultraschall zur Orientierung und zum Jagen. Wie irre ist das denn? Die Zwergfledermaus trägt den lustig klingenden wissenschaftlichen Name Pipistrellus pipistrellus, von dem ich leider keine Übersetzung parat habe. Ihr Leben beginnt als gerade mal hummelgroßes, nacktes und blindes Wesen, aber immerhin schon mit Milchgebiss ausgerüstet. Mutter Fledermaus hat es beim Geburtsvorgang nicht ganz leicht, denn sie hängt meist nach Fledermausmanier mit dem Kopf nach unten und presst das Junge gegen die Schwerkraft aus ihrem Körper. Sie ist mit den Beinen und Daumenkrallen festgehakt und kann das Kleine so mit ihren Flügeln in einer Art Hängematte in Empfang nehmen. Zur Not gibt es als Fallschutz noch die Nabelschnur, die später durchgebissen wird. Mit auch für uns hörbaren Rufen macht sich das Kleine nach der Geburt auf den Weg in Richtung der zwei mütterlichen Zitzen. Doch die heimelige Phase hat bald ein Ende, denn Muttern muss jagen gehen und dabei wäre der Nachwuchs nur hinderlich. So bleiben die Jungtiere von der ersten Abenddämmerung an allein in der sogenannten Wochenstube, in der sich die Weibchen ab Mai zusammengetan haben, und versuchen, sich gegenseitig Nähe und Wärme zu geben. Nach wenigen Tagen öffnen sich die Augen der Jungen, die Haare sprießen und schon bald brechen die bleibenden Zähne durch. Wer hätte gedacht, dass auch Dracula mal Milchzähnchen gehabt hat? Wochenstubenkolonien von Zwergfledermäusen bestehen in der Regel aus 50 bis 100 Müttern und befinden sich meist in Gebäuden. „Zwergfledermäuse sind hoch spezialisierte Fassadenspaltenbewohnerinnen“, schreibt der Fledermausschutz der Schweiz. Sie zwängen sich gerne in engste Ritzen und Spalten. Erwachsene Männchen verstecken sich dagegen tagsüber meist einzeln und fallen kaum auf. Die wichtigen Spaltverstecke fallen mitunter Gebäudesanierungen zum Opfer, was den Fledertieren insgesamt zu schaffen macht. Wer Zwergfledermäuse zu seinen Untermietern oder Nachbarn zählt, kann sich glücklich schätzen, denn die Hauptnahrung besteht aus kleinen Mücken, Fliegen und Kleinschmetterlingen. „Zwergfledermäuse jagen in der Dämmerung rund um ihr Tagesschlafquartier. Mit großem Appetit verschlingt jeder dieser Winzlinge pro Nacht bis zur Hälfte des eigenen Körpergewichts: Das sind gut und gerne mehr als 2000 Kleininsekten!“, meinen die Schweizer Schützer. Im Flug jagt die Zwergfledermaus in wenigen Metern Höhe meist entlang von Gewässern, Hecken und Baumbeständen aber auch im Schein von Straßenlaternen. Ein bis zwei Junge bringt das Fledermausweibchen zur Welt. Es wird vermutet, dass nur bis zu 40 Prozent der Jungen das zweite Lebensjahr erreicht. Laut Bundesamt für Naturschutz lag das bislang nachgewiesene Höchstalter einer Zwergfledermaus bei 16 Jahren und sieben Monaten. Das Durchschnittsalter beträgt um die sechs Jahre. Im Alter von rund vier Wochen sind Zwergfledermäuse entwöhnt und selbstständig. Vornehmlich Jungtiere machen sich nun bei sogenannten Invasionsflügen mit verschiedenen Quartieren vertraut und geraten so mitunter auch in Wohnungen hinein oder verenden, wenn sie aus einem erkundeten Ort nicht mehr herauskommen. „Während der sommerlichen Erkundungsflüge zu den Winterquartieren, die bereits Ende Mai beginnen, legen die Zwergfledermäuse Entfernungen bis zu 40 Kilometer zurück“, schreibt das Bundesamt für Naturschutz. Winterquartiere befinden sich überwiegend oberirdisch beispielsweise in und an Brücken und Gebäuden, in Gewölbekellern, in Ritzen. Bei den Paarungsquartieren, also sozusagen den Liebesnestern, kann es sich um Baumhöhlen aber auch schon um die Winterquartiere handeln. Die Männchen stoßen während des Flugs ein Liebeslied aus, das auch wir hören können und locken die Damen zum Ort der Kopulation. Teilweise werden die Männchen aber auch während des Winterschlafs von der Begierde überfallen, erwachen und beißen eine Auserwählte, paaren sich mit ihr und hängen sich wieder hin. Eine Besonderheit des Fortpflanzungsgeschehens bei Fledermäusen ist die Fähigkeit der Weibchen, den Samen ab der Kopulation den Winter über speichern können. Im Frühjahr erfolgt dann erst die Befruchtung und das Weibchen ist anschließend laut Nabu je nach Witterung sechs bis acht Wochen trächtig. „Zwischen den Geschlechtern gibt es optisch keine auffälligen Unterschiede“, schreibt die Deutsche Wildtierstiftung zu den Fledermäusen. Ha, da mag ich heftig widersprechen, habe ich doch mit eigenen Augen Leos Schniedel gesehen. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné zählte die Flattertiere im 18. Jahrhundert gar zu den Primaten, also zur engen Verwandtschaft des Menschen, da der Fledermausmann einen freihängenden Penis (Penis pendulum) und die Dame ein Zitzenpaar hat, berichtete der Bayerische Rundfunk. Bei der Jagd fällt der kleine Flieger durch einen hektischen Flug und abrupte Richtungsänderungen auf. „Junge Zwergfledermäuse sind neugierig“, schreiben die Schweizer Fledermausschützer. Bei ihren Erkundungstouren würden sie deshalb manchmal ungewollt aus dem Quartier fallen. Da sie noch nicht fliegen können, liegen sie dann piepsend am Boden. Tipps gibt es in so einem Fall bei der Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz Baden-Württemberg, das Nottelefon ist erreichbar unter der Nummer 01 79 / 4 97 29 95. Alle heimischen Fledermausarten sind streng geschützt, die gut 20 im Ländle stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten, die Zwergfledermaus gilt als gefährdet. Die intensive Landwirtschaft und zunehmende Abdichtung an Gebäuden gelten laut Naturschutzverbänden als Grund für den Rückgang der Fledermauspopulationen. Auch an Windrädern kommen die Tiere zu Tode. Und, ja jetzt halten Sie sich fest, auch die Kohlmeise trägt zum Fledermaussterben bei. „In der Not frisst die Meise Fledermäuse“, titelte die Max-Planck-Gesellschaft einst. Bei geschlossener Schneedecke vergriffen sich die fröhlichen Piepmätze in einer ungarischen Höhle an winterschlafenden Zwergfledermäusen. „Teilweise trugen sie die Fledertiere in ihrem Schnabel aus der Höhle heraus und fraßen sie auf Bäumen in der Nähe der Höhle“, werden die Forscher zitiert. Jetzt ist es also raus: Der wahre, echte, schauerlich Dracula, das Monster schlechthin ist ... eine Kohlmeise. Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
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